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Brief (30-07521)

Kurhaus Acker Wildhaus

Telephon No. 20  Toggenburg [St. Gallen]

Besitzer: Famillie Forrer

Wildhaus, den 18. März 1917.

 

Lieber Freund,

Für zweierlei habe ich Ihnen neuerdings zu danken: für Ihren Brief vom 25 ,Horner‘, der am 4. März hier eingetroffen, und für Ihr Separatum aus dem Litbl.[1], das am 13. angekommen ist. – Wegen des ,Krähenfleisches‘[2] habe ich mich noch nicht umthun können, da ich seit dem 1. März das Zimmer hüte: ich habe nämlich beim Ausgleiten auf schneeiger Halde den Fuss gebrochen – das Krack! tönt mir noch im Ohr –, was eine unwillkommene Beigabe zu dieser Erholungszeit ist. Indessen ist der Bruch ohne Komplikation, der Landarzt vortrefflich, & so bin ich schon über die ersten Gehversuche hinaus & humple an meinem Krückstock bereits die Treppe hinunter in den Speisesaal. So habe ich gegründete Hoffnung, dass mich so um den 20. April meine Berliner Kollegen werden begrüssen können:

            Sehet nur, da kimmt er,

            Grosse Schritte nimmt er.[3]

Das Tröstliche hat das schmerzliche Erlebniss, dass es mir gezeigt, dass mein Diabetes mir noch nicht viel hat anhaben können, sonst würde die Heilung des 62jährigen Knochens nicht so rasch erfolgt sein. Das ist das Verdienst meiner Frau, in deren ,Sanatorium‘ ich seit Jahren spezifisch verpflegt werde.

Leider muss ich nun verschiedene Besuche, die ich mir für April vorbehalten hatte, aufgeben. Ich wollte insbesondere im Büro des rätorom. Idiotikons, das zur Zeit in St. Gallen ist, einen Besuch machen. Das Unternehmen ist nun ein Dutzend Jahre alt, hat reichliches Material beisammen, & eben hat die Redaktion in den Annalas einige Probeartikel des Diziunari erscheinen I2I lassen – Stoff genug, um daran zu lernen & zu lehren.[4]

Sie können sich denken, mit welchem Interesse ich Ihr Bekenntniss zum Bekenntnis Saussure’s gelesen habe. Ich habe das Buch nicht hier, habe es überhaupt nicht gelesen, sondern diesen Sommmer nur durchblättert, nachdem es Bally mir zugesandt. Mir fehlt der Überblick, & es fehlen mir direkt die Kenntnisse, um das Buch beurtheilen zu können. Manches Detail setzte beim Blättern den Romanisten in Verwunderung & fand ihn ungläubig. – Ich meine, die Romanisten ,sollten‘ sich nicht nur des Primats würdig – wie Sie sagen – zeigen, den die Sprachforschung ihnen zugesteht, sondern sie haben sich dessen in den letzten Zeiten auch würdig gezeigt – ducibus Hugone Sch. et aliis. (Anm. Ist übrigens einige Zeilen weiter unten ,Séchéhaye‘ [sic] nicht ein Druckfehler für ,Saussure‘? Die darauf folgenden Zeilen sprechen doch von ,ihm‘, Saussure).

Was Sie gegen Saussure’s System-Nest einwenden, ist einleuchtend. Die Forderung der Trennung der ,synchr.‘ & ,diachr.‘ Sprachforschung, der ich zuerst bei Bally begegnet bin – der sie natürlich von seinem Lehrer hat – habe ich in den Seminarübungen über Bally’s Stylistique immer abgelehnt. Ich glaube, diese Forderung entspringt methodologischen Erwägungen: in der psychologischen Deutung synchr. sprachlicher Thatsachen soll sich der Forscher nicht durch historische Erwägungen bestimmen & voreingenommen machen lassen. Der Begriff der ,Homonymität‘ ist z.B. ein rein historischer. Der Umstand, dass die franz. Lautverbindung das Restultat von quinque, sanctum, sanum, cinctum, sinum etc. darstellt, hat natürlich gar keine Bedeutung für die Erforschung des sprachlichen Empfindens des heutigen Franzosen, der sẽ hört oder spricht. Für ihn ist das Wort sẽ ein mehrdeutiges Wort, nicht anders als z.B. fille = ,Tochter‘, ,Dirne‘ oder chevron ,Zicklein‘, ,Dachsparren‘ etc. – Ich bin also ganz wie Sie der Meinung, dass unsere Sprachforschung sowohl ,synchr.‘ wie ,diachr.‘ sein muss, sowohl psychologisch als historisch, glaube aber auch, dass es für den I3I Forscher ersichtlich ist, gelegentlich rein psychologisch synchr. Vorzugehen. Jedenfalls ist es für Studenten ersichtlich, & ich freue mich Ihres sehr anerkennenden Urtheils über Bally’s Buch.

Ich habe übrigens Ihrem sehr berechtigten Wunsche, dass der Forscher irgend wo in seine Arbeit sein Glaubensbekenntnis einfügen solle, längst entsprochen, zum Theil wenigstens. Aus Anlass von Gauchat’s Aufsatz über die Unité phonétique des Patois von Charmey[5] habe ich 1905 oder 1906 im Archiv[6] mein linguistisches Herz ausgeschüttet, aber eben nicht als ,allgemeiner‘ sondern nur als ,romanistischer‘ Linguist. In den zehn Jahren, die seiher verflossen sind, habe ich natürlich mancherlei dazu gelernt – aber grundsätzlich denke ich noch so. Ich fühle dabei keinen Gegensatz zu Ihnen. –

Übrigens enthält das Litbl. vom Januar eine Besprechung der Dissert. der Dr. Jacoby durch Meyer-Lübke[7], aus der ich sehe, dass Meyer der Begriff der ,lautlichen Analogie‘ fremd ist. Er hätte ihn doch von Ihnen lernen können & Gauchat gibt aus Charmey lehrreiche Belege. Meyer scheint dazu den ,Umlaut‘ für’s Französische überhaupt leugnen zu wollen. Wenn das nicht einfach ein Streit um’s Wort ist, so stehe ich vor einem Rätsel. Für mich ist franz. ai, e < lat. a (sain, mer) ebenfalls ,Umlaut‘, so gut wie ū > y & an der Ausdehnung dieser ,Palatalisierung‘ der latein. Vokale a, ū etc hat die lautliche Analogie entscheidenden I4I Antheil gehabt.

Nun aber Schluss. Die Finger wollen nicht mehr. Ich leide an Schreibkrampf, was mich besonders in der Korrespondenz sehr behindert. Mit Neid sehe ich Ihre schöne gesunde Schrift.

Am 4. April wollen wir hier unsere Zelte abbrechen; Ostern feiern wir mit den Verwandten in Winterthur & Zürich, & dann geht’s Berlin wärts in’s Sommersemester.

            Chalanda Mars, chaland‘ Avrigl!

            Lasché las vachas our d’uigl [=ovil],

            Cha l’erba crescha

            E la naiv svanescha![8]

 

Herzlich grüsst Ihr getreuer

H. Morf,

im Namen des Achtverbandes[9]



[1] Vgl. Anm. 4 zu Lfd. Nr. 29-07520.

[2] Vgl. von Schuchardts Schüler Richard Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. Ein Beitrag zur vergleichenden Bedeutungslehre, Dresden-Leipzig 1909, 156: „Redensart to eat crow, Krähenfleisch essen, was unserem deutschen ,in den sauren Apfel beißen‘ entspricht. Eben infolge der Ungenießbarkeit des Fleisches ist es eine ganz unnütze Arbeit, wenn man die Krähe rupft, weswegen im Engl. to pluck the crow, die Krähe rupfen, ,sich um ein Nichts bemühen‘ bedeutet“.

[3] Variante der sog. Stettiner Polka „Siehste wohl, da kimmt er, lange Schritte nimmt er, siehste wohl, da kimmt er schon, der besoffne Schwiegersohn“.

[4] Zu Einzelheiten  vgl. Jakob Jud, „Vorwort zum Dicziunari rumantsch grischun“, VRom 4, 1939, 1-19, bes. 16 (über Chasper Pult von der St. Galler Handelsschule 1913 zum Redaktor des Dicziunari gewählt wurde und in jahrelanger Mühe mehrere Probeartikel vorbereitete).

[5] Louis Gauchat, L’Unité phonétique dans le patois d’une commune, Halle a.S. 1905; auch in: Aus Romanischen Sprachen und Literaturen. Festschrift Heinrich Morf, Halle a.S. 1905, 175-232.

[6] „Die romanische Schweiz und die Mundartenforschung. Vortrag, gehalten in der dritten allgemeinen Sitzung der 49. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Basel am 27. September 1907“, ASNSpr 119, 1907, 399-423.

[7] Meyer-Lübke, Besprechung von Elfriede Jacoby, Zur Geschichte des Wandels von lat. ū zu y im Galloromanischen, Braunschweig-Berlin 1916, Literaturblatt f. germ. u. rom. Philologie 38, 1917, 25. Die Verf.in hatte bei Morf promoviert.

[8] Variante eines bekannten Frühlungslieds, wie es heute noch im Val Müstair und vielen anderen Schweizer Tälern gesungen wird.

[9] Vgl. Anm. 5 zu Lfd. Nr. 13-07504.