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Brief (24-07515)

z. Z. Neubrandenburg i./M.

29.XII.15.

BERLIN-HALENSEE

100 Kurfürstendamm

 

Verehrter lieber Freund & Kollege,

Da sind wir wieder in unserer kleinen stillen Reuterstadt, dem Treiben des grossen Berlin entrückt, und verleben eine Woche beschaulichen Daseins, die Zeit behaglich theilend zwischen den Spaziergängen durch die winterlichen Wälder & Fluren und Arbeit & Lektüre zur Seite des wärmenden Kachelofens. Wie wohl ein solches lyrisches Intermezzo mitten im Semester thut!

Von neuem habe ich Ihre lieben Briefe vom November gelesen & mich an ihnen erfreut. Ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie mich aus der Ferne an Ihren Arbeiten Theil nehmen lassen. Es wird mir eine grosse Freude sein, einen sprachphilosophischen Beitrag von Ihnen in unseren Sitzungsberichten oder Abhandlungen gedruckt zu sehen, sei es, dass Sie ihn direkt an den derzeitigen Sekretar Diels übersenden, sei es dass Sie ihn mir zugehen lassen wollen, damit ich ihn in der Klassensitzung überreiche. Mit mir werden auch die Andern sich freuen.

Für ihre baskischen Studien weiss ich Ihnen einen Rath: kommen Sie herüber zu uns! In den Kriegsgefangenenlagern sind franz. Basken in grosser Zahl vorhanden: ein bequem zu erreichendes Material, das I2I nur des Bearbeiters harrt. Es ist behördlicher Wunsch[1], dass diese linguistisch einzigartige Gelegenheit nicht unbenützt bleibe – aber wer soll denn sich gerade des Baskischen annehmen? Wissen Sie ausser Ihnen jemand der zur Zeit das machen könnte? Und für das Georgisch? Auch das Berberische ist in Fülle vorhanden. – Es ist zunächst beabsichtigt, phonographische Aufnahmen in den Mannschaftslagern zu machen; linguistische Untersuchungen sollten aber diese mehr technische Arbeit begleiten, fundieren, erweitern. Wer kann das aber für das Baskische, Georgische, Berberische? Wer – ausser Ihnen? Ich wäre Ihnen für einen guten Rath sehr dankbar. Die Arbeit soll möglichst rasch beginnen. –

Ihre Auffassung, dass im höhern Unterricht das Französische auch in Zukunft vor dem Englischen den Vortritt haben soll, theile ich vollkommen. Die Gegner des Französischen bestürmen zur Zeit die Schulbehörden & das ist, glaube ich, nicht weiter ängstlich. So lange der Krieg dauert, wird keine Änderung eintreten; und wenn einmal mit dem Kriege auch die Erregung vorbei ist, werden viele sich besinnen, die jetzt mit den Heissspornen schreien. Die Aufforderung, mich in I3I der Sache öffentlich zu äussern, habe ich deshalb vorläufig abgelehnt. Ich glaube, dass kein periculum in mora ist.

Die Fremdwörterfrage lässt mich ziemlich kühl. Ich glaube, die Sache läuft von selbst. Wenn ich die Fremdwörterfülle der Briefe des alten Kaisers Wilhelm vergleiche mit dem Deutsch, das eine jüngere Generation schreibt, dann erkenne ich eine so starke & gesunde Entwicklung in der ,Entfremdung‘ unserer Sprache, dass man, glaube ich, die Sache sich selbst überlassen kann. Jedenfalls ist, wie Sie sagen, Mässigung & Milde am Platz. Unsympathischer als die Fremdwörter ist mir, wie Ihnen, das Gebahren derer, die aus der Fremdwörterfrage das Schiboleth ,teutscher‘ Gesinnung machen. Ich selbst gehöre noch zur älteren Schule & Gewöhnung & brauche wohl manch ,überflüssiges‘ Fremdwort, schon weil ich, sozusagen, zweisprachig aufgewachsen bin. Ich gehöre zu denen, von denen Sie sagen, dass sie „Resultat“ (neben &) für ,Ergebniss‘ brauchen & die sich keines Args dabei bewusst sind. Von denen darf gelten: Verzeiht ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. – Die Fremdwörterfrage ist für mich eine Frage des Geschmackes. Die Häufung übeflüssiger Fremdwörter ist ein Verstoss gegen den guten Geschmack. Seit I4I mir das zum Bewusstsein gekommen ist – es ist schon lange her – achte ich auch auf meinen eigenen Fremdwörtergebrauch, in welchem ich früher ganz sorglos war. Sie werden finden, dass ich darin fortfahren darf, da ich, für Ihr Empfinden, sicher immer noch zu viel Fremdwörter brauche. Ich will es thun & sollte mein ,Von der Form wissensch. Arbeiten‘ einen Neudruck erfahren[2], so werden Sie darin als ,Ergebnis‘ die Fremdwörter einer Revision unterzogen sehen. Verschwinden werden sie nicht, denn variatio delectat & neben dem ,Ergebnis‘ & der ,Zusammenfassung‘ wird das ,Resultat‘ & das ,Résumé‘ zur Abwechselung stehen. – Ein akademischer Sprachreiniger hat mir neulich in einer Laudatio – für Adickes; sie steht im Bericht über die Leibniz-Sitzung – das Wort ,Polis‘ durch ,Gemeinde‘ ersetzt & mir damit die historische Tönung des ganzen Satzes verhunzt.[3] Ihm sagte ,Polis‘ nichts, mir sagte es sehr viel. Hier weiss ich Sie auf meiner Seite. Warum sollte für mich nicht auch ,Revision‘ eine andere ,Nüance‘ haben als ,Durchsicht‘? Ich vertheidige das Recht der Individualsprache, die die einzig wirkliche Sprache ist & die in jedem von uns ihre eigene Färbung hat. – So mag denn eine neue Generation weniger Fremdwörter brauchen (obschon sie deshalb nicht deutscher empfindet als die ältere) – j’y applaudis des deux mains. Ja, ich gehe – langsam – mit, soweit es die auf dem Grunde meines Lebens gewachsene Sprache des Individuums Morf gestattet.

I5I Mit meinen Schweizer Freunden & Schülern Gauchat, Jud, Bovet[4] etc. ruht auch mein Briefverkehr. Er würde nicht erspriesslich sein können. ,Wissen & Leben‘ ist ein Sprechsaal – wie es das von Anfang an hat sein sollen. Bovet musste das aufrecht erhalten – was er selbst zum Kriege sagt, ist von jener Voreingenommenheit gegen Deutsch & für Romanisch, die er selbst für ,neutral‘ hält. Dabei ist der Krieg für diese Schweizer von allem Anfang an ein deutsch-franz. Krieg gewesen; dass Deutschland-Oesterreich sich vor allem der russischen Gefahr zu erwehren hatte, das brannte die Schweizer nicht auf die Finger & war für sie quantité négligeable. Sie sehen im Krieg nur, was an ihrer Grenze vorgeht eine: eine Neuauflage von 1870/71. ,Die Russen – sagte Bovet zu meiner Tochter – das ist dann eine Frage für meinen Sohn!‘ Das nennt sich jetzt ,alemannisch‘, ,helvetisch‘ & wie die neuen Ausdrücke jetzt lauten, die der Deutschschweizer vom Welschen bezieht. – Freilich habe auch ich unter meinen Freunden & Bekannten noch viele, die dem deutschen Wesen gerecht werden, ja, die sich zu ihm zählen. Aber zur Zeit möchte ich nicht nach der Schweiz gehen, aus Besorgnis gerade in den mir vertrautesten Kreisen ehemaliger Schüler mich nicht frei ergehen zu können.

I6I Haben Sie Morel-Fatio’s Beitrag zur Kriegsliteratur gesehen? In der Einleitung zu seiner ,kritischen‘ Ausgabe des ‚Appel aux nations civilisées‘ zieht er seinen alten Freund Morf in den Dreck[5]. Traurigkeit & Ekel überkam mich als ich es las: tiefe Traurigkeit, denn Morel war & ist der Intimus des Hauses G. Paris, in welchem ich mit ihm aus- & eingegangen bin. So tönt’s jetzt aus diesem für mich geweihten Hause zu mir herüber. Wie sind diese Köpfe alteriert!

Il tempo è galantuomo – ja wohl. Aber wenn man 61 Jahre zählt hat man doch wohl nicht mehr so viel tempo vor sich um dergleichen Wunden verharschen zu lassen.

Zum Arbeiten komme ich fast gar nicht. Der Unterricht nimmt mich mehr als je in Anspruch. An den Plan, den ich noch hatte, eine Geschichte der französischen Sprache zu schreiben, mag ich vorläufig gar nicht denken. Ist aber das καὶ  ἐπὶ  γῆς  εἰρήνη ἀνθρώποις[6] wieder wahr geworden, mag es auch wieder anders kommen.

Möge das neue Jahr uns diesen Frieden bald bringen & auch Ihnen viel Gutes & Schönes bringen.

In herzlicher Ergebenheit

Ihr ergebener

H. Morf.



[1] Die 1915 ins Leben gerufene Königlich Preußische Phonographische Kommission hatte das Ziel, Sprache und Musik von in deutschen Kriegsgefangenenlagern festgehaltenen Ausländern zu dokumentieren. Renommierte deutsche Wissenschaftler waren an diesem Projekt beteiligt, die Gesamtleitung hatte Professor Carl Stumpf, der Gründer des Berliner Phonogramm-Archivs; vgl. auch Wilhelm Doegen, Unsere Gegner damals und heute : Engländer und Franzosen mit ihren europäischen und fremdrassigen Hilfsvölkern in deren Heimat, an der Front u. - in deutscher Gefangenschaft im Weltkrieg u. im jetzigen Kriege. Veröffentlichgn nach amtlichen Aufzeichngn u. mit eigenen Original-. Aufzeichnungen, Berlin-Lichterfelde 1941. Diese Aktivität war aber nicht auf Deutschland beschränkt, vgl. Rudolf Pöch, Phonographische Aufnahmen in den k. u. k. Kriegsgefangenenlagern, Wien 1916.

Anzumerken ist, dass Morfs Tochter Frida Morf-Lehner das Kriegsgefangenenlager Darmstadt besucht und darüber in der Zeitung berichtet hatte, vgl. Stuttgart, HStA M 1/6 Bü 1419.

[2] Es gibt Auflagen von 1912 und 1916.

[3] SB der Kgl. Preuß Akad. d. Wiss. zu Berlin, Jg. 1915, Erster Halbband, 507: „Franz Adickes hat während seiner zwanzigjährigen Leitung der Stadt Frankfurt der Wissenschaft ungewöhnliche Dienste geleistet dadurch, daß es ihm gelungen ist, in der städtischen Verwaltung das Verständnis für wissenschaftliche Aufgaben der Gemeinde zu wecken und dauernd wachzuhalten. Er hat die in Frankfurt vorhandenen zersplitterten wissenschaftlichen Interessen und auseinanderstrebenden wissenschaftlichen Institute mit Klugheit und kraftvoller Hand vereinigt und es zustande gebracht, daß die Stadt selbst dabei mit Unterstützungen nicht gekargt hat. Man kann sagen, daß er in seiner Gemeinde eine Politik zielbewußten wissenschaftlichen Geistes inauguriert und durch-geführt hat“.

[4] Lous Gauchat (1866-1942), Jakob Jud (1882-1852) und Ernest Bovet (1870-1941); mit diesen Schweizer Romanisten stand auch Schuchardt in Briefkontakt.

[5] Alfred Morel-Fatio, Les Versions allemande et française du manifeste des intellectuels allemands dit des quatre-vingt-treize. Paris, A. Picard, 1914, Avant-propos, 13-14: „MM. Heusler de Bâle et Morf de Zurich n'ont versé pour le Deutschland über alles que leur encre. Le cas de M. Morf est particulièrement répugnant. Non content de signer l‘Appel, il a trouvé délicat de faire allusion à Gaston Paris, son ancien maître, dans une leçon prononcée à Berlin, au moment presque où la brute sauvage, qui commande l'armée impériale en Champagne, dirigeait sur la cathédrale de Reims quelques-uns de ses plus lourds obus Or, tous ceux qui ont connu de près Gaston Paris savent que, parmi les crimes exécrables commis par les Allemands contre les choses, aucun ne lui aurait plus percé le cœur que le barbare et stupide bombardement de la vénérable église : cette église à l'ombre de laquelle on peut dire qu'il passa son enfance, dont les merveilles l'initièrent aux gloires de notre ancienne monarchie et déposèrent en lui les germes de cet attachement à la maison de France dont il aimait à faire profession ainsi que son père Paulin Paris. M. Morf a manqué non moins gravement à la mémoire de son prédécesseur à l'Université de Berlin, Adolphe Tobler, ce Suisse de la vieille roche, de mentalité très germanique, comme le montrent ses œuvres, mais doué d'une belle indépendance de caractère et qui ne s'est jamais laissé domestiquer par les suppôts d'un Hohenzollern“.

[6] Lukas 2,14.