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Brief (21-11726)

Berlin d. 26. Nov. 1905

Verehrter Herr Kollege,

haben Sie schönen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 7. Okt. und zugleich für die gestern nachgekommene Karte über „avec“. Also Ihnen hat P. M.[1] auch die deutsche Mutter eingestanden! Mir hatte er Nov. 1905 geschrieben: mon grand-père paternel était de Strasbourg (je ne l’ai jamais connu); mon père savait plus ou moins parler allemand, mais il était né à Joigny, ville où son père s’était marié (vermutlich mit einer Französin, die er dann nach Straßburg brachte oder die ihn in J. festhielt?), de sorte que l’usage de l’allemand ne lui avait jamais été habituel et que je n’ai pas eu de facilités particulières pour apprendre cette langue. Vermutlich wird über diese Verhältnisse, die sich je nach Umständen etwas zu verschieben scheinen, volle Klarheit sich spät oder nie verbreiten. Es liegt auch nicht viel daran. Gewiß ist, daß M. sich nicht gern zu irgend einem Zusammenhang mit Deutschland bekannt [hat], und dabei kann man ihn ja belassen, ohne sich ein Lächeln über die Etymologie seines Namens zu versagen, die ich doch für mehr als Spaß halte (Romania II 435)[2].

I2I Auch ich habe ihn seit etwa 30 Jahren nicht mehr gesehn und könnte mir ihn kaum vorstellen ohne eine Photographie, die mir übrigens durchaus nicht den Eindruck des „Klapprigen Rabbiners“ macht, als der er unlängst einem meiner Schüler erschienen ist. (Auch die Frage der jüd. Herkunft wird schwer zu beantworten sein[3]). Schriftlich u. mündlich hat er sich mir immer nur sehr artig gezeigt, namentlich seit Paris‘ Tode; im Drucke nicht jederzeit, wie das bei den „Latins“ öfter vorkommt, übrigens auch bei Germanen nicht unerhört ist. Auch Thomas[4] läßt in Briefen das Bewußtsein der Überlegenheit weniger erkennen als er manchmal in Besprechungen tut. Die Herrn meinen offenbar, ihrem Volke jene Kundgebungen zweifelloser Hegemonie schuldig zu sein. Bisweilen erlaube ich mir wohl auf unbillige Äußerungen, wenn sie mich angehn, brieflich zu antworten (eine Zeitschrift habe ich ja nicht mehr zur Verfügung) u. habe es z.B. mit Bezug auf Rom. 34, 133 Z. 4 getan, wo mich wahrlich nicht die Bezweiflung meiner Etymologie verdrossen hat, die ich gern einer einleuchtenderen gegenüber preisgebe, wohl aber die Unterschiebung als hätte ich selbst die Unzulänglichkeit meiner Beweisführung erkannt, nur nicht bekannt.[5]

I3I Sind Sie übrigens nicht auch persönlicher Schüler Diezens gewesen? Wenn ja, so können Sie sich denken, ob mich interessieren würde Ihr Urteil über ihn als Lehrer kennen zu lernen.[6]

Mit besten Grüßen Ihr ergebener

Adolf Tobler.



[1] Paul Meyer (1840-1917) war ein anerkannter französischer Romanist, Freund von Gaston Paris. Der vorliegende Brief bietet interessante Information zu Meyers Lebensumständen, von denen man nicht allzu viel weiß; vgl. insbes. Jacques Monfrin, Études de philologie romane, Genève: Droz, 2001 (Publications Romanes et Françaises, CCXXX), Abschn. 1 („A l’École de Paul Meyer“), hier bes. 21f.

[2] „Je suis assez porté à croire que dans certains cas, le nom propre Meyer, qu’il conviendrait alors prononcer Meyé (comme au reste on fait dans le midi), vient de mediarius (plus exactement *medierius) et correspond au provençal megier, colon partiaire“ (Romania II, 1873, 435, Fortsetzung der Anm. 3 von S. 434). Der Name geht natürlich auf lat. maior zurück mit der Bedeutung „Verwalter“.

[3] Sie wurde (fälschlich) von Édouard Drumont in einem Artikel in La libre parole (4.9.1898, „Goujaterie juive“) (und zuvor bereits in La France juive) behauptet: „Le juif Meyer, qui dirige notre École des chartes (!), affolé par le suicide d’un officier supérieur [= le colonel Henry], envoyait hier ce spirituel mot sur sa carte au général de Pellieux: sincères condoléances“; vgl. Bertrand Joly, „L’École des chartes et l’affaire Dreyfus“, Bibliothèque de l’École des Chartes 147, 1989, 611-671, hier 646. Auf S. 661 findet sich der Brief Meyers an die Redaktion von La libre parole („j’affirme de nouveau que je suis catholique, né à Paris de parents catholiques et dont les ascendants des deux parts furent catholiques“). Die antisemitische Zeitschrift versah den Brief mit der Nachschrift: „Meyer n’est pas juif de religion, c’est entendu. Mais il est juif de tempérament, il est juif par le cœur (!) et par le cerveau s’il ne l’est d’origine“. Meyer wurde von antisemitischer Seite nicht zuletzt angegriffen, weil er wichtige Handschriftenexpertisen in der Dreyfus-Affäre erstellt hatte, die dessen Unschuld bewiesen.

[4] Antoine Thomas (1857-1935), Schüler Meyers, von 1889-1933 Professor an der Sorbonne.

[5] Es handelt sich um eine Besprechung von Toblers Etymologisches, Berlin 1904, durch Antoine Thomas.

[6] Dazu Erhard Lommatzsch, „Briefwechsel zwischen Adolf Tobler und Friedrich Diez. Zur 150. Wiederkehr des Geburtstages von Friedrich Diez am 15. März 1944“, ZrP 64, 1944, 193-210. Diese Briefe stammen aus den Jahren 1869-73