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Brief (11-11716)

Berlin, d. 30. Mz 1894

Verehrter Herr Kollege,

es ist mir sehr überraschend, daß Richthofen Sie ohne Antwort gelassen hat[1]; er ist sonst nicht von denen, die Anlaß zu Klagen über Unhöflichkeit geben. Wenn ich ihn wieder sehe, will ich ihn an die Sache erinnern. Die Frage nach dem Schicksale von Gab.s Bibliothek kann ich zum Glück selbst beantworten. Gabelentz hat letztwillig bestimmt, daß sie in Goßnitz[2], wo sie bisher immer sich befunden hat, auch weiter bleibe, bis sein noch ganz junger Sohn zweiter Ehe volljährig sei. Sollte dieser sich nicht linguistischen Studien zuwenden, so soll sie verkauft werden, & zwar soll Gabelentz‘ Neffe & Schüler der Graf Schulenburg[3] das erste Recht haben sie für 250000 M. zu erwerben. Nun, höre ich, soll Sch. sie jetzt schon übernehmen wollen mit dem Vorbehalt, daß sie seiner Zeit dem jungen Gabelentz zurückzugeben sei, wofern er Anspruch darauf erhebe.[4]

I2I Meine Studienzeit in Bonn fällt in die Zeit von Ostern 1856 bis Ostern 1857 (es ist ein Versehn, wenn es in dem Briefwechsel zw. Haupt u. Diez S. 14 heißt, ich hätte erstern in den Osterferien 1857 kennen gelernt; es soll heißen Herbstferien 1856).[5] G. Paris ist zum Wintersemester 1856/7 nach Bonn gekommen, & ich habe ihn am 8. Nov. zum ersten Mal gesehn. Wir sind uns auch damals schon nahe getreten, wohl weniger duch Diez‘ Vermittlung als durch die der ziemlich zahlreich in Bonn studierenden französischen Schweizer, mit denen ich als Landsmann & er darum verkehrte, weil er bei seiner Ankunft noch kein Deutsch sprach. Ich besitze noch ein Buch, das er mir beim Abschied schenkte, als ich im Frühjahr 1857 nach der Schweiz zurückkehrte; es sind die Portraits litt. von G. Planche. Ein gemeinsamer Freund war der Wadtländer Ch. Morel[6], der später zur Redaktion der Revue crit. gehörte (jetzt zu der des Journal de Genève). Nachmals knüpften wir wieder an, als ich 1861 zum ersten Mal einen längern Aufenthalt in Paris machte; wiederholtes Wiedersehn & zweitweise lebhafte Korrespondenz haben I3I das Übrige gethan.

Für Ihre baskischen Etymologien[7] sage ich verbindlichsten Dank-

Ihr ganz ergebener

A.   Tobler.



[1] S. Anm. 2 zu Brief 10-11715.

[2] Gemeint ist Gößnitz (sic) im heutigen Landkreis Altenburger Land in Thüringen.

[3] Albrecht Conon Graf von der Schulenburg (1865-1902) war Sprachforscher, jedoch ohne ein akademisches Amt.

[4] Das Schicksal der Bibliothek lässt sich nicht genau klären. Wenn sie, was naheliegt, in Teilen mit der sprachwissenschaftlichen Bibliothek von Hans Conon von der Gabelentz identisch war, so ist diese von Schloss Poschwitz (Altenburg i. Th.) 1945 als Beutegut in die Sowjetunion verbracht worden.

[5] Möglicherweise hatte ihn Schuchardt in einem jetzt verlorenen Brief auf seine Ausgabe Briefwechsel zwischen Moritz Haupt und Friedrich Diez aus Anlass der hundertsten Wiederkehr von Diez‘ Geburtstage (15. März), hrsg. von Adolf Tobler, Berlin 1894, angesprochen.

[6] Charles Morel (1837-1902), ausgebildeter Romanist, gab von 1863-73 Kurse in Klassischer Philologie (Latein) an der ÉPHÉ, bis er 1874 zum Journal de Genève wechselte.

[7] „Baskische Studien I. Über die Entstehung der Bezugsformen des baskischen Zeitworts“, Denkschr. der Wien. Ak. 42, III, 1883, 1-82.