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Brief (08-11713)

Berlin W Schillstr. 11.

28. Apr. 1890.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Eine bei mir etwa vorhandene Mißstimmung gegen Sie zu beseitigen hätte sicher niemand mit mehr Aussicht auf Erfolg versuchen können als mein lieber Jugendfreund G. Paris.[1] Ihm etwas abzuschlagen würde mir schwer, und dazu giebt er das schönste Beispiel freundlichen Entgegenkommens nach allen Seiten. Es bedarf aber keiner Begütigung, wo keinerlei Groll vorhanden ist. Ihre Zeilen erinnern mich erst, daß aus Anlaß der Diez-Stiftung Sie mir einmal – ich weiß in der That nicht mehr wo noch wie – entgegen getreten sind. Vielleicht dass ich damals Verdruß darüber empfand; denn mit der auf Drängen anderer, ohne viel eigene Lust und Zuversicht in die Hand genommenen Sache hatte ich viel Not u. Plage, so daß ein Entgegenwirken aus der Mitte der Romanisten selbst mir nicht willkommen sein konnte. Aber das liegt weit hinter uns, und die Unzuverlässigkeit meines Gedächtnisses hat sich mir hier – wie in manchen andern Fällen – als etwas erwiesen, das doch auch sein Segen sein kann.

I2I[Dagegen ist mir allerdings im Sinne geblieben, daß Sie – es sind auch Jahre her – an die hiesige Akademie, der ich damals nicht angehörte, eine Entgegnung auf mein Gutachten über Stünkel[2] und seine Mitbewerber einsandten, die unter Umständen mir hätte schaden können. Nun, mir zu schaden, Steine in den Weg zu legen ist kein Verbrechen, am wenigsten dann, wenn einer guten Sache damit gedient ist. Das war aber damals durchaus nicht der Fall, wie mir schien u. noch scheint. Stünkels Arbeit war sicher die beste der vier, und war für eine Studentenarbeit (nur Studenten oder doch noch nicht irgendwie Angestellte waren zur Bewerbung zugelassen) überhaupt anerkennenswert. Der Preis war erteilt und blieb dem Sieger, gleichviel wie man nachträglich den zur Begutachtung Herbeigezogenen bei der Akademie herabsetzte. Wenn ich bei solcher Lage der Dinge annahm, es müsse eine besondere Mißstimmung gegen mich Sie zu dem seltsamen Schritte veranlaßt haben, so glaube ich doch nicht, meinerseits Ihnen darum gezürnt zu haben. Ich war einfach befremdet durch ein Vorgehn, I3I zu dem ich mich in ähnlicher Lage schwerlich entschlossen haben würde].[3] Daß ich Ihnen oder sonst wem in Thun oder Reden Mißstimmung gegen Sie zu erkennen gegeben haben sollte, kann ich nicht glauben. Hat sie innerlich gleichwohl bei mir bestanden, so ist sie jedenfalls heute längst verflogen. Ich bin 55 Jahre alt und habe wenig Neigung den Rest meines Lebens mehr als es durchaus sein muß, mit Empfindungen zu belasten, die seine Annehmlichkeiten keineswegs erhöhen würden.

Es freut mich, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben Ihnen das zu sagen. Habe ich, wovon mir jedes Bewußtsein abgeht, Sie irgend gekränkt, habe ich gethan oder gesagt, was Ihnen Übelwollen zu verraten schien, so wollen Sie mir das kundthun. Jedenfalls seien Sie überzeugt, daß wenn etwas uns einmal in persönliche Berührung bringt, keinerlei Erinnerung an wirklich oder vermeintlich erlittenes Unrecht mir eine freundschaftliche Annäherung erschweren wird.

Ihr ganz ergebener

Adolf Tobler.



[1] Sowohl Gaston Paris, als auch Adolf Tobler haben im WS 1856/57 in Bonn studiert und sich später als Diez-Schüler bezeichnet. Wie eng ihr Kontakt war, lässt sich heute nicht mehr im einzelnen ermitteln. Aus der Rückschau mag Tobler durchaus von Jugendfreundschaft sprechen. Offenbar hatte Gaston Paris brieflich versucht, die zwischen Tobler und Schuchardt zweifellos bestehende „Mißstimmung“ auszugleichen. Zu weiteren Einzelheiten vgl. u. Brief 11-11716.

[2] Ludwig Stünkel (1851-?) hatte in Tübingen, Leipzig, Berlin und Straßburg Romanistik studiert und war im Juli 1874 in Straßburg mit der Arbeit De Varroniana verborum formatione promoviert worden. Anfang 1875 bewarb er sich mit der Abhandlung „Verhältnis der Sprache der Lex Romana Uticenis“ um den Preis der Charlottenstiftung der Kgl. Preuß. Akad. d. Wiss., die als Aufgabe das Thema „Verhältnis der Sprache der Lex Romana zur schulgerechten Latinität in Bezug auf Nominalflexion und Anwendung der Casus“ gestellt hatte. Am 1.7.1875 wurde ihm der Preis zugesprochen; die Arbeit erschien im Jb. f. Philologie, Supplementbd. VIII, 585-645, und separat bei Teubner. Toblers Urteil ist abgedr. in: Monatsberichte d. k. Preuß. Akad. d. Wiss. 1875, 450-456. Schuchardt hat dagegen in der ZrP 1, 1877, 111-125 polemisiert. Dieser Text dürfte argumentativ mit seinem „Gegengutachten“ übereinstimmen. Er endet: „Ich glaube gern, dass Herr Stünkel die Fähigkeit besitzt, Tüchtiges in der Wissenschaft zu leisten; nur geht dies nicht aus der besprochenen Abhandlung hervor. Denn er ist mit wenig Neigung an den Gegenstand herangetreten, dessen Wahl ihn mit einiger Verwunderung erfüllt hat und der seinen bisherigen Studien weit ferner lag, als er vermeinte. Es ist, beiläufig gesagt, ein unter den classischen Philologen nicht seltener Irrthum, dass eine erfolgreiche Beschäftigung mit dem Vulgärlatein ohne eine mehr als oberflächliche Kenntniss des Romanischen möglich sei. Dieses Unbehagen an der Arbeit, das sich in jeder Zeile ausspricht, erklärt es, dass wir in der Stünkel’schen Schrift alle die Eigenschaften vermissen, welche man in den Schulausdruck ,Sauberkeit‘ zusammenzufassen pflegt. Sie ist sehr unvollständig in Bezug auf den Stoff, den sie bietet, und in Bezug auf die Darstellung desselben sehr geeignet, Jeden, der das Gebiet nicht völlig beherrscht, zu verwirren und in’s Dunkle zu führen; im Ganzen also ist sie unbrauchbar“.

Wer Stünkels Mitbewerber waren, konnte ohne umfängliche Recherchen nicht festgestellt werden; zur seiner Biographie vgl. Kössler, Personenlexikon, online, der man entnehmen kann, dass Stünkel später Lehrer in Metz war.

[3] Dieser Abschnitt in eckigen Klammern fehlt in der Wiedergabe Storosts, Hugo-Schuchardt, 1992, Nr. 94, 97-98. Er ist jedoch nicht unwesentlich für das Verhältnis Tobler-Schuchardt, das durch die Sache Stünkel ebenso beschädigt wurde wie seinerzeit  durch Schuchardts Opposition gegen die Berliner Diez-Stiftung.