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Brief (02-11707)

Berlin, d. 11. Jan. 1872.

Geehrtester Herr Doctor.

Das Wenige, was ich betreffend die Besetzung der romanischen Professur in Straßburg mit Sicherheit sagen kann, ist, daß Freiherr von Roggenbach[1] vor Weihnachten bei mir war und mich fragte, ob ich die Stelle annehmen wolle, was ich sofort und ohne mir erst ein Angebot machen zu lassen, verneinte, da ich keinen Grund habe mich aus meinem jetzigen Wirkungskreis hinaus zu wünschen. Im Verlaufe weiterer Unterhaltung erwähnte ich der früher preußischerseits geäußerten Absicht zwei Lehrstühle für das rom. Fach zu errichten (Lit. Geschichte & Linguistik) & den einen mit Hillebrand zu besetzen, & erlaubte mir auf Sie hinzuweisen als ohne Zweifel geeigneten Candidaten für den zweiten, über den bei Mommsen[2] & in Leipzig weitere Auskunft zu erhalten wäre. Auch Mussafia habe ich nachdrücklichst empfohlen, seither aber gehört, daß keine Aussicht vorhanden ist, ihn von Wien wegzulocken. Es kam mir übrigens vor, als liege dem Herrn Commissar der Entschluß nahe, mit der Besetzung der in Rede stehenden Stelle (oder Stellen) einstweilen zuzuwarten.Von Bewerbungen darum, die von irgend welcher Seite erfolgt wären, ist mir nichts bekannt; nicht einmal der endlose Klatsch, dessen Gegenstand die Straßburger Universität I2I ist, scheint sich auf die romanischen Dinge geworfen zu haben. Wenn Sie in dieser Sache etwas mehr zu thun gedenken als abzuwarten, so würden Sie sich wohl am besten an H. von R. selbst wenden oder aber an Mommsen, wenn die Natur Ihrer Beziehungen zu ihm der Art ist, daß Sie es können; sicher ist, daß Mommsens Rath bei Herrn v. R. viel Gewicht hat.

Ihr hochachtungsvoll ergebener

Adolf Tobler.



[1] Franz von Roggenbach (1825-1907), badischer Minister, wurde zum ersten Kurator der 1803 untergegangenen und jetzt wiedergegründeten deutschen Universität in Straßburg ernannt.

[2] Vgl. HSA Bibl. Nr. 07438 den Brief Mommsens vom 19.1.1872. Mommsen antwortet Schuchardt zwar freundlich, erklärt sich aber in romanistischen Dingen für nicht zuständig und bezeichnet Schuchardts Arbeit über den vulgärlateinischen Vokalismus als nicht aussagekräftig für die in Straßburg geforderte romanistische Kompetenz.