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Brief (01-11706)

Verehrter Herr Doctor!

Erst heute komme ich dazu, Ihre geehrte Zuschrift vom 19. dies zu beantworten, denn erst gestern ist es mir möglich geworden, mit Herrn Geh. Rath Olshausen[1], dem vortragenden Rathe beim Cultusministerium in Universitätssachen über die Angelegenheit zu sprechen, über welche Sie Auskunft wünschen & von der ich ohne eine solche Unterredung Ihnen nur hätte schreiben können, daß ich sie hier noch gar nicht oder doch nicht von Leuten habe besprechen hören, denen Einfluß auf die Gestaltung der Straßburger Universitätsverhältnisse jetzt oder später zu[zu]schreiben wäre. Geh. Rath Olshausen nun, dem ich natürlich Ihren Namen vorläufig nicht genannt habe, sagt mir, und Anderes erwartete ich auch nicht, die hies. Regierung habe bis jetzt keinerlei Veranlassung, sich mit den Maßregeln zu beschäftigen, die etwa später bezüglich der Straßburger Hochschule zu treffen sein möchten[2], da bis auf Weiteres zwischen Elsaß & Preußen ein directes Verhältniß nicht besteht. Würden später die Cultusangelegenheiten des Elsasses dem Ressort der preuß. Regierung zugetheilt werden, was allerdings mehr als wahrscheinlich ist, so würde dieselbe die nicht leichte Aufgabe zu lösen haben, fünf Facultäten fast gänzlich neu mit Lehrkräften auszustatten, was schon der Geldmittel wegen schwerlich auf einmal sich I2I [Text: sich sich] würde ins Werk setzen lassen. Eine romanische Professur würde ohne Zweifel errichtet werden & neben diesem Lehrstuhl, für welchen man einen Mann suchen würde, der in erster Linie Linguist wäre, noch ein Lehrstuhl für französische Literatur, für welchen der aus Douay vertriebene, jetzt als Times-Correspondent in Florenz lebende Karl Hillebrand[3] geeignet scheinen dürfte. Geh. Rath Olshausen bat mich schließlich, meinen Correspondenten aufzufordern, sich, wann einmal zur Besetzung jener Stellen von Seiten der preuß. Regierung geschritten werden würde, um die eine derselben zu bewerben, resp. sich ihm zu diesem Zwecke vorzustellen. Dies ist, was ich Ihnen in Beantwortung Ihrer Anfrage mittheilen kann, & ich habe bloß hinzuzufügen, daß es mir sehr erfreulich gewesen ist, Ihnen – freilich nur durch eine Kleinigkeit – meine fortwährende Dienstwilligkeit beweisen zu können.

Ihr ganz ergebenster

Adolf Tobler.

Berlin, Oranienstr. 107.

27. Nov. 1870.



[1] Justus Olshausen (1800-1882), von Hause aus Orientalist und Bibliothekar, war von 1858 bis 1874 vortragender Rat und Referent für alle preußischen Universitäten im Preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin.

[2] Die Festung Straßburg hatte am 28.9.1870 kapituliert, womit der preußische Sieg über Frankreich wahrscheinlich wurde. Schuchardt, zu diesem Zeitpunkt frisch habilitierter Leipziger Privatdozent, erkundigt sich bei dem in Berlin einflussreichen Adolf Tobler nach der Errichtung einer Straßburger Universität im wieder deutsch gewordenen Elsaß und dem Ausbau einer dort vorgesehenen Romanistik. – Über die Vorgeschichte der Straßburger Universitätsgründung informiert Stephan Roscher, Die Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg 1872-1902, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang, 2006 (Europäische Hochschulschriften, III/1003), 41f.

[3] Das Multitalent Karl Hillebrand (1829-1884), Journalist, Kulturhistoriker und Literaturwissenschaftler, war seit 1863 Professor für fremde Literaturen in Douai, gab 1870 nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs seine Stelle auf und lebte danach in Florenz. Schuchardt (HSA, Bibl. Nr. 04737-04743) hat mit ihm im Jahr 1877 wegen der Diez-Stiftung korrespondiert. Hillebrands Berufung nach Straßburg zerschlug sich; berufen wurde Eduard Böhmer (HSA, Bibl. Nr. 01187-01189).