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Brief (59-266_27-4)

G. 7. IV. 23

Verehrte Kollegin

Ich danke bestens für Brief und Gedrucktes. Ihre Replik hat mir Zauner1 geliehen, der sie selbst erst von einem Andern entliehen hatte. Ich schreibe Ihnen das Gleiche was ich an Z. geschrieben habe: das Selbstverständliche brauche man nicht zu betonen – behaupten Sie; ich kann das nicht zugeben. Sollte Ihnen, der scharfen Sprachbeobachterin entgangen sein daß in allen Auseinandersetzungen es kaum ein häufigeres Wort gibt als selbstverständlich? Es gilt zunächst in subjektivem Sinn, ganz so wie ohne Zweifel u.ä. Der Redende findet etwas selbstverständlich und zweifellos, was er als solches bei dem Andern nicht ohne weiteres voraussetzt.

Mussafia machte sich mir einmal über das sans doute von Gaston Paris lustig ohne sich bewußt zu werden daß er die gleiche Wendung selbst oft genug gebrauchte. Aber wenn nun auch zwischen mir und einem Andern (oder vielen Andern) in betreff einer bestimmten dem Mittelpunkt des jeweiligen Interesses naheliegenden Punktes keine Meinungsverschiedenheit besteht, so werde ich doch angesichts der Meinungsverschiedenheit zwischen mir und andern, die Übereinstimmung hervorheben; ich werde mich auf die gemeinsame Plattform stellen. Es hätte ja nur einer flüchtigen Andeutung bedurft wie: die Süddeutschen stammen nicht bloß von reinblütigen Germanen ab, sondern auch von Kelten und Romanen. – Betrachten wir schließlich die Sache dal tetto in giù: Es ist ein sehr heikles Thema, auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen. Die Terminologie ist unsicher und wechselnd, besonders was Rasse anlangt. So etwas in die Volkszählung aufzunehmen! Ich hatte große Lust mich als einen Vertreter der Neandertalrasse zu bezeichnen. H. Steinthal hat einmal einen Aufsatz gleichen Titels wie der Ihre zu einer Festgabe für den Philologen Ad. Kirchhoff beigesteuert; ich besitze ihn, habe ihn aber nicht wiedergefunden. Aber doppelt heikel ist das Thema wenn es in populärer Fassung auftritt, und das geschieht doch, sobald es über die Schwelle eines Weltblattes wie die N.Fr.Pr. geführt wird. Verzeihen Sie, ich kann nicht umhin Sie der Unvorsichtigkeit zu bezichtigen. Dabei aber Ihnen die allerbeste Gesinnung zuzutrauen, also doch eine Tendenz, die bei Andern freilich auf Widerspruch stoßen mußte. Mögen Sie die ganze Angelegenheit sich nicht weiter zu Herzen nehmen, sondern sie "In des Lethe stillen Strom versenken".2

Von Rilke habe ich nie etwas gelesen; ich lese nur Bücher – richtiger gesagt in Büchern – die mir zufliegen, ich jage keinem mehr nach. So habe ich denn die Nase, zum Teile nur auf kürzeste Zeit, in die Werke von Gundolf, Spengler, Keyserling, Straygowski, Coudenhove u.a. gesteckt.

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen
Ihr ergebener

H. Schuchardt


[1] Adolf Zauner (1870-1940) Romanist, Nachfolger Cornus auf Schuchardts Lehrstuhl in Graz (1911-1939), wurde 1938 für kurze Zeit als amtierender Rektor von den Nazis ins Amt zurückgeholt und setzte in dieser Funktion die ersten wichtigen Schritte zur Gleichschaltung. Diesem Aspekt ist unter anderm der Epilog zu diesem Heft gewidmet. Zauner ist Autor einer zweibändigen Romanischen Sprachwissenschaft, eines Altspanischen Elementarbuchs; zahlreiche Studien zu Lautlehre, Dialekten und Regionalvarianten, Lehnbeziehungen, älteren Sprachstufen verschiedener romanischer Sprachen, Namenkunde und Fachgeschichte. Briefwechsel mit Schuchardt vgl. Nrn. 12996-13024; mit Elise Richter NB 266/69.

[2] Die Anspielungen auf Lethe, den Strom des Vergessens, gehen über Dante auf Vergil zurück; das hier verwendete wörtliche Zitat stammt aus Hektors Abschied von Schiller.