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Brief (22-HS_HZS_17)

G. 5. II.02

Lieber Freund,

Ich danke Dir vielmals für Dein hübsches Distichon; gestatte mir zu dem „heimlich“ eine kleine Glosse, die ich zwar mündlich schon Deiner Gattin vortrug, die ich aber doch gern auch aufs Papier brächte weil das worum es sich handelt, mir nahe geht, allzunahe.

Ich habe meine sechzig Jahre so „heimlich“ vollbracht, dass, trotz Meyer,[1] Brockhaus,[2] Kürschner[3] keiner meiner Gönner, Freunde, Werthschätzer – von Romanen, Magyaren u.s.w. natürlich ganz abgesehen – es gemerkt hat. |2|

Damit ist natürlich Niemandem ein Vorwurf gemacht; es ist eben ein besonderes Pech und ich höre den seligen G. Meyer sagen – wie er das öfters und gerne that - : „das kann nur Dir passiren“.

Es ist mir unmöglich nicht das an zu denken wie andere Romanisten in den letzten Jahren ihre Jubiläen gefeiert haben, nicht das sechzigjährige, sondern das 25 jährige Amtsjubiläum, lauter jüngere als ich, z.B. mein Nachfolger in Halle.[4] Ich aber bin, nächst Tobler[5] und Mussafia,[6] der älteste Romanist (an Jahren und an Amt) in Deutschland und Östreich. Litterarische Gaben, Sammelschriften sind bei derartigen Gelegenheiten hergebracht, und sehr häufig (G. Meyer hätte gesagt: „schon zum Schweinefüttern). Ich bin fast ganz wunschlos, allen |3| Feierlichkeiten, abhold, bin nie sehr ehrgeizig gewesen – ob Dus glaubst, ist freilich etwas Anderes – und was ich an Auszeichnungen besitze, ist mir unerstrebt, ja unerwartet zugefallen. Allein eine solche Gabe hätte mir wirklich eine Freude bereitet. Dazu ist die Gelegenheit unwiderbringlich entschwunden. Sie wäre es nicht, wenn nicht die Zeitungsnotiz gekommen wäre. Rullmann hatte mich gefragt ob es mir unangenehm wäre wenn er eine etwa aus Universitätskreisen eingesandte Notiz zum Abdruck brächte. Ich sagte: „weder unangenehm, noch angenehm.“ Ich dachte wirklich dass Jemand von meinen Kollegen ein paar Zeilen über mich bringen würde. Dann aber sah ich sofort dass es Rullmanns eigenes Geschoss war; er, als fast ganz Gleichaltriger kannte mein Alter. |4|

Hätte die Tagespost nicht geplaudert, so hätte ich gesehen dass Niemand von meinem Geburtstag etwas weiss, und ich selbst hätte zunächst geschwiegen, dann aber etwas Reclame für 1903 gemacht, als ob dann erst mein sechzigjähriger sei.

Verzeihe diese lange Expectoration; wenn mich etwas bedrückt muss ich mich schriftlich erleichtern. Es ist mehr der Zufall dass Du diesmal das Opfer bist. Du kennst aber allerdings meine persönlichen Umstände besser als Andere, und begreifst vielleicht wie seit dem Tode meiner Mutter die Wissenschaft mein einzige Stütze im Kampf gegen meine Lebensmüdigkeit ist. Und in Bezug auf die Wissenschaft bin ich daher leicht verwundbar. Die paar formalen Glückwünsche die ich erhalten habe, machen mich nicht glücklich – und doch verstimmen mich diejenigen die ich nicht erhalten habe.

Mit herzlicher Empfehlung an Deine Damen

Dein getreuer

H Schuchardt



[1] Meyer’s Konversationslexikon. In der zwischen 1893 und 1897 erschienenen 5. Auflage ist im Eintrag zu Hugo Schuchardt sein Geburtsdatum vermerkt.

[2] Auch in der 14. Auflage der Brockhaus‘ Konversationslexikon erscheint unter dem Eintrag Hugo Schuchardt dessen Geburtsdatum.

[3] Auch in Kürschners Deutschem Literaturkalender in der Ausgabe von 1901 ist Hugo Schuchardts Geburtsdatum verzeichnet.

[4] Hermann Suchier (1848-1914) war Schuchardts Nachfolger in Halle, vgl. auch dessen Korrespondenz mit Schuchardt (Hurch 2015).

[5] Adolf Tobler (1835-1910), Professor in Berlin, vgl. auch dessen Briefe an Schuchardt (Hausmann 2016).

[6] Adolf Mussafia (1835-1905), Professor in Wien. Schuchardt sollte nur drei Jahre später Mussafia, mit dem er in enger Freundschaft verbunden war (siehe die Briefedition in Lichem/Würdinger 2015) zu dessen 70. Geburtstag eine sehr reich geschmückte Festschrift überreichen (Schuchardt 1905).