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Brief (11-HS_HZS_09)

Graz 6 Jänner 95

Lieber Freund,

Da Du über den falschen Nasen des heutigen Abends dem englischen Clubceremoniell des morgigen und ähnlichen Angelegenheiten die meinige vergessen könntest so erlaube ich mir dir dieselbe mit möglichster Präcision schriftlich zu erläutern. |2| Es handelt sich um einen Circulus vitiosus. Die Fakultät wollte die Habilitationsprüfung nicht vornehmen weil bei günstigem Ausgang die Nicht=Nostrifikation alle Müh' und Arbeit zunichte machte.[1] Anderseits wird aber das Ministerium ein einfaches Nostrifikationsgesuch wahrscheinlich abschlägig beantworten. Wie kann man darthun dass der Betreffende einer solchen besondern Gunst würdig ist? |3| Was verlangt das Ministerium? Wenn unsere wie immer höchst weise und höchstgerechte Fakultät das Gesuch an das M. geleitet hätte, so würde das wahrscheinlich die Fakultät zur Aeusserung darüber aufgefordert haben. So hat nun der Petent keinen Rückhalt; denn die Innsbrucker Verhältnisse lassen sich doch nicht öffentlich und offiziell darlegen.

Du scheinst über die Sache nicht richtig informiert worden zu sein. Ich habe M.[2] geraume Zeit vor |4| seinem Suggestiv-gespräch mit Ive[3] die Farinelliangelegenheit mitgetheilt; er behauptet sich dessen nicht mehr zu erinnern, könne aber das Gegentheil „nicht beschwören“. Sapienti sat. Über die Absicht mit welcher er die Indiskretion beging, will ich schweigen; er scheint sie mit der nationalen Flagge zudecken zu wollen. Dass ich darin eine Rücksichtslosigkeit gegen mich erblicke ist doch nicht zu verwundern, nachdem er im vorigen Sommer durch sein fortwährendes Hetzen in der Ive-angelegenheit mich fast mit der halben Fakultät verfeindete.[4] Was ihn dazu brachte auf einmal sein Deutsch-nationales Herz bei dieser Gelegenheit zu entdecken, ist allen klar.

Meine Handküsse den Damen und frohe Feste!

Dein HS

 

[1] Es geht hier offensichtlich um die Habilitation von Arturo Farinelli an der Universität Graz, die zunächst auf Initiative Gustav Meyers verhindert werden sollte (siehe unten).

[2] Gemeint ist hier Gustav Meyer (1850-1900), Indogermanist, der sich 1894 in verschiedenen Angelegenheiten gegen Schuchardt wandte. So bei der Habilitation Farinellis und der Frage nach der von Antonio Ive verwendeten Unterrichtssprache. Vgl. die Darstellung Schuchardts an G.I. Ascoli in http://schuchardt.uni-graz.at/korrespondenz/briefe/korrespondenzpartner/929/briefe/124-B76_8 (Lichem/Würdinger 2013).

[3] Antonio Ive (1851-1937), aus Istrien stammender Philologe, der seit 1894 das Extraordinariat für Italienische Sprache und Literatur innehatte. Die Korrespondenz zwischen Schuchardt und Ive findet sich hier.

[4] Im Jahr 1894 war es zu erhebliche Verstimmungen innerhalb der Philosophischen Fakultät gekommen, da Antonio Ive entgegen seiner Ankündigung seine Lehrveranstaltungen in italienischer Sprache abhalten wollte (siehe Lehner 1980: 46 , Schwägerl-Melchior/Mücke [in Vorbereitung]).