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Brief (31-266_27-1)

G. 30. 1. '16

Verehrte Kollegin,

In den 80er und 90er Jahren spielte ich jeden Sommernachmittag, statt Etymologien zu machen, Tarok und zwar im Grünen, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen. Die Probleme zeigten mir eine innere Verwandtschaft mit den etymologischen; und die fanden, das war ihr Vorzug, immer eine rasche, sichere, wenn auch sonst meist unersprießliche Lösung. Damals hörte ich oft aus dem Munde eines Mitspielers: "bosch nichts"; doch keine "Ahnung künftiger Taten fühlend", beruhigte ich mich dabei daß das Wort türkisch sei. Wirklich fiel mir die Sache wieder ein, bei Gelegenheit von boche, aber ich trug das Kind still unter meinem Herzen und hatte nicht die geringste Absicht mich seiner zu erledigen1. Da erhalte ich gestern einen neuen Politiken-artikel meines Feind-Freundes Nyrop vom 24. Jänner über boche: oder vielmehr seine Antwort auf einen Brief des Schweden J. Hallberg an die Zeitung, worin mit größter Zuversicht behauptet wird, das franz. boche sei nichts anderes als das aus dem Türk. stammende engl. bosh Unsinn usw. Die Tatsache dieses Ursprungs ist allerdings nicht anzuzweifeln; sie ist im großen Oxforder Wörterbuch angegeben - der Schriftsteller J. Morier hat in seinem Roman Ayesha 1834 das Wort wiederholt angebracht: bosh - nothing. In England und auch in Schweden wurde der Roman viel gelesen und das Wort ging in die Umgangssprache über. Merkwürdig, daß nun in gleichem Sinn und gleicher Verbindung das Wort auch in der Wiener Sprache - mein längst verstorbener Spielgenosse war so viel ich weiß ein Wiener - vorkommt - Gartner hat es nicht gebucht. Halten Sie doch einmal Umfrage danach. Allerdings ist dieses türkische bwšboš, eitel, leer, nichtig auch in die andern Balkansprachen übergegangen, aber so viel ich sehe, nicht in der eben erwähnten Gebrauchsweise. Wenn es nun auch feststeht daß engl. bosh (und ebenso das schwedische Wort dessen Schreibung ich nicht kenne) den eben erwähnten Ursprung hat, so ist damit noch keineswegs gesagt daß wiederum franz. boche auf das engl. bosh zurück geht*, Nyrop, in seiner Beantwortung von Hallbergs Brief behauptet ganz richtig daß über das Wort zwischen 1834 und 1866 (Delvan) völliges Dunkel herrsche. - Die Wörter gehen ja zum großen Teil nicht auf den mit "Lautgesetzen" gepflasterten Reichsstraßen; viele schlagen gewundene Pfade ein, manche bewegen sich wie unsere Lausbuben die da wo "das Betretten der Wiesen strengstens verboten ist" nicht einmal Fußspuren hinterlassen. Man muß sie in flagranti ertappen. Die anekdotische Herkunft eines Wort[es] kann mir durch die Anekdote selbst aufgehellt werden. Im Übrigen kann man mit Geibel sagen, wenn es nicht als Blasphemie genommen wird.

Kein Schluß der Weisheit schlägt die kühne Brücke,

Uns nur des Glaubens Flügel trägt hinüber.

Ihr arab. beÆqa oder bezqa, crachat, ist ganz ausgeschlossen, mehr als aus einem Budapester Tramwagen. Ich kann Ihnen aber noch eine Reihe von Versuchskaninchen zur Verfügung stellen wie Bursch, Buschmann (vgl. boc für Bockbier). Einstweilen bitte ich das Vorstehende gütigst annehmen zu wollen als bescheidenen Baustein zu den Vorstudien für die kritische Geschichte der Etymologieen von boche, gewidmet Herren Ch.-M. Donnay [welcher beantragt hat, das Wort in das Wörterbuch der Akademie aufzunehmen] mit dem Leitspruch:

Willst Du das Wohin? bestimmen

Ohne das Woher? zu kennen?

H. Sch.

* das Mittelglied soll tête de boche sein.

Ein Gossenwort ist boche auf jeden Fall, ebenso wie poilu; lesen Sie: "Der Poilu. Von einem Franzosen" in der Kölner Zeit. Literaturbl. vom 9. 1. '16


[1] Lies: entledigen?