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Brief (03-01291)

WISSEN UND LEBEN
REDAKTION
SEKRETARIAT
Bleicherweg 13
TELEPHON 7750
ZÜRICH, 4. Mai 1915
Herrn Hofrat Prof. Dr H. Schuchardt
Graz.

Hochverehrter Herr Kollega,

Ihr „offener Brief“ ist eben angekommen, und ich bin sehr erfreut darüber, Sie als Mitarbeiter gewonnen zu haben! Ihr Brief wird in einer der nächsten Nummern erscheinen.1 Wie gerne würde ich mit Ihnen die Dinge alle besprechen! Es wäre mir sicher wie eine Oase mitten in der Wüste des Gelehrtenhasses.

Vor Jahren las ich als junger Student „Romanisches und Keltisches"2, wo auch vom Kriege die Rede ist; das war der erste Genuss, den Sie mir schenkten; Vieles folgte dann darauf, und schon oft habe ich Ihnen dafür von Herzen danken wollen.

Ihr Brief erwähnt Gaston Paris; wenn der noch lebte, hätte wohl Morf3 seine Unterschrift zu dem „Aufruf“ nicht gegeben4. Wie werden wir Alles wieder aufbauen können?

Mit herzlichem Dank
Ihr Ergebener
E. Bovet


[1] Schuchardt, „Offener Brief“, Wissen und Leben 8, 1914/15, 601-613. Schuchardt versucht in diesem „offenen“, an Bovet gerichteten Brief vorsichtig, Verständnis für das kriegsführende Deutschland zu wecken. [Die Zitation von Wissen und Leben wird nicht immer einheitlich gehandhabt, da es getrennte Jahrgangs-, Band-, Halbband- und Heftnummern gibt. Der 1. Halbbd. eines Jahrgangs reicht von April-September, der 2. von Oktober bis März (sie bilden einen Jahrgang), so dass sich die Jahreszahlen überlappen. Im folgenden werden die Jahrgangsnummern, der Jahrgangszeitraum und die Seitenzahlen vermerkt].

[2] Romanisches und Keltisches. Gesammelte Aufsätze, Berlin: Oppenheim, 1886; hier das Kap. „Das Französische im neuen Deutschen Reich“, 259-291.

[3] Außer dem Berliner Romanisten Heinrich Morf hatte auch Karl Vossler den „Aufruf“ (vgl. Anm. 4) unterschrieben; vgl. dazu auch Vosslers Postkarte an Schuchardt vom 9.2.1920: „Ihre ,Bekenntnisse und Erkenntnisse‘, deren Zusendung durch den Herausgeber von ,Wissen u. Leben‘ Sie mir vor 3 Wochen angekündigt haben, sind bis jetzt nicht eingetroffen. Vermutlich will Herr Bovet mich geistig aushungern. Er hat 1914 mit mir gebrochen, weil ich zu den 93 gehöre; wie er aus demselben Gründen seinem Lehrer u. Wohltäter Morf, dem er Alles verdankt was er ist, die Dankbarkeit gekündigt hat. Seither halte ich den Mann für einen ideologischen Schuft, der vor lauter programmatischem Philanthropismus das bischen Herz u. Verstand hat verkrüppeln lassen, das die Natur uns allen, also doch wohl auch ihm seinerzeit in die Wiege gelegt hat. Morf hat sich diesen Undank seiner politisierenden Schweizer Schüler so zu Herzen genommen, daß er geistig u. körperlich zusammengebrochen ist“ (HSA, Lfd. Nr. 27-12541).

[4] Es handelt sich um den Aufruf der 93 „An die Kulturwelt“ vom September / Oktober 1914, in dem die Unterzeichner die Vorwürfe der deutschen Kriegsgegner bestreiten.