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Brief (01-09021)

Paris 11. Mai [1892]

Hochgeehrter Herr Professor!

Wollen Sie gütigst diese Zeilen, die ich Ihnen seit langem schulde, entgegennehmen, zugleich dieses mein Stillschweigen, das ich, bitter bereue ich es, Ihnen gegenüber beobachtet habe, nicht vielleicht dahin auslegen, als hätte ich inmitten dieses, sinnebetäubenden Großstadtlebens undankbarerweise, der lieben Alpenstadt und Ihrer, hochgeehrter Herr Professor, dem ich soviel verdanke, ganz vergessen. Versäumtes also nachzuholen, erlaube ich mir, ohne Ihre kostbare I2I Zeit und Geduld allzulange in Anspruch nehmen zu wollen, die Ereignisse, die mir seit meinem Abschiede von Ihnen zugestoßen sind, mit wenigen Worten Ihnen zu erzählen. Nachdem ich einen Theil des so regenreichen Sommers in den Rheinlanden und im schönen Thüringerwalde, den ich mit meinem Bruder fußwandernd nach allen Richtungen durchstreifte wobei ich, Ihrer gedenkend, den lieblichen Städtchen Gotha und Gera einen kurzen Besuch abstattete, zugebracht hatte, entschloß ich mich nach einem zweimonatlichen Aufenthalte in der Heimat, gegen Anfang November, nach Straßburg zu gehen, um daselbst unter Professor Tenbrinks[1] Leitung [Text: Leitung Leitung] anglistische Studien aufzunehmen, die durch den Hingang des Unvergeßlichen leider bald wieder unterbrochen I3I wurden, so daß die auf diesem Gebiete  gewonnenen Resultate höchst fragmentarisch blieben, um so mehr als ein heftiges Herzklopfen, die Folge meines Herzfehlers, das mich auch des Nachts nicht verließ, mich eigentlich an jeder gedeihlichen Thätigkeit hinderte. Prof. Gröber hatte zum Gegenstand seiner Hauptvorlesung gerade die französische Litteratur des 16. und 17. Jahrhunderts; im Seminar behandelte er provenzalische Lautlehre. Um die Weihnachtszeit verließ ich die düstere Reichsstadt mit ihren engen Straßen wieder, um in der französischen Hauptstadt, wo ich noch immer weile, längeren Aufenthalt zu nehmen; daselbst hatte ich eben noch das Vergnügen, meinen Freund Dietrich[2] anzutreffen, in dessen Gesellschaft ich mehrere angenehme Tage verbrachte. Ein reichlicher Zeitraum sollte fürs erste verstreichen, bis ich I4I mich in die ungewohnten Verhältnisse eingelebt und mit der „Umgangssprache“, deren bisherige Vernachlässigung meinerseits sich bitter rächte, leidlich befreundet hatte; dann fiel der Pariser Carneval mit seinem bunten, aufregenden Leben und Treiben, wo der [Text: der der] gallische Volkscharakter so recht zum Ausdruck gelangt, und ließ mich einen tiefen Einblick in das gesellschaftliche Leben dieser bei allen ihren Fehlern doch liebenswürdigen Nation gewinnen. Die Vorlesungen und Übungen (cours et conférences) an den hohen Schulen hatten, da ich hier ankam, bereits ihren Anfang genommen u. die Einschreibungen waren geschlossen; doch überall wurde mir seitens des Dekans der Fakultät u. der Direktoren, bereitwilligst die Erlaubnis zum Besuche der Vorlesungen nachträglich ertheilt, als ich mich als Österreicher aus Graz und Ihr Schüler vorstellte, ein Zauberwort, das mir I5I allerseits die liebenswürdigste Aufnahme verschaffte.

Der öffentliche Unterricht an den Hochschulen, der völlig unentgeltlich ertheilt wird, scheint mir aufs trefflichste organisirt zu sein, als ein Nachtheil für die Lehrfreiheit will mir jedoch die Zulassung der Frauen zu allen Vorlesungen dünken, da die Professoren, dem Zuge der Höflichkeit folgend, ihren Stoff meist dem Fühlen und Denken des schönen Geschlechts anpassen, nicht selten auch absichtlich ihren Beifall suchen; bei einzelnen Litteraturvorlesungen und Übersetzungsübungen ins Englische und Deutsche, bilden die weiblichen Lehramtskandidatinnen die überwiegende Majorität. Die altehrwürdigen Sorbonne ist zu einem Mädcheninstitut herabgesunken.

Das Fach der romanischen Sprachen an der Facultés des Lettres ist, wie Ihnen bekannt, durch M. A. Thomas[3], einen jungen Gelehrten, der Sie aufs höchste verehrt, vertreten; derselbe las im Wintersemester I6I über provenzalische Literaturgeschichte (fast alle Vorlesungen sind einstündig in der Woche) ferner erklärte er zwei Gesänge (I. u. V.) der Divina Commedia und führte die Candidaten für die Agrégation in das Gebiet des Altfranzösischen mittels des vorgeschriebenen Übungsbuches von Clédat[4] ein; die Anforderungen, die hierin bei der Prüfung gestellt werden, sind meines Wissens sehr gering, das Interesse der wenigen Besucher dieser Vorlesungen, die nur gezwungen theilnehmen, fast null. Eines nach hunderten zählenden, meist aus Damen der hohen Gesellschaftskreise und älteren Herren bestehenden Auditoriums erfreut sich der gefeierte Deschanelle[5], ein zweiter Bellac[6], der geistreich über Victor Hugo und Al. Dumas spricht; desgleichen Gustave Larroumet[7], auch ein Liebling der Frauen, aber ein ernsterer Conférencier als letzterer, der ein I7I glänzender Redner, in überaus fesselnder Darstellung ein lebendiges Bild des achtzehnten Jahrhunderts entwirft. Petit de Julleville handelt in höchst interessanter Weise über Froissart.[8]

Hochschule in unserem Sinne ist eigentlich nur die Ecole pratique des hautes études, an welcher in der romanischen Fachgruppe G. Paris[9], Gillieron[10] u. Morel-Fatio[11], ersterer das Französische, letzterer das Spanische lehren; Gegenstand der M.F. Vorlesung ist eine Studie über span. Versification u. Übersetzung der Verdad sospechosa[12]; vor allem Literaturhistoriker verbreitet sich M.F. über sprachwissenschaftliche Fragen fast gar nicht. Am Collège de France begeisterte G. Paris im Winterhalbjahr seine Zuhörer durch eine gediegene, klare Darstellung der Poesie des französischen Mittelalters. P. Meyer höre ich zweimal wöchentlich an der Ecole des Chartes, wo er altfranzösische Lautlehre doziert. Die Jünger der romanischen Philologie, welche vorzüglich an der Ecole des hautes études zu Hause sind, sind I8I schwach vertreten, etwa 15 an Zahl, die Mehrheit davon Ausländer.

In philippinische Kreise wollte mich Prof. Blumentritt[13] einführen, der mich in einem Schreiben, begleitet von seinen Streitschriften, aufs angelegentlichste ersuchte, seinen Freunden einen Besuch abzustatten; diese, übrigens die geschworenen Todfeinde der Spanier, empfingen mich auch aufs liebenswürdigste und ergingen sich in begeisterten Lobeserhebungen über den treuen Verfechter ihrer Interessen; in näheren Verkehr trat ich nur mit einem Tagalen[14], von Mütterlicher Seite chinesischen Ursprungs, M. Dr., einen trefflichen jungen Mann, der leider vor wenigen Wochen in seine Heimat abreisen mußte; er ist ein ganz besonderer Verehrer Blumentritts.

Mein jetziger steter Gefährte ist der englische Baskophile Dodgson[15], ein wilder Philologe ohne System, der alle möglichen Sprachgebiete streift; etws spleenig, wie viele seiner Landsleute; übrigens ein beklagenswerter armer Teufel, der wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten mit seiner Familie im Streit lebt u. den heimischen Boden nicht mehr betreten darf; ein leidenschaftlicher Baskologe, vergöttert er Sie. Nunmehr glaube ich, genugsam Ihre Geduld erschöpft zu haben; ich schließe, hoffend, daß diese Zeilen Sie bei guter Gesundheit antreffen werden. Mich Ihnen bestens empfehlend, verbleibe ich Ihr treu ergebener

Josef Priebsch

Rue Monge 51.



[1] Bernhard Ten Brink (1841-1892), Schüler von Diez und Delius, war zum 1.4.1873 als erster o. Prof. f. englische Philologie und Mitdirektor des Seminars für romanische und englische Philologie nach Straßburg berufen worden und war somit der erste Inhaber eines Lehrstuhls für englische Philologie an einer deutschen Universität. Er verstarb am 19.1.1892 in Straßburg.

[2] Zu Priebschs Studiengefährten Adolphe Dietrich vgl. Philipp Krämer, „Die Korrespondenz zwischen Adolphe Dietrich und Hugo Schuchardt“, in Bernhard Hurch (Hg.), Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter: http://schuchardt.uni-graz.at/korrespondenz/briefe/korrespondenzpartner/alle/1057. Ergänzend ist auf Krämers inzwischen erschienene Dissertation hinzuweisen: Die französische Kreolistik im 19. Jahrhundert. Rassismus und Determinismus in der kolonialen Philologie, Hamburg 2014 (Kreolische Bibliothek, 25). Dietrichs von Schuchardt 1890 angenommene und 1891 (Romania 20, 1891, 216-277) veröffentlichte Dissertation wurde ausnahmsweise von Gaston Paris abgedruckt, „parce qu’il nous a semblé bon de donner un exemple de la méthode qu’il convient d’appliquer à ces curieux parlers créoles dont la formation et le développement jettent un jour nouveau sur plus d’une question de la linguistique générale“.

[3] Antoine Thomas (1857-1935), Schüler von Paul Meyer, war zunächst Professor in Toulouse, bis er 1889 als Nachfolger von Arsène Darmesteter als Professor für romanische Philologie und Literatur an die Sorbonne berufen wurde. Von 1895 bis 1910 unterrichtete er auch an der École Pratique des Hautes Études.

[4] Der Romanist Léon Clédat (1851-1930) ist u.a. der Verf. einer Grammaire élémentaire de la vieille langue française, Paris 1885, eines Petit Glossaire du vieux français, précédé d'une introduction grammaticale, Paris 1887 u.a. Lehrmittel.

[5] Émile Deschanel (1819-1904), französischer Schriftsteller und Politker, seit 1881 Professor für neuere französische Liteatur am Collège de France.

[6] Nicht identifiziert, oder sollte der Maler Jean-Hilaire Belloc (1786-1866) gemeint sein?

[7] Gustave Larroumet (1852-1903), Kunst- und Literaturkritiker, seit 1884 Professor an der Sorbonne.

[8] Louis Petit de Julleville (1841-1900), seit 1886 Professor an der Sorbonne für die Geschichte der französischen Literatur des Mittelalters und Geschichte der französischen Sprache.

[9] Gaston Paris (1839-1903), Schüler von Friedrich Diez, Begründer der Romanischen Philologie in Frankreich.

[10] Jules Gilliéron (1854-1926), schweizerisch-französischer Romanist und Dialektologe, der von 1883 bis 1926 an der École Pratique des Hautes Études galloromanische Dialektologie lehrte.

[11] Alfred Morel-Fatio (1850-1924), Schüler und Mitarbeiter von Paul Meyer, vorzüglicher Handschriftenkenner und Spezialist für spanische und italienische mittelalterliche Literatur; vgl. auch Anm. 30.

[12] Es handelt sich um die bekannteste Komödie von Juan Ruiz de Alarcón, die Corneille die Vorlage für seinen Menteur lieferte.

[13] Vgl. Anm. 5 zu Brief 04-09014.

[14] Angehöriger der philippinischen Volksgruppe der Tagalog, die die gleichnamige austronesische Sprache sprechen.

[15] Vgl. Anm. 11 zu Brief 02-09013 , Anm. 5 zu Brief  03-09015 u. Anm. 6 zu Brief 09-09016 und Dodgsons Brief an Schuchardt vom 10.5.1892 (HSA, Lfd. Nr. 032-02393: „I had some difficulty in reading some of the words at first, but your disciple Dr Josef Priebsch, who has been a very kind and generous friend to me this last fortnight, and who is going to England next month helped me out. Priebsch talks too much of women, and is a bit too phlegmatic and lacking in imagination and mental quickness, but his buoyant cheerfulness and good nature are valuable qualities, and he seems fairly strong in the neolatin tongues. Of course I have urged him to take up Basque.“