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Brief (008-01045)

Leitmeritz den 12. August 1882

Hochgeehrter Herr!

Ich schicke Ihnen hier den Auszug aus Morelet1, die anderen werden mit der Zeit kommen: Mühe macht es mir gar keine und freie Zeit habe ich noch genug. – Ueber die spanischen Guinea-Inseln2 bin ich sehr schlecht unterrichtet, so dass ich da leider keine Auskunft ertheilen kann.3

Annobom4 gehört erst seit 11 Decennien zu Spanien früher war es portugiesisch.5

Die Ladronen oder Marianas6 habe ich (im Zimmer) durchstudiert, es dürfte dort manches aber nicht viel zu finden sein: 1667 wurden die Inseln von den Spaniern in Besitz genommen, durch Kriege und die Cultur-Contagien schwand die eingeborne Bevölkerung auf ein kleines Häuflein zusammen, bis im vorigen Jahrhunderte die Regierung Tagalen von Manila hinschickte, so dass diese heute die überwiegende Majorität der Bevölkerung bilden: Dazu kamen seit dem Ende des vorigen Jahrhundertes Caroliner d.h. Einwanderer von den Carolinen. Weiße gab es bis zu dem Regierungsantritte Isabel IIa äußerst wenige, denn nur die wenigen Priester, Beamte (3) und Officiere (4) waren Spanier, die Truppe recruttierte sich theils aus Eingebornen, theils aus mejicanischen und peruanischen Indern und Mestizen. Unter Isabel IIa wohnten viele politische Verbrecher auf den Inseln; die Soldatesca recrutiert sich heute nur von den Inseln selbst und aus der Prov. Cavite von Luzon7. In der Schule wird seit neuester Zeit spanisch gelehrt, früher tagalog. Ich habe mir keine Notizen gemacht (scil. über sprachliches, wie Sie es brauchen könnten). Vor einigen Jahren erschien ein spanisches Werk über die Marianen, ich werde in Murillos Bol. de Libreria8 nachschlagen. In Chamisso9 findet man nur Vocabeln aus der Chamorri10-Sprache.

Von den Carolinen etwas, was einem Creolen-Jargon ähnlich sähe, zu erlangen, wäre vergebliche Mühe, denn diese Inseln gehören ebenso nominell allein zu Spanien, wie das Franz-Josefs-Land zu Oesterreich.

Die Spanier haben nie ein Fort oder eine Niederlassung auf diesen Inseln besessen, auch nicht einmal versucht, eines zu begründen, nur einige Missionen von Jesuiten giengen dahin ab, doch ohne je ein Resultat erzielt zu haben. Dasselbe gilt von den Palaos oder Pelenos-Inseln11, welche auch auf Karten spanisch fingiert sind. Auch hier ist die Herrschaft nur nominell.

Ich habe die officielle Guia de Forasteros12 und die Gazeta de Manila13, die Autos der Audiencia de Manila14, aber von einer Besitzung oder Niederlassung auf den Carolinen ist keine Rede. Das ist ein Irrthum der geogr. Handbücher, vielleicht hat man in den Cortes15 einmal mit so etwas geflunkert.

Hochachtungsvollst
Ihr
ganz ergebener

F. Blumentritt

Verzeihen Sie mir eine neugierige Frage: von wem erfuhren Sie es, dass ich an einem phil. sp. vocabulare arbeite?


[1] Es ist dies eine zweiseitige Wörterliste in Blumentritts Handschrift, versehen mit der Quellenangabe „Aus Morelets Reisen in Centralamerika (Tabasco, Chiapon, Peten, Vera Paz, Guatemala, Chiquimula). Ausgabe Jena 1876“. Das Dokument ist in Schuchardts Nachlass unter der Bibl. Nr. B. 11.18.1. zu finden.

[2] Bioko (damals Fernando Póo) und Annobón; zusammen mit dem Festland Rio Muni seit 1778 spanische Kolonie, heutiges Äquatorialguinea.

[3] Schuchardt hat mehrere Arbeiten über portugiesisch basierte Kreolsprachen veröffentlicht (s. Schuchardt-Homepage), und hat wohl zu diesem Zeitpunkt bereits Material gesammelt und Blumentritt um Informationen gebeten.

[4] Annobón, portugiesisch Ano Bom.

[5] Dieser Satz wurde offensichtlich nachträglich am Rand hinzugefügt.

[6] Mikronesische Inseln.

[7] Die nördlichste der drei Inselgruppen der Philippinen.

[8] Boletín de la Librería, Madrid: Librería de Mariano Murillo.

[9] Vermutlich Chamisso, Adelbert von (1836). Reise um die Welt.

[10] Chamorro: west-malayo-polynesische Sprache auf den Marianen.

[11] Teil der karolinischen Inseln, heute unabhängiger Inselstaat Palau.

[12] Guia de Forasteros en las Islas Filipinas, im 19. Jahrhundert jährlich erscheinende Zeitschrift in Manila.

[13] Philippinische Tageszeitung.

[14] Akten der Real Audiencia de Manila.

[15] Ständeversammlungen in Spanien und Portugal des 18. Jahrhunderts.