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Brief (01-09990)

Halle a/S, den 6.2.08

Richard Wagnerstrasse 43.

Sehr geehrter Herr Hofrat,

Auf Veranlassung von Prof. Morf[1] erlaube ich mir Ihnen anbei das Statut der im Entstehen begriffenen internationalen Gesellschaft zur Erforschung der romanischen Dialecte zu übersenden.[2] Ihr Ziel ist es, die Forschung in den Einzelgebieten mehr als es bis jetzt der Fall ist auf gemeinsame Basis zu stellen, Länder, wo die moderne Dialectologie noch fast keine Anhänger hat, durch ihre Publicationen anzuregen, die verschiedenen Richtungen von einander lernen zu lassen, Gegenden, von denen man so gut wie nichts weiss, zu untersuchen, und bei Regierungen, Instituten und Freunden lokaler Idiome materiellen Beistand zu suchen.

Verzeihen Sie gütigst, dass Ihnen über diese neue Gründung, die in einigen Wochen an die Öffentlichkeit treten wird, bisher noch keine Mitteilung zuging. Es liegt dies daran, dass wir zwar zu Beginn unserer Gründungsperiode Herrn Prof. Meyer-Lübke als Redakteur für Oesterreich gewonnen haben, dass dieser jedoch in der Folge aus mir unbekannten Gründen zurückgetreten ist und anscheinend dauernd der Gesellschaft fern bleiben will. So kommt es, dass bis jetzt zwar in fast allen I2I anderen Ländern[3]  die Interessenten die Sache der Gesellschaft vorbereiten, in Oesterreich jedoch zur Zeit niemand für sie wirkt.[4]

Die romanischen Redakteure sind bis jetzt C. Salvioni für Italien, L. Gauchat für die frz. Schweiz, J. Gilliéron für Frankreich, A. Doutrepont für Belgien, A. Rivard für Canada, O. Densusianu für Rumänien, A. Alcover für das katal. Sprachgebiet, Menéndez Pidal für das Kastilische, J. Leite de Vasconcellos für Portugal.[5] Nur für das rätische ist noch ein Leiter zu finden.[6] Das portugiesische ausserhalb Europas und das spanische in Amerika sind O. Nobiling und R. Lenz[7] angetragen worden; ihre jedenfalls zustimmenden Antworten sind Ende Februar zu erwarten.[8] Für die ausserromanischen Gebiete ist J. Geddes (Nordamerika) und E. Staaf (Skandinavien und Finnland) tätig[9]; in Deutschland habe ich einstweilen die Sache in die Hand genommen.

Das beiligende Statut nebst vorgedrucktem Aufruf (über die Notwendigkeit der dialectologischen Forschung, etc.; richtet sich auch an weitere Kreise) soll nun von einem Organisationscomité an Romanisten, Dialectologen und Liebhaber[n] lokaler Idiome in allen Ländern unter Beifügung eines Einladungsschreibens (1 Exemplar anbei) verschickt werden. Diese Persönlichkeiten werden dadurch aufgefordert schon während der Gründungsperiode einzutreten und als „fondateurs“ zu figurieren.

Zu diesem Organisationscomité stellen die einzelnen Abteilungen je nach Grösse ausser dem Redacteur noch 1-5 Mitglieder. Als solche haben I3I in Deutschland bereits Morf, Suchier und Vollmöller zugesagt, in der Schweiz Jeanjaquet und Tappolet u.s.w.[10] Im ganzen werden ungefähr 40 Mitglieder für das Organisationscomité zusammenkommen. Ende Februar werden die von ihm unterzeichneten Prospekte an die zukünftigen „fondateurs“ verschickt, deren Namen fortlaufend hinzugefügt werden. Ende März beginnt die grosse Propaganda. Mitte oder spätestens Ende dieses Jahres hoffen wir soviele Mitgliedschaften zu haben, dass die 2 Organe publiziert werden können. Verschiedene Arbeiten sind schon angemeldet.

Wie Sie sehen, ist Oesterreich bis jetzt weder im Redactionscomité noch in dem grösseren Organisationscomité vertreten, und infolgedessen ist auch noch leider kein einziger oesterreichischer Romanist zur Mitarbeit aufgefordert worden, während in den anderen Ländern diese Dinge fast alle mit Erfolg erledigt sind und die Gesellschaft dort starke Sympathien und festen Untergrund gefunden hat.

Um so dankbarer wären Ihnen die bisherigen Teilnehmer, wenn Sie selbst der Sache nicht nur Ihr Interesse, sondern auch in irgend einer Ihnen angenehmen Form Ihre Mitwirkung schenken wollten. Zu jeder näheren Auskunft über die Einzelheiten der Organisation, die in der Form des beifolgenden Statutes vom Redactionscomité beschlossen wurden, bin ich sehr gern bereit; falls Ihnen eine solche erwünscht ist, I4I

bitte ich Sie ganz ergebenst um eine entsprechende Mitteilung.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebener

B. Schädel.

Herrn Horfrat Prof. Dr. H. Schuchardt

Graz.



[1] Heinrich Morf (1854-1921) war ein bekannter Schweizer Romanist, der zu diesem Zeitpunkt noch als Professor an der Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften in Frankfurt a.M. tätig war, aber zwei Jahre später auf den prestigereichen Berliner Romanistik-Lehrstuhl berufen wurde, den bis dahin sein Landsmann Adolf Tobler innegehabt hatte. Morf bekleidete zwar keine herausgehobene Position in der zu gründenden Gesellschaft, stand aber seit 1879 mit Schuchardt in brieflichem Kontakt. Möglicherweise war die Berufung auf ihn ein diplomatischer Schachzug Schädels, denn es war nicht ohne Pikanterie, Schuchardt anzusprechen, nachdem Wilhelm Meyer-Lübke abgesagt hatte!

[2] Dieses Statut liegt dem Brief nicht bei. Es dürfte sich im wesentlichen mit den Ausführungen decken, die im 1. Heft des Bulletin de Dialectologie romane, 1909, 24-25, abgedruckt sind. Demzufolge hatte sich Ende 1907 eine Gruppe von romanistischen Dialektologen zusammengefunden, um eine „Société internationale de dialectologie romane“ zu gründen, um auf breiter Basis die Regiolekte der verschiedenen romanischen Länder zu erforschen: „Le parler populaire des pays romans, cette fontaine de jouvence de la philologie aussi bien que de l’art et de la civilisation régionales, est sur le point de succomber dans trop de contrées à l’influence préponderante de la langue officielle. Avec les nécessités grandissantes de la vie moderne on arrive à modifier ou à oublier les patois. – Il est grand temps de rassembler et d’étudier sur une base phonétique et d’après les principes de la linguistique moderne tous ces idiomes dans leur pureté primitive, tels qu’ils nous apparaissent dans les manifestations spontanées de la vie quotidienne“ (S. 24).

[3] Im bereits zit. Bulletin werden auf S. 26-34 die ersten 207 Mitglieder (Personen und Institutionen, meist Bibliotheken) aufgelistet [die Zahlen geben die Mitgliedsnummern an]: Deutschland 1-42; England 43-48, Österreich-Ungarn 49-54, Belgien 55-60, Brasilien 61-64, Kanada 65, Chile 66-68, Kuba 69, Dänemark 70-71, Spanien 72-106, USA 107-119, Frankreich 120-143, Niederlande 144, Italien 145-174, Portugal 175-180, Rumänien 181-186, Rußland (mit Finnland) 187-189, Schweden 190-195, Schweiz 196-206, Türkei 207 (hier handelt es sich einzig um Max Leopold Wagner, zu diesem Zeitpunkt Oberleherer an der Deutschen Realschule in Konstantinopel).

[4] Österreich ist durch die Budapester Privatdozenten Georg Alexici und Joseph Popovici, durch Francesco Babudri aus S. Domenica di Visinada / Istrien und Matthias Friedwagner, Univ. Czernowitz, vetreten. Im Lauf des Jahres (vgl. Bulletin cit., S. 68) kommen Carlo Battisti, Wien, und Hugo Schuchardt, Graz (Mitgl.-Nr. 219), hinzu.

[5] Carlo Salvioni (1858-1920), Schweizer Romanist und Dialektologe, der in Italien Karriere machte; Louis Gauchat (1866-1942), Schweizer Romanist und Dialektologe, der seit 1907 in Zürich lehrte; Jules Gilliéron (1854-1926), schweizerisch-französischer Romanist und Dialektologe, seit 1883 Professor an der École Pratique des Hautes Études in Paris; Auguste Doutrepont (1865-1929), belgischer Romanist und Wallonist der Universität Lüttich; Adjutor Rivard (1868-1945), kanadischer Linguist von der Universität Laval in Québec; Ovid Densusianu (1873-1938), Rumänist von der Universität Bukarest; Antoni Maria Alcover (1862-1932), Theologe des Priesterseminars in Palma de Mallorca und Begründer der spanischen Katalanistik;  Ramón Menéndez Pidal (1869-1986), Begründer der spanischen Philologie in Madrid; José Leite de Vasconcelos (1858-1941), portugiesischer Romanist und Dialektologe, der zu diesem Zeitpunkt an der Lissaboner Nationalbibliothek tätig war.

Das endgültige Redaktionskomitee, dessen Namen sich auf der Titelseite der von der „Société Internationale de Dialectologie Romane“ hrsg. Revue de Dialectologie romane finden, entspricht nicht ganz dieser Liste: A. Alcover, J. Anglade, M. G. Bartoli, A. Doutrepont, L. Gauchat, J. Geddes, J. Jud, J. Leite de Vasconcellos, R. Menéndez Pidal, O. Nobiling, A. Rivard, M. Roques, C. Salvioni, B. Schädel, E. Staaff. Es fehlen Gilliéron, Lenz (s.u. Anm. 7) und Densusianu, zudem ist Österreich-Ungarn nicht vertreten. Neu hinzugekommen sind Joseph Anglade (1868-1930), zu diesem Zeitpunkt noch Maître de conférences in Nancy und ab 1910 Professor in Toulouse, ein ausgewiesener Provenzalist, Matteo Giulio Bartoli (1873-1946), Schüler Meyer-Lübkes und Spezialist für das Dalmatinische und Istrische, seit 1907 Lehrstuhlinhaber in Turin, sowie Mario Roques (1875-1961), der seit 1901 an der Sorbonne lehrte und nicht nur ein anerkannter Mediävist, sondern auch Kenner des Rumänischen und Albanischen war sowie der Schwede Erik Staaff (1867-1936), Romanist und Hispanist der Universität Uppsala.

[6] Carlo Battisti figuriert im 2. Bd. der Revue als Sachverständiger für die Zentral- und ostladinischen Dialekte.

[7] Oskar Nobiling (186-1912), aus Hamburg stammender Lusitanist, der seit 1898 am Staatsgymnasium in São Paulo unterrichtete; Rudolf (Rodolfo) Lenz (1863-1938) aus Halle war 1890 nach Chile ausgewandert, wo er als Romanist und Fremdsprachenlehrer am Instituto Pedagógico de la Universidad de Chile unterrichtete.

[8] Während Nobiling später für den Domaine portugais hors d’Europe zeichnet, ist Lenz nicht aufgeführt.

[9] James Geddes Jr. (1858-1948), Romanist der Boston University; zu Erik Staaff vgl. Anm. 5.

[10] Während die Schweizer Ernst Tappolet (1870-1939) Basel, Jules Jeanjaquet (1867-1950) Neuenburg und Louis Gauchat (1866-1942) Zürich als „collaborateurs spéciaux“ aufgeführt werden, beschränken sich die Vertreter Deutschlands auf Schädel selber, Hermann Urtel und Max Leopold Wagner. Urtel (1873-1926), in Straßburg geboren, war seit 1900 im Hamburger Schuldienst und ein ausgewiesener Baskologe; Wagner (1880-1962) war einer der wenigen Spezialisten für sardische Sprache und Literatur (s.o. Anm. 3).