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Brief (003-01040)

Leitmeritz den 17. Juni 1882.

Sehr geehrter Herr!

Ihre freundlichen Zeilen habe ich gestern erhalten und ich beeile mich auch Ihren Wunsch nach einer Manila-Adresse zu erfüllen. Wenden Sie sich an meinen geehrten Freund

Sr.D.J.C. Labhart-Lutz1

cónsul de Austria y Ungria

en

Manila extramuros

Binondo.

via Brindisi

Hr. Labhart weilt seit 1857 in Manila, kennt alle Landesverhältnisse genau und ist von außerordentlicher Gefälligkeit. Bitte sich nur auf mich zu berufen und wenn Sie es wünschen, so bin ich mit Vergnügen bereit ihn im voraus zu avisieren. Leider ist er kein wissenschaftlich gebildeter Mann sondern Kaufmann. Ich könnte Ihnen wenn Sie es wünschen auch die Namen einzelner Professoren der juridischen Facultät der Universitaet von Manila2 angeben, aber sie werden von diesen ebenso wenig eine Antwort erhalten als seiner Zeit ich, auch glaube ich, dass Sie von diesen weniger Auskunft erhalten könnten (denn sie sind Neulinge im Lande) als von dem Laien Labhart. Ein eigentlicher Creolen-Jargon dürfte es wohl kaum [sein], denn die Zahl der Spanier ist sehr gering und wechselte früher ungemein, so dass erst in diesem Jahrhunderte eine Creolenkaste sich bilden konnte (bitte darüber das Ergänzungsheft Nr. 673 sub voce “Weisse”4 und die letzterschienenen Nummern Nr. 22 u 23 des “Globus”5 einzusehen). Es sind von den Creolen nur einzelne tagalische Worte aufgenommen worden oder es haben sich ]sich[ solche Bedeutungen wie sie auf den Phil. “abogadillo” etc. besitzt herangebildet (alles auf “illo” ausgeh. bezieht sich auf Farbige).6 Was Scheidnagel von “tiene”, “aquel”, “parejo” etc. bringt, wird nicht von Creolen sondern von den Indiern in ihrem Kauderwelsch (á la dem Canton-Englisch) gesprochen, von diesen Phrasen gebrauchen Spanier und Creolen, soviel ich weiß nur “cuidado”7 scherzweise. Dieses “Spanisch” der Tagalen dürfte durch die Einführung der neuen spanischen Schulen8 in einer Generation besseren Kenntnissen der castilischen Sprache weichen.

Solche im philippinem Spanisch-Rothwälsch geschriebene Briefe finden Sie in Jagor’s9 Reisen10, Cañamaque11, Montero y Vidal12 mitgetheilt.

Ich schließe meinen Brief mit der Bitte, dass Sie der berühmte Romanist es mir dem Laien verzeihen, dass ich hier auch mich frank und frei äußere und Sie auf Bücher etc. aufmerksam mache, die [Sie] jedenfalls schon kennen.

Hochachtungsvoll
Ihr ganz ergebener und dienst
williger
F. Blumentritt


[1] Johann Conrad Labhart-Lutz (1825-1887), Schweizer aus St. Gallen, Botschafter in Manila für Österreich-Ungarn. Im Schuchardt-Nachlass finden sich drei Briefe Labharts, geschrieben zwischen dem 25. Juli 1883 und dem 18. August 1883 (s. Briefe Nr. 05885-05886, online auf der Schuchardt-Homepage). Blumentritt stand mit Labhart offensichtlich in regem Briefverkehr, Labhart versorgte Blumentritt mit umfangreichen Daten zum philippinischen Spanisch. Blumentritts Vocabular (1882d) ist Labhart gewidmet.

[2] Die 1611 gegründete Universidad de Santo Tomás in Manila ist die älteste Universität Asiens.

[3] Blumentritt (1882c). Versuch einer Ethnographie der Philippinen.

[4] Blumentritt listet in (1882c) die verschiedenen Ethnien der Philippinen mit einer genauen Beschreibung ihrer Lebensweise auf. Unter „Weisse und andere Mischlinge“ schreibt er: „da überdies die Zahl der eingewanderten Frauen eine geringe war, so konnte sich nicht jene mächtige Creolenkaste bilden, die in Spanisch-Amerika noch heute dominirt“ (Blumentritt 1882c: 58).

[5] Blumentritt (1882a). Eine Studie zur Bevölkerungs-Statistik der Philippinen.

[6] In der Materialiensammlung des Nachlasses Schuchardt befindet sich unter Bibl. Nr. B.11.11. eine handschriftliche Wortliste, in der abogadillo und andere Wörter auf –illo enthalten sind. Vermutlich hat Blumentritt dieses Dokument hier beigelegt. In Blumentritt (1882d: 1): „Abogadillo el, verbummelter Rechtshörer farbiger Abkunft, welcher zumeist am Lande als Winkeladvokat lebt. Im weiteren Sinne fasst man unter diesem Namen Ex-Studenten, ausgediente Soldaten, gewesene Diener von Spaniern, kurz alle Leute in den Dörfern zusammen, welche Spanisch verstehen oder sprechen und ein Schmarotzerleben führen. Im Munde der Clericalen ist es ein Stichwort für die Gegenpartei.“ Die Wortbildung auf –illo findet in Schuchardt (1883b: 144) Eingang: „die eigentlich verächtlichen auf die Farbigen angewandten Diminutiva, wie gobernadorcillo, mediguillo, …“, und wird auch in Schuchardt (1883a: 318) erwähnt.

[7] Vielfältig gebrauchtes Wort, z.B. um Zustimmung oder Anerkennung, aber auch Gleichgültigkeit auszudrücken (s. Blumentritt 1882d: 25f.).

[8] 1863 durch Isabella II.

[9] Andreas Fedor Jagor (1816-1900), deutscher Forschungsreisender und Ethnograph, bereiste Süd- und Südostasien. Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

[10] Jagor, Andreas Fedor (1873). Reisen in den Philippinen.

[11] Cañamaque, Francisco. Entweder (1877 u 1879). Recuerdos de Filipinas oder (1880). Las Islas Filipinas.

[12] Montero y Vidal, José (1876). Cuentos filipinos.