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Brief (04-02817)

[1]

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Ich erlaube mir[,] Herrn Hofrat anlässlich der kommenden Feiertage u. des baldigen neuen Jahres das Beste zu wünschen. Ich hatte gehofft, es mündlich thun zu können, doch kann ich zu Weihnachten kaum Graz berühren, durch die Bibliothek, die mich soviel |2| Zeit kostet[,] sind meine Ferien auf ein Minimum zusammen geschrumpft, von denen ich meinen Eltern nichts entziehen kann. Abgesehen dass ich meinen kranken Onkel nicht besuchen kann, hätte ich auch Herrn Hofrat wieder eine Menge Fragen vorzulegen gehabt, welche gelegentlich auftauchten. Einiges davon wird vielleicht in Vollmöllers Jahresbericht[2] H. Hofrat zu Gesicht kommen, Schnitzel von einer wort-sachgeschichtlichen Arbeit, die ich vor einiger |3| Zeit begonnen, die aber zu groß angelegt langsam vom Fleck geht. Um inzwischen nicht mit leeren Händen zu stehen, habe ich eine alte syntaktische Arbeit wieder hervorgezogen (zur rom. Kasuslehre[3]) und möchte bald damit herausrücken können.

Nachdem ich somit Herrn Hofrat über mein Thun und Treiben berichtet habe, – die Belege rücken hoffentlich im Winter nach – erlaube ich mir, meine Gratulation zu wiederholen und verbleibe

Ihr

ergebenster Karl Ettmayer



[1] Für die Datierung können fünf Fakten herangezogen werden: a) die Verwendung von Kurrentschrift, die bei den anderen Poststücken nur bis einschließlich 1907 nachweisbar ist, b) die Erwähnung größerer bibliothekarischer Probleme, die sicher mit seiner Tätigkeit in der Wiener Universitätsbibliothek zu tun hat, c) die Evokation einer bevorstehenden Publikation im „Kritischen Jahresbericht […]“ des Göttinger Romanisten (und Anglisten) Karl Vollmöller (1848-1922), die dann tatsächlich mit der Datierung 1902/03 erfolgt ist, d) die Notwendigkeit eines Besuchs bei den Eltern, die ab 1902 in Gries bei Bozen wohnten, und e) die Tatsache eines bevorstehenden Jahreswechsels.

Da Ettmayer zwischen 1900 und 1905 Angestellter der UB Wien war, die fragliche Publikation mit dem Datum 1902-03 herauskam und seine Eltern erst ab 1902 in Bozen wohnten, kommen für das zitierte „baldige neue Jahr“ nur zwei Möglichkeiten in Betracht: 1902/03 oder 1903/04.

Ich halte aber die zu zuerst genannte Lösung (1902/03) für deutlich wahrscheinlicher. Ettmayer hatte sich im Frühling des Jahres 1903 in Wien bei W. Meyer-Lübke habilitiert und war demnach zum Jahreswechsel 1903/04 schon Privatdozent an der Wiener Universität. Er hätte Schuchardt gegenüber sicher eine diesbezügliche Anspielung gemacht, vor allem aber, was die 1903 erfolgte Publikation seiner Habilitationsschrift über die bergamaskischen Alpenmundarten (BIB 3 in Goebl 1995, 246) betrifft. In der chronologischen Abfolge der hier publizierten Postsendungen würde dieser Brief also seinen Platz zwischen den Briefen 02-02791 und 03-02792 haben.

[2] Vergleichende romanische Grammatik 1902-1903, in: Kritischer Jahresbericht über die Fortschritte der Romanischen Philologie 7 (1902/1903) I, 78-84 (BIB 2 in Goebl 1995, 246).

[3] Es ist nicht klar, auf welche der später publizierten Arbeiten Ettmayers diese Anspielung zutreffen könnte. Tatsache ist aber, dass unter den sechzehn von Ettmayer in seiner Freiburger Zeit (1905-1911) gehaltenen Vorlesungen sich eine ganz explizit auf die „Romanische Tempus- und Casuslehre und Besprechung der einschlägigen syntaktischen Probleme“ bezogen hat (cf. Goebl 1995, 207).