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Brief (23-02811)

Wien, den 24 Oktober 1916

Sehr geehrter Herr Hofrat !

Mir tut es sehr leid, dass Ihnen mein Separatum so spät zugekommen ist, sowie dass Ihnen auch jenes von meiner Wiener Antrittsvorlesung[1] über die Laugesetzfrage verloren gieng [sic]. Von dieser besitze ich nur mehr 1 Exemplar, das ich Gilliéron[2] zugedacht habe. Da ja immer noch die Möglichkeit vorhanden ist, dass der Abzug, den Sie nach Ungarn sandten, von der Post nur verzögert wurde u. er noch ans Tageslicht kommen kann, möchte ich mich vorläufig mit der Zusicherung begnügen, dass ich Ihnen auch mein letztes Exemplar des Aufsatzes (der im heurigen Jahrgang der Zeitschr. f. österr. Gymnasien erschien) widmen werde, falls das frühere Exemplar verloren gegangen sein sollte. Übrigens habe ich die Absicht[,] meinen Sturmlauf gegen die „Lautgesetze“ älteren Stils von andrer Seite fortzusetzen, da ich am 9.1.17 in der hiesigen phonetischen Gesellschaft in einem Vortrag,[sic] den uns durch die Buchstabenschrift eingeimpften Begriff „Laut“ zu analysieren gedenke, der m. E. vielfach durch den /2/ wissenschaftlich zutreffenderen der „Lautreihe“ auch dann zu ersetzen ist, wenn es sich nicht bloss um den „Lautwandel“ handelt[3]. An und für sich ist schon vom Standpunkte der rein beschreibenden Phonetik aus unsere geläufige Vorstellung von den einzelnen Lauten, aus denen wir uns die Lautreihen zusammengesetzt denken, eine Hypostase, da auch diesfalls die „Lautreihe“ selbst schon das primäre Element darstellt, dessen Zergliederung wir oft in unrichtiger Weise vornehmen.

Sollte bis zur Drucklegung dieses Vortrages sich Ihr Exemplar meiner Wiener Antrittsvorlesung nicht gefunden haben, so wird Gilliéron (der nach einer Bemerkung, die mir Jaberg brieflich mitteilte, auf den Erhalt meines Separatums wenig erpicht sein mag) wohl oder übel zu Ihren Gunsten zu verzichten haben.

Sodann hätte ich eine bescheidene Anfrage[4]. Zufällig las ich in rascher Aufeinanderfolge Ihren Habilitationsvortrag über die Klassifikation der rom. Sprachen[5] u. die Schrift von Johannes Schmidt über die Verwandtschaftsverhältnisse der idgr. Sprachen[6]. War Bonn der gemeinsame Boden[,] in denen [sic] die beiden Grundideen wurzelten[7]? Oder war es Zufall, dass gerade zwei Angehörige der Bonner Alma mater die alten Vorstellungen von der Sprachenfiliation modernisierten und damit für so viele Gedankengänge der heutigen Sprachgelehrten die notwendige Voraussetzung schufen? Ich lese jetzt über „Sprachgeographie[8]“ und kam dadurch zu dieser Lektüre[9].

Ihr

ergebenster Karl Ettmayer



[1] Die Wiener Antrittsvorlesung Ettmayers fand am 4.11.1915 statt. Sie wurde im demselben Jahr in der „Zeitschrift für österreichische Gymnasien“ publiziert (BIB 33 bei Goebl 1995, 250): Über die wissenschaftlichen Grundlagen der romanischen Sprachwissenschaft, ibidem vol, 66, 1915, 1057-1068.

[2] Jules Gilliéron (1854-1926), Autor des von Ettmayer ab 1905 intensiv benützten « Atlas linguistique de la France ». Die hier erwähnten Verwicklungen bei der Zusendung von Sonderdrucken sind ein sozusagen „normaler“ Bestandteil der damaligen Kommunikationskultur zwischen Gelehrten.

[3] Dieser Vortrag wurde publiziert (cf. BIB 35 in Goebl 1995, 250): Prinzipielle Fragen in der Phonetik, in: Jahresbericht der österreichischen Gesellschaft für experimentelle Phonetik 7, 1917, 14-31.

[4] Sch. scheint diese Anfrage Ettmayers zu seinem Verhältnis zu Johannes Schmidt (1843-1901) in besonderer Weise berührt zu haben. Er spielt darauf fast zehn Jahre später in seiner 1925 publizierten Schrift „Der Individualismus in der Sprachwissenschaft“ unter Zitierung zahlreicher Details aus der gemeinsam mit Schmidt (und dem gemeinsamen Lehrer August Schleicher, 1821-1868) in Bonn verbrachten Zeit an (ibidem, 16-17).

[5] Diese Schrift Schuchardts wurde 1870 verfasst und erst im Jahr 1900 publiziert: cf. Brevier 1928, 33, Nr. 352.

[6] Johannes Schmidt (1872): Die Verwantschaftsverhältnisse [sic] der indogermanischen Sprachen, Weimar: Böhlau.

[7] Hugo Schuchardt weilte zwischen 1861 und 1864 in Bonn, Johannes Schmidt zwischen 1861 und 1865, um dann ebendort ab 1868 ein Ordinariat zu übernehmen. Ettmayers Vermutung wurde von Sch. im Jahr 1925 vollauf bestätigt, allerdings mit dem abtönenden Zusatz: „Die Annahme der geographischen Abänderung lag eben in der Luft“ (Individualismus, 17). Die Vorstellung der graduellen „geographischen Abänderung“ der Ähnlichkeiten von Sprachen im Raum ist das zentrale Theorem der von Sch. und Schmidt vertretenen Wellentheorie.

[8] Von den von Ettmayer in Wien betreuten 66 Dissertationen behandeln 30 die Themenbereiche Sprachgeographie, Onomasiologie und Lexikologie (cf. Goebl 1995, 214).

[9] Ettmayers sprachgeographische Reflexionen kulminieren in der 1924 publizierten Akademie-Schrift „Über das Wesen der Dialektbildung, erläutert an den Dialekten Frankreichs“ (BIB 47 in Goebl 1995, 252). Auch aus heutiger Sicht halte ich dieses reich mit Karten ausgestattete Buch für ein ausgesprochenes Meisterwerk der Sprachgeographie.