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Brief (06-266_27-7)

Graz 21. Dez. 04.

Verehrtes Fräulein,

Ich bin Ihnen ausserordentlich verbunden für Ihre neuerlichen Bemühungen wenn diese auch nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben. Darf ich Sie – da der Zeichner durchaus das haben will – um irgend ein Bild von Mussafia für kurze Zeit ersuchen? Wenn ich es bedauere dass ich Sie so oft belästige, so muss ich doch sagen, Mussafia selbst, der zu Feiernde, ist nicht wenig schuld daran. Ich habe Bilder von G. Paris,1 Ascoli, Tobler2 usw.; M. hat mir nie eines von sich gegeben, wohl aber das meinige entgegengenommen. Auch kann ich mich nicht entsinnen dass er mir je von seinen – mich gerade jetzt interessierenden - Anfängen gesprochen hätte, von seinem "Studium" der Medizin, seinen fernöstlichen Beziehungen zu F. Wolf usw. Wunderlich hat es mich berührt, im Wurzbach3 zu lesen, er sei vermutlich ein Sohn des Rabbiners Amedeo, dem der folgende Artikel gewidmet ist.

Wie soll ich es mit meinem Opusculum halten wenn es wirklich zustande kommen wird? Mussafia wird vor Mitte Feber noch nicht wieder in Wien sein? Aber wo dann?

Nochmals, um des Maestro willen, Verzeihung erbittend

– in grösster Eile –

Ihr ganz ergebener
HSch


[1] Gaston Paris (1839-1903) französischer Romanist, insbesondere Französist; Ausbildung bei Friedrich Diez, Professor am Collège de France; war vor allem Philologe des Altfranzösischen, Autor einer historischen Grammatik des Französischen; zahlreiche philologisch orientierte Etymologien; Gründer zweier romanistischer Zeitschriften (u.a. Romania 1872). Es existiert ein ausführlicher Briefwechsel mit Schuchardt (8562-8661), nur einzelne Briefe mit Richter (NB 265/74). Ein bekannter Disput zwischen Paris und Schuchardt betraf die Etymologie von trouver. Es ist zu hoffen, daß im Rahmen der äußerst bemerkenswerten Anstrengungen von U. Bähler (Universität Zürich) um die Aufarbeitung nachgelassener Korrespondenzen Paris' auch jene mit Schuchardt in vollständiger Form erscheinen wird.

[2] Adolf Tobler (1835-1910) Schweizer Romanist, studierte bei Friedrich Diez; Professor in Berlin, blieb über 40 Jahre bis zu seinem Tod dort tätig; veröffentlicht vor allem zum Altfranzösischen; einzelne linguistische Arbeiten (z.B. zur Entwicklung der lateinischen Konjugation), aber unter stark philologischem Blick; altfranzösische Editionsarbeiten. Gerät mit Schuchardt über die Diezstiftung in Konflikt (vgl. die Aufarbeitung dieser Polemik in Storost 1992). Briefe Toblers an HS unter Nrn. 11706-11727. Die wenigen Briefe Toblers an Richter unter NB 266/46.

[3] Gemeint ist hier Constantin von Wurzbachs 'Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich: enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen…', Wien: Verlag der typographisch-literarisch-artistischen Anstalt, ein Quellwerk der Monarchie, das in vielen Bänden über die Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinweg erschien.