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Brief (02-12526)

GRAND HOTEL DE PROVENCE

SAINT-RÉMY-DE-PROVENCE

 27.3.27

 (28.3.-4.4. Aix-en-Provence, Poste restante)

 

Hochverehrter Herr Kollege

Indem ich Ihnen gleichzeitig meine kleine Schrift über das Romanische Seminar Halle (1875-1926) übersende,[1] bitte ich Sie mir es nicht übelzunehmen, dass ich Ihnen nicht schon von Halle aus geschrieben und das Jubiläumsschriftchen geschickt habe. Aber dem Begründer des Seminars wollte ich doch nicht nur eine Drucksache senden, sondern auch einige Zeilen schreiben, die von dem persönlichen Zusammenhang des Seminars mit Ihnen und von meiner Verehrung für Sie zeugen. Und dazu kam ich in Halle bei den vielseitigen Reisevorbereitungen – ich musste auch noch einen Vortrag für Madrid ausarbeiten – nicht.

Aus dem Schriftchen werden Sie ersehen, dass wir in dankbarer Verehrung ,de nostis àvi‘[2] gedenken. Sie haben doch s.z. gewiss den Antrag gestellt, ein Romanisches Seminar zu begründen. Leider findet sich in den Akten und auch in Suchiers Schrift von 1903[3] nichts darüber vor. Dass vorher, schon seit Boehmer, eine ,Romanische Gesellschaft‘ bestand, habe ich in meinem Bericht über Halle in Vollmöllers Jahresbericht[4] erwähnt und hätte ich vielleicht hier wiederholen sollen.

Wenn Sie die Freundlichkeit haben würden, mir zur Ergänzung meiner Darstellung diese oder jene Mitteilung aus Ihrer eigenen Hallischen Zeit zu machen, so wäre ich Ihnen dafür dankbar, möchte Sie aber bitten, diese Mitteilungen lieber nach Halle (Gütchenstr. 10) zu I2I richten, weil ich nur bis 4.4. in Aix-en-Provence bleiben und dann wieder herumreisen werde. Beim Nachsenden von Poste restante geht zu leicht etwas verloren.

In Saint Rémy, wo ich seit vorgestern bin, weile ich nicht zum erstenmale. 1907 und 1910 war ich längere Zeit hier, um mich von Marrel[5], dem Stadtsekretär, in provenzalischer Aussprache unterrichten zu lassen[6] und mit ihm Mirèio[7] zu lesen. Wenn ich nicht sehr irre, hat er auch Sie gekannt und mit Ihnen gearbeitet. Der liebenswürdige Feliber[8] ist, wie ich hier höre, vor 5 Jahren im Alter von 72 Jahren (und im Amt) gestorben.

San-Roumié[9] ist in der Hauptsache noch das alte, wie Sie es auch gekannt haben werden. Neben den ,Antico‘[10], deren Bild Sie am Kopf des Briefes sehen[11], ist vor einigen Jahren ein dem Sylvanus geweihter Tempel entdeckt worden.[12] Die schönen Arlesierinnentrachten verschwinden auch hier allmählich, wie ich es in noch stärkerem Maße in Arles beobachtet habe. Hingegen konnte ich gestern in Maillane[13], zu der Feier der ,Wiederkehr von Mistrals Todestag, noch sehr viele Trachten beobachten.

Mit den besten Wünschen für Ihr Befinden

und dem Ausdruck meiner aufrichtigen Verehrung

Ihr ergebenster

K. Voretzsch



[1] Das romanische Seminar der vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg im ersten Halbjahrhundert seines Bestehens, Halle a.S. 1926. Was die Anfänge der Hallischen Romanistik angeht, stützt sich Voretzsch auf die Anm. 5 genannte Publikation, aus der er wörtlich zitiert (S. 4): „Die gründung des Seminars für romanische philologie an der königlichen Universität Halle-Wittenberg ist durch ministerialerlaß vom 15. oktober 1875 erfolgt. Da aber der erste leiter des Seminars, herr professor dr. Hugo Schuchardt, am 18.3.1876 einem rufe nach Graz folgte und sein zu michaelis 1876 von Münster nach Halle versetzter nachfolger, Hermann Suchier, die übungen erst zu ostern 1877 eröffnen konnte, hat das Seminar zwei Jahre hindurch nur auf dem papiere bestanden“.

[2] „Gedenkan an die Vorfahren“; es handelt sich um ein Zitat aus Mistrals Gedicht „La Cansoun dis Àvi“ (vgl. Correspondance Frédéric Mistral - Pierre Devoluy : 1895-1913, publ. et annotée par Charles Rostaing, Nîmes 1984, 687-688), das Voretzsch auch seiner Seminargeschichte voranstellt: „Ounour à nòstis àvi / Tant sàvi, tant sàvi!“

[3] Bericht über das Seminar für Romanische Philologie an der Königlichen Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg: 1877-1903; Anhang zur Universitätschronik 1903, Halle a.S. 1903.

[4] Kritischer Jahresbericht über die Fortschritte der Romanischen Philologie 9, 1909, IV 4-26. Eduard Böhmers (vgl. HSA Briefe 01187-01189) Wirken wird S. 9-12 beschrieben. Die „romanische Gesellschaft“ wurde zum WS 1867/68 von Böhmer begründet (ebd. IV 10).

[5] Édouard Marrel (1851-1922), Secrétaire de Mairie von 1880-1920.

[6] Voretzsch war ein ausgewiesener Provenzalist (Okzitanist): Aus seiner Feder stammt z.B. Zur Geschichte der Diphthongierung im Altprovenzalischen, Halle 1900, auch hatte er 1928 eine Auswahl von Mistrals Gedichten herausgegeben bzw. 1934-36 eine Lyrische Auswahl aus der Felibredichtung (I. Texte. II. Wörterbuch provençalisch - französisch - deutsch, nebst einem Anhang über die Mundarten).

[7] Mirèio (Mirèlha, Mireille), ist eine 1859 erschiene Liebesdichtung in 12 Gesängen von Frédéric Mistral, für die dieser im Jahr 1904 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde

[8] Feliber ist eine Verdeutschung des prov. felibre, womit ein Mitglied des felibrige, einer auf den 1.7.1901 datierten Dichtervereinigung, bezeichnet wird, die sich für die Wiederbelebung und Pflege des Okzitanischen einsetzte. Die Etymologie des Wortes ist unklar; möglich wäre lat. fellebris (saugend, Säugling [der Musen]).

[9] Okzit. Name für Saint-Rémy

[10] Franz. Les Antiques.

[11] Der Briefkopf zeigt den Triumphbogen und das sog. Mausoleum, die den Eingang des römischen Glanum markierten.

[12] Der Temple de Silvanus wurde 1925 entdeckt und in den Folgejahren ausgegraben.

[13] An Mistral erinnert dort heute ein ihm gewidmetes Museum; sein Todestag ist der 25. März.