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Brief (001-01038)

Leitmeritz den 2. Januar 1882

Hochverehrter Herr Professor!

Heute habe ich endlich einen Brief von Pardo de Tavera1 erhalten: Zunächst eine Enttäuschung: Pardo ist kein Dominicano und ist nie in Santo Domingo gewesen; nun aber kommen lauter fröhliche Nachrichten über die ich hellauf aufjubeln möchte, denn Sie haben Herr Professor meine volle Liebe gewonnen, ich weiß nicht jemand, dem ich, ohne ihn erst von Gesicht zu Gesicht kennen gelernt zu haben, so viel Sympathie entgegenbringe, als Ihnen. Also hören Sie und freuen Sie sich: Er schreibt:

“Yo soy Filipino: he nacido en Manila y por eso me ofrecen tan[to] interés las obras que se ocupan de mi tan hermoso como desgraciado pais. Basta que un hombre de ciencia se ocupe de mis queridas islas para que tenga yo por él la mas verdadera admiracion y la mas sincera simpatía. ......”

Über die So. Domingo-Cosa2 schreibt er “... asi, pues, siento mucho no estar en disposicion de poder dar á su amigo el ilustre profesor Schuchardt las noticias que V. me pide. Sin embargo, como mi mayor placer será serle á V. útil y servir á la ciencia, si el señor Schuchardt me indicara las noticias que necesita, yo, quizás por mi amistad con sugetos Dominicanos podria serle útil.

Por si acaso V. no lo sabe creo bueno indicarle que en la República Argentina hay un filólogo muy distinguido allá que es el Doctor Don Vicente Fidel Lopez3 (de Buenos-Aires).”

Ist das nicht ein schönes Neujahrsgeschenk! Philippinen, So. Domingo und Argentinia!

Auf etwas möchte ich noch aufmerksam machen: Pardo ist seiner geschwächten Gesundheit wegen nach Spanien gezogen, wo er bis zum Mai bleiben wird. Gegenwärtig weilt er in Sevilla (Hotel de Londres), doch wünscht er die Briefe unter seiner Pariser Adresse zu erhalten: sein Bruder ist dort zurückgeblieben.

Nun leben Sie wohl und bedauren Sie mich: 4 Stunden habe ich heute schulmeistert, 2 Stunden muss ich corrigieren und dann erst kann ich halbblinder4 Mann an meine Studien mich machen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr ganzergebener

F. Blumentritt


[1] Trinidad Hermenegildo Pardo de Tavera (1857-1925), philippinischer Arzt, Bibliothekar, Sprachforscher. Einer der wichtigsten intellektuellen Philippiner seiner Zeit. Geboren und aufgewachsen in einer aristokratischen Familie in Manila. Übersiedelte aus politischen Gründen 1875 nach Paris. Während seiner Pariser Zeit fand der Kontakt mit Blumentritt und Schuchardt statt. Mehr zu Pardo de Taveras Biographie und den Briefwechsel mit Schuchardt s. Fernández (2010).

[2] Schuchardt hat Blumentritt wohl um Informationen über das Kreol-Spanische in Sto. Domingo auf den Antillen gebeten. Blumentritt dürfte über die Embajada de Sto. Domingo in Paris auf Pardo de Tavera gestoßen sein (s. Fernández 2010, dieser Band). Dieser konnte zwar Schuchardts Anliegen nicht erfüllen, aber für Blumentritt, der sich gerade intensiv mit dem philippinischen Spanisch beschäftigte, hatte sich so ein sehr wertvoller neuer Kontakt ergeben.

[3] Vicente Fidel Lopez (1815-1903), argentinischer Historiker, Jurist und Politiker; als Gegner des Gouverneurs Juan Manuel de Rosas emigrierte er nach Uruguay und Chile. Zurück in Argentinien war er Zeitungsherausgeber, Rektor der Universität von Buenos Aires, später Parlamentsabgeordneter und Wirtschaftsminister. Sein bedeutendstes Werk ist die zehnbändige Historia de la república argentina (1883-1893). Im Jahr 1882 führte er eine bekannte Diskussion mit dem Historiker und Politiker Bartolomé Mitre über dessen Werk Historia de Belgrano.

[4] Blumentritt dürfte sehr schlecht gesehen haben. Auf allen Abbildungen ist er mit Zwicker zu sehen, und immer wieder erwähnt er in seinen Briefen Probleme mit den Augen.