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Brief (70-9579)

[XIX Weimarerstrasse 83] Gründonnerstag 1927

Hochverehrter Herr Hofrat,

Ich habe nicht gewagt, Ihnen zu schreiben, wie sehr ich mich über Ihre Zeilen gefreut habe, weil ich fürchtete, zudringlich zu werden. Aber ich war ganz beschämt, dass Sie Sich diese Mühe genommen haben und ich hoffe, dass Ihr "unermüdlicher Major" nun immer wolauf ist, - Sie selbst werden nun auch froh sein, den Winter hinter Sich zu haben. Heut ist es allerdings bei uns sehr kühl, aber Magnolie und Obstbäumchen finden es schon warm genug, drauf los zu blühen, so dass wir gar nichts davon haben.

Ich habe, trotz mannigfacher Leiden, einige kleine Arbeiten erledigt, wovon aber nur zwei hoffen dürfen, Ihnen vorgelegt zu werden: Ich habe über das altitalienische Tabacco gearbeitet,1 das sich als ocymum agreste, ein einfaches Heiltrank- und Wundkraut herausstellt (erscheint im Arch. Rom.) und eine lang beabsichtigte Studie über "Impressionismus, Expressionismus und Grammatik" (für die Appel-Festschrift).2 Letzteres sollte eigentlich ein Band sein, so viel Stoff ist da. Aber erstens hatte ich einen so kurzen Termin – diese ekelhaften Festschriftbeiträge! – und zweitens finde ich, Beispiele sammeln können auch Studenten und Andere. Die Hauptsache ist doch, gewisse Richtlinien für die Beobachtung zu geben. Ich versuche darin, dem Zusammenhang zwischen "ausgewiesenen" Stilwendungen und alltäglichem Ausdruck nachzugehen.

Ich wusste nicht, dass Schürr3 jetzt in Graz ist, auch nicht, dass er persönlich so liebenswürdig ist. Ich kenne ihn nicht und bedaure doppelt, dass ich in Wien so wenig ähnlich geartete Kollegen habe.4 Nun droht uns der Verlust Küchlers,5 der ein netter, feiner, gütiger Mann ist. Hamburg macht graue Anerbietungen und Wien ist wie immer kleinlich und bettelhaft, so weit es sich um das Ministerium handelt. Die Beethovenfeier,6 die in letzter Linie von Guido Adler veranstaltet war, hat den grossartigen Zuschnitt gehabt, war Beethovens höchst würdig und ein wahres Friedensfest; alles Gebotene herrlich. Ich habe dabei Romain Rolland7 vortragen hören, er macht einen sehr leidenden Eindruck und kann sich offenbar vor Verehrern nicht retten. Daher blieb ich fern. Ich denke mir, dass Sie ein Radio haben – ich habe keines – und so Ettliches mitmachen konnten. Ich wünsche Ihnen schöne Ostertage und begrüsse Sie

herzlichst als Ihre altergebene Elise Richter


[1] Elise Richter (1927a).

[2] Elise Richter (1927b).

[3] Friedrich Schürr (1888-1980) österreichischer Romanist. Vgl. den Epilog zum vorliegenden Heft, der sich unter anderem mit Schürrs Vergangenheit im Nationalsozialismus beschäftigt. Briefwechsel mit Schuchardt in den 20er Jahren, Nrn. 10374-10394; die Briefe von Schürr an Richter tragen die Siglen NB 266/29.

[4] Diese Aussage Richters mutet insofern unverständlich an, als Schürr in seinem aus anderen Gründen bekannten Lebensrückblick (Schürr 1968; vgl. den Epilog zu diesem Heft) angibt, in Wien zwischen 1906 und 1911 Romanistik zu haben und auch Details aus dieser Zeit berichtet. Aus verständlichen Gründen erwähnt er allerdings den Namen Elise Richter dort nicht.

[5] Walter Küchler (1877-1953) deutscher Romanist, 1922-1927 als Literatur­wissenschaftler Ordinarius in Wien, dann Hamburg. Versuchte sich publizistisch für die Völkerverständigung und gegen die Nationalsozialisten einzusetzen, 1933 zwangspensioniert. Schuchardt hat mit Küchler nicht korrespondiert, dagegen gibt es einen ausführlicheren Briefwechsel zwischen Küchler und Richter (NB265/33).

[6] Zum 100 Todestag.

[7] Schon Jahre zuvor hatte Richter (1920b) über den Dichter veröffentlicht.