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Brief (3-Ms_1049_B)

Graz, 22. Juli 1833 [= 1883!]

Geehrter Herr,

darf der, welcher den grössten Theil Ihres slovenischen Uebungsbuches durchgearbeitet hat, darf ein Schüler seines Schülers diesen mit einer neuen Bitte belästigen, nachdem er ihm noch für die Gewährung einer früheren zu danken hat?

Zunächst lassen Sie mich Ihnen sagen, dass mir Ihr Uebungsbuch allen Lobes werth erscheint. Ich habe, indem ich gern der Theorie die Praxis vorbeigehen lasse, viele solcher Bücher in den Händen gehabt, besitze also einige Erfahrung darin. Freilich ist auch bei Ihnen der fast überall auftretende Uebelstand nicht ganz vermieden, dass in Bezug auf die Mittheilung des Wortschatzes Ungleichheiten eintreten. Während an das Gedächtniss des Lernenden übermässige Anforderungen gestellt werden, |2| zeigte sich das des Lehrenden nicht immer treu. Das am Schluss stehende Wörterverzeichniss sollte alle im Lesebuch vorkommenden Wörter (mit Ausnahme der in der Anmerkung angegebenen) enthalten; es enthält aber einen grossen Theil derselben nicht, ich kann nicht annehmen, dass dies ein blosses Versehen ist, vermag aber anderseits auch kein festes Prinzip zu entdecken. – Lassen Sie mich diese Ausstellungen durch Beispiele erläutern. In S. 160 Arabija in Arabci Folgendes

a) in dem darunter stehenden Wörterverzeichniss finden sich schon früher vorkommende Wörter, so ist prenesem prenašam, denk᾽ ich schon öfter dagewesen und auch erklärt worden; skorja musste zu Detal (143, 19), drugód zu Zlate resnice (158, 8) gestellt werden.[1]

b) in Texte finden sich aber nun manche Wörter, welche weder unten, noch – meines Erinnerns – früher (doch wäre dies nicht wesentlich) noch; was die Hauptsache ist, im alphabetischen Verzeichnis zu finden sind: stegovati, rodovitnost, dlaka (wohl aber steht hinten dlakast). Es fehlt spoštovati, das schon S. 137 (Umita posoda Z.l: spoštován) vorgekommen, aber auch hier nicht erklärt war. Čvrste postave; hier hat dies Wort wohl die Bedeutung „Gestalt“ während hinten nur „Gesetz“ steht. In Texte pomikajo, darunter premikani widerstreben sich.[2] 

Alles Andere, was man sonst noch bemerken könnte, sind unbedeutende Peccadillen, so orthographische Schwankungen, (ukradeni – okradeni; za to – zató)[3]. Dürfte S. 140 stehen: se od vas poudarja, nachdem oben gesagt war: „aber nicht: otrok se koplje od matere“?[4]

Endlich noch Eines, was für den Slowenisch Lernenden unan- |4| genehm ist, wofür Sie aber nichts können. Er weiss meistens nicht, wie er betonen soll; das hindert die feste Einprägung der Wörter ungemein. Unwillkürlich wird man nun aber doch so oder so betonen und vielleicht in vielen Fällen auf eine Weise, die im Slovenischen überhaupt nicht möglich ist. Wäre es nicht besser, die Betonungsweise einer bestimmten Gegend, eines einigen Ortes anzugeben?

Ich habe mir diese Bemerkungen nur in der begründeten Hoffnung erlaubt, dass Ihr Buch eine zweite Auflage erleben wird. Auch glaube ich, dass was solche Elementarbücher anlangt, immer der Fremdsprachige eher eine Kritik üben kann -  wenn es sich nicht etwa um Verstösse gegen die Sprache selbst handelt – als der dessen Muttersprache sie ist.

Ich komme nun zu meiner Bitte, da ich mich seit geraumer Zeit |5| mit dem Problem der Sprachmischung und der gegenseitigen Beeinflussung der Sprachen beschäftige, so ist natürlich meine Aufmerksamkeit auch auf das Verhältniss der slavischen Sprachen zum Deutschen gelenkt worden. Die Einwirkung der letzten auf jene ist schon mehrfach (z. N. von Schleicher), wenn auch, soviel ich sehe, keineswegs erschöpfend besprochen worden; dieses Studium würde mir aber auch zu schwierig sein. Hingegen vermöchte ich wohl zu einer allgemeinen Betrachtung der Slawismen im Deutschen zunächst der Slawen, sodann der in slawischer Nachbarschaft lebenden Deutschen zu gelangen. Zu diesem Behufe studire ich jetzt Slowenisch und demnächst auch Čechisch.

Würden Sie mir nun bezüglich der slowenischen Reflexe im Deutschen behilflich sein? Ich brauche Ihnen ja nicht auseinanderzusetzen worauf es im  Einzelnen ankommt; Aussprache, Einmischung fremden Wortschatzes sind interessant, aber wichtiger noch das Grammatische, die Wortstellung, die Konstruktion, der undeutsche Gebrauch mancher Wörter |6| (z. B. häufiges aber nach slov. pa) kurz alle jene Uebertragungen der innern Sprachform.

Sie können an Ihren Schülern, vielleicht auch an sich selbst (ich sage das nicht, um ihr durchaus meisterhaftes Deutsch herabzusetzen; aber auch bei vollkommener Bilingualität macht sich die eine Sprache beim Gebrauch der anderen wenigstens in Gestalt von Velleitäten und Tendenzen geltend) Beobachtungen machen oder mich etwa an andere geeignete Persönlichkeiten verweisen.

Wie steht es denn mit Ihren dialektologischen Studien? Ich interessiere mich besonders für das Gailthal; sollten sich da nicht etwa noch besondere Wörter vorfinden, welche ein frühes Zusammenstossen von Slowenen und Romanen bezeugten?

Mit besten Grüssen

Ihr zu Gegendiensten stets

bereiter, ergebener

Hugo Schuchardt



[1] Noch in der fünften Auflage des Uebungsbuches aus dem Jahr 1893 finden sich diese Wörter immer noch an dieser Stelle; diese Vorschläge Schuchardts sind also nicht eingearbeitet worden. Vgl. Sket (51893: 142).

[2] Der Vergleich mit der fünften Auflage zeigt, dass diese Kritik größtenteils berücksichtigt wurde: rodovitnost [Fruchtbarkeit] wurde ganz gestrichen, dlaka [Körperhaar] findet sich im deutschen-slovenischen Teil des Wörterverzeichnisses. Die Wortbedeutung „Statur“ wurde bei postava hinzugefügt und passend zum pomikati im Fließtext, im unten anschließenden Glossar dieselbe Verbform – und nicht das andere, in der semantischen Bedeutung ähnliche premikati – angegeben. Die Verben, an denen sich bei der Flexion eine Stammverlängerung vollzieht, wie stegovati (erste Person stegujem) und spoštovati (erste Person spoštujem) nahm Sket im Wörterverzeichnis unter ihrer flektierten Form und nicht im Infinitiv auf. Man findet stegovati daher unter „steguje-m, -ovati se, sich ausdehnen“. Vgl. Sket (51893: 142 und die Einträge im Wörterverzeichnis 224–296).

[3] Hierbei irrte Schuchardt; es handelt sich nicht um orthographische Schwankungen, sondern um bedeutungsunterscheidende Phoneme [ukradeni = gestohlen; okradeni = bestohlen; za to = dafür, daran; zató = deshalb]. Sket gibt im folgenden Brief vom 01.11.1883 darüber Auskunft.

[4] Hier hat Schuchardt eine Interferenzerscheinung aus dem Deutschen, nämlich passivierende ‚unslowenische‘ Satzkonstruktionen anstelle aktiver Aussagesätze, lokalisiert, worin ihm Sket im folgenden Brief vom 01.11.1883 auch Recht gibt. In der fünften Auflage findet sich diese Phrase nicht mehr, vgl. Sket (51893: 124).