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Brief (01-HS_ADA_01)

Rom, d. 13. Jan. 1868

Hochgeehrter Herr!

Verzeihen Sie, dass ich einige Zeilen an Sie richte und zwar dass ich vorziehe, dies in meiner Muttersprache, als in schlechtem Französisch oder unverständlichem Italienisch zu thun.

Ich wiederhole Ihnen meinen wärmsten Dank für die freundliche Aufnahme, die Sie einem Ihnen ganz fremden Menschen zu Theil werden liessen. Jener Pisaner Tag wird stets in angenehmster Erinnerung bei mir stehen. Seit ich in Rom bin, habe ich noch keinen verlebt, mit dem ich zufriedener gewesen wäre, woran freilich zum grössten Theil Regenwetter und Erkältung Schuld sind. Mein Hauptkummer ist, dass ich keine Gelegenheit habe, italienisch zu |2| reden, wenn ich von den höchst dürftigen Unterhaltungen mit meinem Hauswirthe oder den Kellnern absehe. Es ist allerdings wahr, dass wenn ich leidlich italienisch sprechen könnte, ich vorübergehende Bekanntschaften vielleicht machen könnte; aber ebensowahr, dass ich nie leidlich italienisch werde lernen können, ohne die Bekanntschaft mit irgend einem Einheimischen zu haben. Sollte vielleicht Herr Comparetti[1], dem ich mich bestens zu empfehlen bitte, noch geneigt sein, mir die Empfehlung, von der wir sprachen, zu vermitteln?

Ich habe das Buch von Herrn Comparetti ‘Edipo’[2] mit grösstem Interesse gelesen und ausser der einleuchtenden Beweisführung zweierlei darin bewundert, seine innige Vertrautheit mit unserer Litteratur und den würdigen, unparteiischen Ton. ‘Particolarmente nel campo della scienza, il cercare è sempre un merito anche |3| quando non si abbia la fortuna di trovare’[3] ist ein goldenes Wort, das ich unseren deutschen Philologen für Beherzigung zurufen möchte, welche durch Ihre Empfindlichkeiten und starke Ausfälle gegeneinander der Wissenschaft mehr schaden als nützen. Das Studium des ‘Attila’[4] habe ich eben erst begonnen. Ich werde mir nächstens die sämmtlichen Volksbücher, die an schönen Tagen die Treppe des Kapitols bedecken, aneignen, voran den Krüppel Bertoldo[5], wobei ich jedoch wahrscheinlich das Vierfache werde zahlen müssen, als der Kampagnole, der diese Litteratur zu reiner Erbauung liest.

Grüssen Sie doch, ich bitte, auch bestens von mir Ihren Herrn Kollegen, den ich bei Ihnen traf, und dessen Namen, da ich ihn nicht ganz deutlich verstanden habe, ich hier nicht entstellen möchte.

Mit vollkommenster Hochachtung

Ihr ergebenster

Dr. Hugo Schuchardt

Via della Vite No 14 piano primo

(beim Hrn. Belpassi, Sarto).




[1] Domenico Comparetti (1835-1927), filologo, papirologo ed epigrafista, professore di letteratura greca all’Università di Pisa (1859-1872) e all’Istituto di Studi Superiori (poi Università) di Firenze. Si occupò sia del mondo classico sia della sua ricezione nel Medioevo e s’interessò anche di tradizioni popolari, non di rado in collaborazione con D’Ancona, a cui era legato da amicizia (cf. DBI, s.v.).

Fu proprio per tramite di D’Ancona che Schuchardt fu presentato a Comparetti, il quale divenne uno dei corrispondenti del linguista tedesco (cf. l’inventario di Wolf 1993, lettere 01696-01698).

[2] Domenico Comparetti, Edipo e la mitologia comparata. Saggio critico, Pisa, Tipografia Nistri, 1867.

[3] Ivi, p. 15.

[4] Alessandro D'Ancona, Attila flagellum Dei. Poemetto in ottava rima riprodotto sulle antiche stampe, Pisa, Tipografia Nistri, 1864.

[5] Il riferimento è alle Sottilissime astuzie di Bertoldo di Giulio Cesare Croce (1606), il cui protagonista è il contadino Bertoldo, di cui Croce, nel capitoletto intitolato Fattezze di Bertoldo, scrive che «aveva le gambe caprine, a guisa di satiro, i piedi lunghi e larghi e tutto il corpo peloso» (e che per questo Schuchardt definisce Krüppel ‘storpio’).