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Brief (58-9568)

[XIX Karl Ludwig-Strasse 69] 3 April 23

Hochverehrter Herr Hofrat,

Wenn ich Ihnen für Ihre gütige Antwort erst heut danke, so fassen Sie das, bitte, nicht als Unhöflichkeit oder Undankbarkeit auf. Ich war von diesem – mir vollkommen neuen – Erlebnis so angeekelt, dass ich mich erst ein bischen erholen musste. Much hat, nachdem ich in der NFrPr. den, wie ich finde, unanständigen Unterstellungen energisch (aber höflich!), rein gegenständlich entgegengetreten war, noch in der Reichspost einen, wie ich höre, noch gröberen Artikel geschrieben, den ich verschmäht habe, zu beschaffen. Hoffentlich wird er erfahren, dass diese Bombe mich also nicht erreicht hat. Hingegen hat Luick1 mir einen 4 Seiten langen Brief geschrieben, voll Befürchtungen, was für Missverständnisse meine 6 Zeilen über das Englische anrichten könnten, z.B.: dass Französisch die Grundsprache des Englischen sei und Aehnliches!! Er ist offenbar im Schlepptau Muchs. Wie weit mir diese Geschichte weiterhin schaden wird, ist die Frage. Das dümmste ist, dass ich nicht einen Augenblick an diese Wirkung dachte, sonst hätte ich natürlich den ganzen Aufsatz nicht geschrieben.

Wenn ich aber einen Kampf hätte eröffnen wollen, hätte ich mich doch leicht vorgesehen, dass man nicht an mich heran kann. Allerdings wo so viel böser Wille ist, kann man immer.

Bei uns ist es jetzt wirklich dicke Luft und Sie haben recht, dass Sie sich zurückziehen.

Um Ihnen etwas Erfreulicheres zu erzählen, teile ich mit, dass wir Scripture nach Wien bekommen sollten.2 Er richtet hier ein Phonetisches Institut ein und es werden wir allerhand Arbeiten, die früher hier nur aus zweiter Hand gegeben wurden dann selbst machen können. Ich möchte sehr gern aus meiner Lautbildungskunde heraus eine Studie über "Phonetik und Sprachgeschichte" machen; habe das im Kolleg ziemlich ausführlich durchgeführt. Eigentlich beruht ja jede Sprachgeschichte auf phonetischen Beobachtungen, aber ich glaube, dass man jetzt doch viel weiter eindringen kann als früher. Vorläufig bin ich allerdings ganz anderswo: anknüpfend an Ballys3 "Impressionisme et Grammaire" habe ich eine Untersuchung, die zu ganz anderen Ergebnissen führt, angefangen, die aber auch den Expressionismus einschliessen muss und nun nicht ausreifen will. Unter anderem lese ich alles von Rainer Maria Rilke und würde mich mal interessieren, wie Sie sich zu ihm verhalten.

Ich hoffe, Sie haben so schöne würzige Luft und so viele Veilchen im Garten wie wir und geniessen sie unbehinderter als ich! Immer

Ihre Elise Richter


[1] Karl Luick (1865-1935) Wiener Anglist, Begründer des Instituts für Anglistik und Professor in Graz, dann Wien. Autor einer historischen Grammatik, zahlreiche Arbeiten zur Lautlehre, vorwiegend des Englischen. Briefwechsel mit Schuchardt vgl. Nrn. 6672-6709; 14 Briefe mit Richter (NB 265/45).

[2] Edward Wheeler Scripture (1864-1945) US-amerikanischer Mediziner, Psychologe und früher Psycho- bzw. Neurolinguist; studierte in New York und promovierte bei Wundt in Leipzig. Zahlreiche Veröffentlichungen über Sprachstörungen und Phonetik, beschäftigt sich ausführlich mit experimentellen Methoden in Phonetik und Psycholinguistik. Kehrt 1906 in die USA zurück, 1916 wieder in London und übersiedelt in den 20-er Jahren nach Wien, übernimmt hier auf Betreiben Luicks einen Lehrstuhl für Experimentelle Phonetik und baut ein Phonetiklabor auf. Kehrt 1933 wieder nach Londen zurück, dort hält er weiter Vorlesungen und arbeitet in seiner Privatpraxis.

[3] Charles Bally (1865-1947) Schweizer Linguist, Genfer Schule, Mitherausgeber von Saussures Cours, vorwiegend Arbeiten zur Stilistik und zur Bestimmung des (sprachlichen) Zeichens. Einige wenige Briefe mit Schuchardt getauscht. Hier zitiert der Aufsatz Bally 1920 (Schuchardt besaß einen Sonderdruck davon). Einige wenige Briefe an Schuchardt Nrn. 480-486 und sieben Briefe an Richter (NB 264/8).