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Postkarte (12-00465)

Hochverehrter Herr Kollege!

Ich habe Ihnen noch für die Uebersendung Ihrer Antrittsvorlesung2 zu danken; ich habe sie mit wirklichem Genusz gelesen und die sieghafte Klarheit bewundert mit der Sie von Anfang grundlegende Wahrheiten ergriffen zu denen ich auf meinen Wegen erst viel später und langsam durchdrang. Die Urkunde zur Geschichte der Sprachforschung wird wesentlich dazu beitragen die auf den romanistischen Kathedern noch vorwiegenden veralteten Anschauungen verschwinden zu machen.

Ob ich über turbare-tropare sofort wieder das Wort ergreife weisz ich noch nicht.3 Die für mich durchschlagenden lautlichen Bedenken, welche nach Ihren Ausführungen bleiben, dasz bei einer durch regelrechtes trublare hervorgerufenen Metathese wir diese gerade bei dem verwandten Begriff von pr. torbar (das kräftig genug ist) tourbillon, destorber etc. erwarten sollten u. nicht umgekehrt, bei u zu ǫ wegen b4 trǫbler vor trǫvel u.s.w. das sind Dinge die jeder von selbst bedenken wird, die aber nicht alle abhalten werden Ihnen zuzustimmen: es fragt sich wie weit man die phonetischen Möglichkeiten pressen darf, und die Antwort wird subjektiv verschieden lauten. Dasz ich nur an ọ + v zu ǫ glaube, nicht an o + Labial würde auch nicht durchschlagen. So hatte ich es für das Beste gehalten einmal ohne Polemik die [eine] Ansicht neben die andere zu stellen. Dasz bei „tropare“ eine starke semasiologische Lücke vorliegt war ja auch evident. (Uebrigens finde ich jene zwischen pulsen und finden auch nicht gering) – reizen würde es mich höchstens zu zeigen warum ein Analogiebeweis weder geleistet noch gefordert werden kann.

Kann ich Ihnen etwas in Santiago o. Lissabon besorgen? M. b. Gr. Ihr erg. G. Baist


[1] Poststempel 15.8.1900; Eingangsstempel Graz 17.8.1900.

[2] Über die Klassifikation der romanischen Mundarten. Probevorlesung gehalten zu Leipzig am 30. April 1870, Graz Juli 1900.

[3] Zur Sache selber vgl. die beiden vorangehenden Postkarten. Offenbar hat Schuchardt in einem nicht erhaltenen Brief an Baist die in ZrP 24 veröffentlichte Diskussion über „tropare“ brieflich fortgesetzt, worauf Baist hier antwortet.

[4] Ob das „b“ gültig ist oder nur ein Verschreiber, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.