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Brief (07-00460)

Verehrter Herr College!

Besten Dank für Ihr Geschenk!1 Die sprachwiszenschaftliche Bedeutung der Untersuchung leuchtet beim flüchtigen Durchblättern ein; ich hoffe später den vollen Nutzen dardaus zu ziehen. Dasz neuerdings etwas über die spanischen Eigennamen2 gearbeitet worden wäre wüszte ich nicht. Ich glaube nicht, dasz, abgesehen von baskisch-navarresischen Geschlechtern, sich etwas „ursprachliches“ darunter finde. Die Inschriften bieten meines Erinnerns Nichts greifbares; das iberische Material habe ich allerdings nur unvollständig, Hübners Monumenta3 noch gar nicht zu Gesicht be- kommen. In zwei Dritteln Galliens haben die Römer keine Colonien gehabt, den Adel ganz in der alten Stellung gelaszen. Trotzdem verschwinden die keltischen Eigennamen vollständig, die lat. werden dann im Norden ganz von den fränkischen verdrängt, erhalten sich im Süden nur so weit sie kirchlich sind. In Spanien ist das eingeborene Element viel weniger glimpflich behandelt worden; die Urkunden zeigen bei den Goti Ovetenses4, wie sie sich selbst nannten, genau das gleiche Verhalten wie in Frankreich: die gangbarsten christlichen Namen sind nur in sehr geringem Umfang angenommen, häufiger nur bei der Geistlichkeit, nichtchristlich-lateinische fehlen ganz. Wie sollten da sich einheimische erhalten haben? haben doch, wie in Frankreich, auch die eigenen Leute germanische. Dass eine Anzahl von diesen – die übrigens noch nicht ernstlich untersucht wurden – isolirt und dunkel sind ist wohl nicht befremdlich; neben den deutlichen Bildungen stehen überall altertümliche, sonderartige Reliquien einer Frühzeit, die nicht mehr verstanden, aber durch die Tradition der Geschlechter erhalten wurden. Alvaro ist Albharji(ś)5 ahd. Alpher. Ximenez ist dunkel; die ältere Form ist Scimeniz o. Escimenisz. Sobald ich Hübner bekommen habe schreibe ich Weiteres. Seine Etymologien scheinen ja recht lustig zu sein. Soeben bemerke ich dasz von den Urworten auch noch sarna gestrichen werden musz, serna Dioscor., sarniosus Priscin.6

Mit besten Grüszen Ihr ergebener

Frbg. 20.X.93.7

G. Baist


[1] „Germanische Wörter im Baskischen (zu Beitr. 18, 397—400)“, Paul und Braunes Beitr. 18, 531-534.

[2] Schuchardt interessierte sich für Personennamen, vgl. Sind unsere Eigennamen übersetzbar?, Graz 1895. Hier geht es allerdings um spanische Familiennamen, nach denen er möglicherweise Baist gefragt hatte. Baist schreibt dazu im Grundriss der Romanischen Philologie I, 1904-06, 883: „Die Personennamen waren in der Übergangszeit vorwiegend germanisch, doch ohne dass die kirchliche lateinische und aborigene Tradition ganz unterbrochen worden wäre. Leider ist das erhaltene Material ein sehr dürftiges. Mit der Zahl der alten Herrengeschlechter, nach welchen sich die Menge richtet, schwindet auch die Zahl der Namen. Die Kirche wirkt zugleich einschränkend und bietet in den Heiligen Ersatz. Im 12. Jahrhundert ist die Überlieferung schon in hohem Grade einförmig. Eine wenig vollständige Untersuchung ist Godoy Alcantaras Ensayo sobre los Apellidos Castellanos, 1871, vgl. auch Jungfer, Über Personennamen in den Ortsnamen Spaniens, Berlin 1902 [der letztgenannte Titel war zum vorliegenden Zeitpunkt noch nicht erschienen]. Hinzuzfügen ist noch August Friedrich Pott, Die Personennamen, insbesondere die Familiennamen und ihre Entstehungsarten: Unter Berücksichtigung der Ortsnamen. Eine sprachliche Untersuchung, Leipzig 1859 bzw. dessen Ueber vaskische Familiennamen: zur Erinnerung an den glücklichen Schluß des durch Otto Böhtlingk und Rudolph Roth 1852 begonnenen und 1875 beendeten Sanskrit-Wörterbuches, Detmold 1875.

[3] Emil Hübner, Monumenta linguae ibericae, Berlin 1893, cxxxiv (Alvaro – Xemenes).

[4] „Die ovetensischen Gothen“ (Gothen aus Oviedo), vgl. Baist, „Heimat des lateinischen Hymnus auf den Cid“, ZrP 5, 1881, 67: „Bei Alfonso VII., dem einzigen, welchem Zeitgenossen und Nachkommen den Titel [= rex Hispaniae] wirklich gegeben haben, ist er in seinem vollen Umfang gemeint und bezeichnet eine Ausnahmestellung. Sonst ist darin nur eine gewisse Neigung der nördlichen Geistlichkeit erkennbar, in sich das eigentliche Spanien zu erblicken, der gothi ovetenses die Rechtsnachfolge der Westgothen zu beanspruchen: eine Neigung, nicht einmal bestimmte Absicht, wie das sporadische Auftreten der Titulatur zeigt“.

[5] Alternativ könnte auch Albharji(š) gelesen werden.

[6] Das Wort bezeichnet die „Räude“ und ist in seinen Ableitungen mehrfach lat. belegt. Baist bezieht sich hier auf Dioscorides und Priscian.

[7] Auf dem Verso des zweiten Blattes des Briefes befinden sich bibliographische Angaben, vermutlich von Schuchardts Hand, u.a. Müllenhoff; Dicc. hist. e geogr. de Madrid; Egli, Ortnamenbuch, u. diverse Zeitschriftenartikel.