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Brief (04-00455)

Döckingen bei Heidenheim a. H.1

Hochzuvererender Herr Professor!

Sie haben mir durch Iren Brief vom 19ten eine nicht geringe Freude gemacht; ich fürchtete dasz Sie mich mein Schweigen entgelten laszen würden, hätte mich auch darüber nicht beklagen dürfen. – Ich hätte nicht gewagt Sie selbst um Collation der 1500 langweiligen Verse zu bitten2, trotz Ihres Sevillaner Briefs. Nun darf ich im günstigen Fall, und wieder nicht one Sie zu bemühen, auf die Feder eines Spaniers hoffen: ein Paar Irrtümer werden dabei wol mit unterlaufen. Leider habe ich nicht einmal die Nummer der Hs.; bei ser beschränkter Zeit und in naivem Vertrauen auf Mariano Aguilós damals wie jetzt demnächst erscheinenden Catalog aller catal. Hss.3 schenkte ich seiner Zeit den cat. Mss. der Colombina nur wenig Aufmerksamkeit, weisz von dieser nur durch Helfferich, Raymund LullpersName> p. 1094 wo „aus einer Hs. Lullischer Werke im Besitz der Colombina“ einige Verse als Probe des verschlechterten Geschmacks der Catalonier citirt sind. Doch dürfte diese Angabe zur Bestimmung genügen. Sollte einer der Inen bekannten Sevillaner zu der Arbeit bereit sein so würde ich etwa 30 Frcs zur Entschädigung bereit stellen: ist Geld nicht angezeigt so könnte ich mich etwa durch Uebersendung der Münchener Murillo’s und meines Jagdbuchs5 revanchiren.

Die Latinität von falco6 kann ich nicht one eingehende Darlegung bestreiten: ich bin in diesem Fall von der germ. Herkunft fest überzeugt so wenig ich sonst geneigt bin die Bedeutung des germ. Elements im Rom. zu überschätzen. Bei hibou-siboc-seboc-hebaug faszte ich den Begriffsübergang so dasz die einheimische Bezeichnung des Raubvogels überhaupt – als solcher gilt europäisch der Habicht, sokol; accipiter, – zunächst durch acceptor, dann durch die ausgebildete Falknerterminologie auf die verachtetste Gattung beschränkt ward, wie esthnisch haukas durch sokol ebenfalls auf die Eule zurückgedrängt wurde. Den lautlichen Vorgang betrachtete ich mer als einen erklärenden als zu erklärenden: Ich glaubte die Frage ob der einigemal für keltisches s vorkommende gr. Spiritus asper mit dem kymrobrit. h aus s zusammenhänge (Dief. Orig. 225, 330, 365, 414)7 durch den vorliegenden Fall mit Warscheinichkeit dahin geklärt: dasz der Lautwandel zur Zeit der röm. Invasion bevorstand; dasz er sich in dem früher besetzten und rasch colonisirten Süden nicht mer vollzihen konnte, in dem später unterworfenen und langsamer colonisirten Norden noch zur Geltung kam, wenigstens der zwischen s – h liegende Zischlaut sich noch entwickelte. Was die Römer aus Gallien entlenten musz das südliche s zeigen, dem natürlichen Einflusz der Narbonensis entsprechend; warscheinlich gaben sie auch ein nördliches श8 mit s wieder, wie die Ortsnamen zeigen: es hinderte dies nicht, dasz ein nur im Mund des niederen Volks dauerndes Wort sein sh zuletzt in h verwandelte. – Ich habe mich nur aus Zeusz9 und Diefenbach unterrichten können, kenne leider den jetzigen Stand der keltischen Forschungen herzlich wenig. Wenn es richtig ist dasz die gallischen Sprachen dem Kymrischen näher stehen als dem Altirischen so scheint es mir auch warscheinlich dasz die Sprachen des Festlandes denjenigen der Insel voraus waren, ein Lautwandel der im 5ten o. 6ten Jh. im Kymrischen durchgefürt ist schon im 1ten im Gallischen Spanien Spuren hinterlassen konnte.

Verzeihen Sie wenn ich diese vielleicht ganz haltlosen Vermutungen vorbringe. Aber siboc-hibou ist zu hübsch, vielleicht auch zu wertvoll als dasz ich es leicht aufgeben möchte.

Hochachtungsvoll ergebenst G. Baist


[1] Auch dieser Brief dürfte aus dem Jahr 1882 stammen.

[2] Es handelt sich offenbar um die im nächsten Brief genauer beschriebene Lullus-Hs. in der Sevillaner Colombina, die Baist mit einer Münchner Hs. des gleichen Texts (BSB, Cod. Lat. 10538, ff. 127-138v vergleichen möchte, möglicherweise, um eine Edition des katalanischen Textes vorzubereiten. Als Münchner Student hatte er offenbar in den dortigen Beständen nach romanischen, bes. spanischen und katalanischen Kodizes gesucht und seine Transkription Schuchardt zugeschickt oder mitgegeben, als dieser 1879 nach Spanien reiste. Jetzt bittet er Schuchardt, der inzwischen über beste Kontakte nach Sevilla verfügt, ihm einen geeigneten Spanier zu benennen, der beide Texte kollationiert.

[3] Der Bibliothekar Mariano (Marià) Aguiló y (i) Fuster (1825-1897) ist zwar der Herausgeber eines Catálogo de obras en lengua catalana impresas desde 1474 hasta 1880, Madrid 1923, hat jedoch den hier genannten Hss.-Katalog offenbar nicht fertiggestellt und veröffentlicht.

[4] Adolf Helfferich, Raymund Lull und die Anfänge der catalonischen Literatur, Berlin: Springer, 1858.

[5] Murillo-Album. Mit einer Lebensskizze Murillo's und den Erklärungen der Bilder von Titus Ullrich, Berlin s.a. [vor 1880]; Juan Manuel, El libro de la Caza, Halle a.S. 1880. Vgl. auch Baist, Alter und Textüberlieferung der Schriften Don Juan Manuels, Halle a. S. 1880 (Diss.).

[6] Baist, „Falco“, Zeitschrift f. dt. Altertum 27, 1883,50-65. Der hochgelehrte Aufsatz erweist Baist als einen breit aufgestellten Sprachhistoriker mit ausgeprägten kulturgeschichtlichen Interessen. Das Wortregister (107-116) der Ausg. von El libro de la Caza besteht zu großen Teilen aus Termini der Falknerei.

[7] Lorenz Diefenbach, Origines europaeae. Die alten Völker Europas mit ihren Sippen und Nachbarn, Frankfurt a.M. 1861.

[8] Die Lesung dieses Zeichen ist nicht ganz sicher, doch spricht alles für den Sibilanten श des Sanskrit-Alphabets (ś / Ś).

[9] Johann Kaspar Zeuß, Grammatica Celtica e monumentis vetustis tam Hibernicae linguae quam Britannicae dialecti cambricae cornicae armoricae nec non e gallicae priscae reliquiis, Leipzig 1853.