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Brief (16-06434)

Leipzig, 27. April 1904

Lieber Freund.

Unsre Gedanken haben sich begegnet: ich habe in den letzten Tagen mehrmals angesetzt Ihnen zu schreiben, um einmal zu erfahren, wie es Ihnen geht. Es kam dann immer etwas dazwischen.

Ich weiß im Augenblick nicht sicher, ob die kaukasischen Sachen in Böhtlingks Bibliothek sind. Wenn sie dort sind, werde ich s.Z. Ihren Wunsch geltend machen. Jetzt nützt es nämlich nichts. Nach einer zwischen Deutschland und Rußland |2| bestehenden Convention darf an den Nachlaß eines in Deutschland verstorbenen Untertanen nicht gerührt werden innerhalb eines ganzen Jahres nach dem Tode. Die Witwe ist also gezwungen – zu ihrer eigenen großen Unbequemlichkeit und Schädigung – die Bibliothek stehen zu lassen, wie sie ist.

Mir persönlich geht es im ganzen wohl, aber ich habe zwei Jahre lang durch schwere Krankheit zweier Töchter böse Sorgen gehabt. Eben war die ältere wieder gesund, als die nächste Blinddarmentzündung bekam und am Tage vor Weihnachten operiert werden mußte. Das ist zwar glücklich verlaufen, aber |3| sie leidet an argen Neuralgien bis jetzt und wird wahrscheinlich noch lange damit zu thun haben. In einer großen Familie kommt ja immer allerlei vor, die Sorgen greifen aber nach und nach doch sehr an. Ich habe denn auch wenig genug geleistet, bin namentlich auch gehindert gewesen, eine für mich sehr wünschenswerte Reise zum Aufsuchen von Albanesen zu unternehmen. Ich habe seit längerer Zeit ein ziemlich groß angelegtes albanisches Wörterbuch zusammengebracht – deskriptiv, nicht etymologisch – und muß nun einen Tosken[1] haben, um über allerlei Dinge weitere Aufklärung zu bekommen. Geläufig genug ist mir die Sprache, aber man muß einmal längere Zeit mit Einheimischen zusammen sein.

|4| Von Leipzig kann ich Ihnen nur wenig berichten. Ich mache die Erfahrung, daß man in einer großen Stadt und Universität doch recht vereinsamen kann. Von den alten Jugendgenossen, Credner[2] etc., sehe ich fast nie einen. Die Leute sind älter und alt geworden, z.T. in ganz andre Lebens- und Gesellschaftskreise übergegangen.

Man bleibt sich freundlich gesinnt, aber sieht sich nicht mehr. Mein einziger Umgang ist Brugmann, aber der steckt meist so in seiner unaufhörlichen Ochserei, daß mit ihm nicht viel anzufangen ist. Ich beneide Sie eigentlich, daß Sie als Pensionär leben können. Die Amtstätigkeit habe ich sehr satt; gestern fing ich meine Vorlesungen an, wie immer seit den Jahren, wo die Philologen nur noch |5| aufs Examen hin arbeiten, mit 3-4 Leuten zweifelhafter Herkunft. Es ist nur Last und kein Vergnügen. Wer zu den Vorlesungen kommt, will nur ein bischen Altkirchenslavisch oder Litauisch zu irgend welchen Zwecken, aber sich ordentlich ins Slavische hineinzuarbeiten, ist ihnen zu mühselig und zu zeitraubend.

Der Congreß in Petersburg wird höchst wahrscheinlich ausfallen. Ob der Plan eines großen Grundrisses der slavischen Philologie,[3] an dessen Spitze Jagić stehen sollte,  – man wollte in Petersburg darüber beschließen – ausgeführt wird, ist auch nicht ganz sicher. Ich soll mich stark daran beteiligen und habe auch zugesagt für altkirchenslavische Grammatik, für slavische Wortbildungslehre und Syntax. Wenn |6| nichts daraus wird, bin ich nicht böse. Man hat in unsern Jahren kaum noch die Courage, weitausfahrende Pläne zu fassen.

Nun machen Sie einmal Ihre Absicht Leipzig zu besuchen wahr. Vom 20 – 28. Mai bin ich in Dresden in unserem Landhaus (Bautzner Chaussee 1, unmittelbar oberhalb des Waldschlößchens).

Daß Sie mit Murko[4] gute Erfahrung gemacht haben, freut mich. Wenn er etwas unter den Pantoffel kommt, kann es ihm nicht schaden. Man hört nichts von der Fortsetzung seiner sehr anerkennenswerten literaturhistorischen Arbeiten; ich wollte, er machte damit vorwärts.

|7| Ich komme noch einmal auf das Albanische zurück. Wenn Sie noch albanische Drucke besitzen, die Sie mir abtreten könnten, wäre ich Ihnen dankbar. Ich suche meine Sammlung möglichst zu vervollständigen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Leskien



[1] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 97, FN): "Tosken - der im südlichen Teil des albanischen Siedlungsgebietes lebende Bevölkerungsteil. Die toskische Mundart wurde nach 1945 zur Grundlage der albanischen Schriftsprache".

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 97, FN): "Credner, Karl Hermann (1841-1913), Prof. für Geologie und Paläontologie an der Universität Leipzig". Schuchardt korrespondierte auch mit Credner (vgl. Bibl. Nr. 02022-02026 im Nachlass).

[3] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 97, FN): "Im April 1903 hatte ein von der Petersburger Akademie der Wissenschaften einberufener Kongreß russischer Philologen und Slawisten die Herausgabe einer 'Enzyklopädie der slavischen Philologie' beschlossen, ohne den eigentlichen Slawistenkongreß abzuwarten, der dann allerdings wegen des Russisch-Japanischen Krieges nicht zustande kam. Zum Gesamtredakteur wurde Akademiemitglied V. Jagić gewählt. Von ihm stammt der I. Band der auf 12 Bände geplanten Reihe [Jagić 1910]. Zuvor waren bereits die Bände von E. F. Budde, Abriß der Geschichte der heutigen russischen Schriftsprache [Budde 1907] sowie von L. Niederle, Übersicht über das heutige Slaventum [Budde 1909] erschienen".

[4] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 97, FN): "Murko, Matija (1861-1952), slowenischer Slawist; von 1902 bis 1917 Prof. für slawische Philologie in Graz, dann bis 1920 als Nachfolger A. Leskiens in Leipzig und anschließend in Prag". Im Nachlass Schuchardts liegen 26 Briefe von Murko vor (Bibl. Nr. 07609-07634) und auch die 40 Gegenbriefe haben sich in der Universitätsbibliothek in Ljubljana erhalten (Ms 1119, 1317). Die Edition des Briefwechsels ist in Vorbereitung.