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Brief (14-06432)

Leipzig, 28. Juni 1900

Stephanstr. 10III

Lieber Freund.

Es ist mir gar nicht zweifelhaft, daß ich 1870 in Ihrer Probevorlesung[1] gewesen bin, aber ein Bild habe ich nicht mehr davon und könnte nicht mehr darauf schwören. In 30 Jahren am Ende kein Wunder. Das Nachdenken über diese lange Zeit machte mich neugierig nachzusehen, wie viel Sie jünger sind als ich; zu Ihrer Befriedigung konnte ich constatieren, |2| daß es zwei Jahre sind, immerhin in unserm Alter ein nicht zu unterschätzender Vorzug. Sie zu sehen muß ich wohl aufschieben, bis Sie Ihren Plan ausführen nach Leipzig zu kommen. Wenigstens in diesem Jahre komme ich zu keiner Ferienreise; ich habe kein Geld: ein Sohn auf der Malerakademie, in Karlsruhe, einer Medizin studierend, der dritte leider krank und in einem Sanatorium im Harz, kosten mich so viel, daß ich mich selbst etwas zurückhalten muß. Die Versagung einer Reise wird mir allerdings dadurch sehr erleichtert, daß wir durch den Tod |3| meiner Schwiegermutter ein schönes Grundstück mit Haus in Loschwitz bei Dresden[2] geerbt haben und alle Ferien dort verleben, auch die diesjährigen Sommerferien.

Ich beneide Sie eigentlich um die Arbeit der Herausgabe des baskischen Denkmals.[3] Ich habe jetzt gar nichts Ordentliches unter Händen. Eine Arbeit, mit der ich den ganzen Winter zugebracht hatte, slavische Accentgeschichten, habe ich vor einiger Zeit ärgerlich bei Seite geworfen, weil schließlich nichts rechtes dabei herauskam und es mir widerstrebt, unfertiges Zeug zu publicieren. Es geschieht ohnehin genug.

Um doch etwas zu thun, habe ich |4| mich auf litauische Syntax gestürzt, im Anschluß an allerlei syntaktische Dinge, die ich im Slavischen vorhabe. Ein Specimen der letzteren[4] schicke ich Ihnen unter Kreuzband.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Leskien



[1] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 96, FN): "Schuchardts Leipziger Probevorlesung von 1870 'Über die Klassifikation der romanischen Mundarten' erschien erst 1900 in Graz" (vgl. Schuchardt 1900 [= HSA 352], auf dem Titelblatt datiert mit "Juli 1900"). Wie aus der hier folgenden Postkarte von Leskien an Schuchardt vom 26.07.1900 (Bibl. Nr. 06433) hervorgeht, wurde die nach dreißig Jahren publizierte Antrittsvorlesung erst nach diesem Brief an Leskien versandt. Der Vorlesung wohnten neben Leskien auch andere später bekannt gewordene Sprachforscher wie Hermann Paul, Eduard Sievers, Hermann Suchier oder Karl Brugmann bei.

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 96, FN): "Leskiens Schwiegermutter, Marie Judeich, Tochter von Heinrich Brockhaus (1804-1874), besaß in Dresden-Neustadt an der Bautzner Landstraße die 'Villa Heinrichsfeld'".

[3] Linschmann & Schuchardt (1900 [= HSA 353]).

[4] Laut Eichler & Schröter (1986: 96, FN) handelt es sich um Leskien (1900). Die Arbeit konnte weder im Verzeichnis der Schuchardtbibliothek (Weiss 31986) noch im Nachlass Schuchardts gefunden werden.