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Brief (13-06431)

Leipzig, 9. Oktober 99

Lieber Freund.

Die Nachricht, daß Sie sich pensionieren lassen, war mir natürlich sehr überraschend; anstatt aber, wie Sie scherzhaft fürchten, ich möchte "auf den Pensionisten in spe verächtlich herabschauen", beneide ich Sie vielmehr.[1] Ich habe jetzt 32 Jahre dociert und müßte |2| lügen, wenn ich sagen wollte, daß es mir noch Vergnügen mache, Jahr aus Jahr ein über slavische Grammatik zu lesen, noch dazu, wie seit Jahren, meist vor slavischen Zuhörern mit ihrer gänzlich mangelhaften Vorbildung. Aber ich kann nicht daran denken, das Amt los zu werden und muß mich schon darein finden.

Wenn Sie nach Leipzig kämen, das wäre ja glorios. Kommen Sie nicht wieder von dem Gedanken ab. Nicht bloß daß das ethnogr. Museum[2] Ihnen angenehm sein kann, denken Sie auch daran, |3| daß es in Leipzig noch einige alte Freunde giebt, die sich über Ihre Ansiedlung freuen würden, ich sicher nicht am wenigsten.[3]

Daß die linguistische Welt, namentlich die jüngere, sich stark der Ethnographie zuwendet, bemerke ich hier auch, namentlich Hirt gehört dazu. Bezzenberger[4] ist schon seit Jahren Prähistoriker geworden, mir etwas zu sehr Prae-.

Von Weigand[5] weiß ich gar nichts; hier scheint er noch nicht wieder zu sein.

Daß Streitberg die Grazer Stelle entgangen ist, thut mir |4| sehr leid, allein es war ja vorauszusehen, und er selbst hat es auch angenommen, daß Meringer die Professur erhalten werde.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Leskien



[1] Schuchardt wurde 1900 auf eigenen Wunsch pensioniert.

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 95, FN): "Das heutige Museum für Völkerkunde in Leipzig, 1869 gegründet, verfügt über eine bedeutende ethnographische Sammlung von originalen Sachzeugen mit hohem wissenschaftlichen und künstlerischem Wert. Der große Fundus mit vorwiegend außereuropäischen Zeugnissen der Volkskulturen kam vor allem aus Nachlässen von Forschungsreisenden und durch Schenkungen zustande".

[3] Ob Schuchardt ernsthaft in Erwägung zog, nach seiner Pensionierung nach Leipzig zu übersiedeln, konnte nicht ermittelt werden.

[4] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 95, FN): "Bezzenberger, Adalbert (1851-1922), Indogermanist, Baltist; seit 1880 Prof. für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Königsberg (heute: Kaliningrad); Herausgeber der Zschr. 'Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen' (ab 1877); förderte durch zahlreiche Arbeiten die Erforschung der baltischen Sprachen und ihrer Vorgeschichte". Von Bezzenberger liegen drei Briefe an Schuchardt in dessen Nachlass vor (Bibl. Nr. 01005-01007).

[5] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 95, FN): "Weigand, Gustav (1860-1930), Balkanologe; seit 1897 Prof. und ab 1893 Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Rumänische Sprache, ab 1906 auch des Bulgarischen und später des Albanischen Instituts an der Universität Leipzig. Von 1894 bis 1901 unternahm Weigand alljährlich mehrmonatige Forschungsreisen in das dacorumänische Gebiet". Weigand korrespondierte ebenfalls mit Schuchardt (Bibl. Nr. 12700-12716 im Nachlass), der Briefwechsel wird derzeit von Melchior (erscheint 2016) herausgegeben.