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Brief (12-06430)

Leipzig,20. Sept. 99 Stephanstr. 10III

Lieber Freund.

Es scheint ja sicher zu sein, daß die Wiener sprachwissenschaftliche Professur mit Kretzschmer1 besetzt ist. Wenn nun nicht ohne weiteres Mehringer für Graz bestimmt ist, möchte ich Sie wie schon früher bitten, Streitberg mit zu berücksichtigen, oder Hirt. Ich mag nicht wiederholen, was ich schon früher über die beiden geschrieben habe, und komme überhaupt ungern auf die Sache zurück, weil ich von jeher eine starke Scheu gehabt habe, mich in Berufungsgeschichten zu mischen. Wenn ich aber höre, wie Andre ihre Schüler empfehlen und für sie agitieren, so darf ich mir wohl auch einmal erlauben, ein Wort für zwei jüngere Leute einzulegen, die ich sehr schätze und deren Beförderung ich für verdient halte.

Ich sitze seit einigen Tagen wieder zu Hause, nachdem ich einen vergeblichen Versuch gemacht habe, meine etwas heruntergekommenen Kräfte in den Ferien in die Höhe zu bringen. Ich wollte in die Berge, mußte aber wegen eines Sohnes, dem Seebad verordnet war, mit an die See, die mir nicht bekommt und auch diesmal nicht bekommen ist. Dann wollte ich noch ins Gebirge, da starb nach langer Krankheit vor 14 Tagen die Mutter meiner Frau, ich mußte zurück und habe mich jetzt für den Rest der Ferien hier zur Ruhe gesetzt, mit recht wenig Arbeitslust und etwas Grauen vor dem Semester.

Mit herzlichem Gruß
Ihr

Leskien


[1] Gemeint ist vermutlich wieder Paul Kretschmer, vgl. den vorhergehenden Brief 10-06428.