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Brief (11-06429)

Leipzig, 23. Oktober 98

Lieber Freund.

Ich hatte noch immer gehofft, Sie würden über Leipzig nach Graz fahren und es ist mir diesmal besonders leid, daß ich Sie nicht gesprochen habe.1 Freilich würden Sie von einer Unterhaltung mit mir über die Sprachenkämpfe2 wenig gehabt haben; ich war dritthalb Monate in Meran von aller Literatur abgeschnitten; die Bücher von Auerbach und Loiseau3 habe ich auch noch nicht gelesen. Aus dem Parteigewirr in Oesterreich werde ich nicht mehr klug; man muß um das zu verstehen, mitten darin leben. Daß Ihre Broschüre4 so wenig gewirkt hat, wundert mich nicht, wenigstens nicht, daß sie jetzt nicht durchdringen kann. Vernunft kann man erhitzten Köpfen nicht predigen; aber dennoch, hören Sie nicht auf; die besonnenen Leute unter Deutschen und Slaven werden sich mehren, und Sie sind am besten im Stande auf diese zu wirken. Mit den Slaven, ich meine Südslaven und Čechen wie Polen, geht es trotz aller großen Worte und gewaltigen Aufbäumens doch eigentlich in geistiger Beziehung zurück, soweit man das wenigstens nach Wissenschaft und Litteratur beurtheilen kann: die Serben leisten einfach gar nichts; der einstige Aufschwung in Agram, vor dem ich einst die größte Achtung gehabt habe, ist dahin. Der kluge Jagić weiß das auch ganz gut; er jammert mir gelegentlich in Briefen zunächst über den Rückgang der Slavistik; der hängt aber tiefer zusammen. Er hat trotz seines slavischen Instituts in Wien gar keinen nennenswerthen Nachwuchs. In Prag ist es nicht besser. Die Leute werden es wohl einst mit Schmerzen erkennen, daß die ganz mit deutscher Cultur und deutscher Wissenschaft durchtränkten früheren Generationen eben darin mit ihre Kraft hatten, und daß sie sich diese Kraftquelle jetzt verstopfen.

Ich habe hier jetzt, nach langen Jahren, eine Art slavischen Seminars eingerichtet. Brugmann, Windisch5 und ich haben die Regierung bewogen, uns Locale und einiges Geld zu bewilligen für ein Indogermanisches Institut". Der Name ist sonderbar, wir mußten uns aber in irgend einer Weise vereinigen um zu erlangen, was wir bekommen haben. Die drei Abtheilungen: allgemein sprachwissenschaftliche, indische, slavische sind natürlich ganz unabhängig von einander. Leider sind die Geldmittel zu den nothwendigen Büchern minimal. Ich fahre dabei am schlimmsten, da für mein Seminar noch gar nichts vorhanden ist (die beiden andern haben wenigstens einen Grundstock), und so habe ich mich auf Bücherbetteln bei verschiedenen Collegen gelegt. Ihnen komme ich auch damit: wenn Sie Slavica besitzen, die sie nicht brauchen, Texte, Sonderabzüge etc., so würden Sie ein gutes Werk thun, wenn Sie uns die stifteten; ich bin für alles, für jede Kleinigkeit dankbar.

Sehr wenig erbaut hat mich, was Sie über die Nachfolgerschaft G. Meyers schreiben.6 Ich hätte Streitberg so sehr gern untergebracht. Wollen Sie sich nicht entschließen, wenn die Frage wieder auftaucht, doch bei der Entscheidung mitzuthun?

Mit herzlichem Gruß
Ihr

Leskien


[1] Schuchardt befand sich laut Wolf (1993: 632) im August 1898 in Baden-Baden und in Gotha.

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 92, FN): "Gemeint sind die Tumulte in deutschsprachigen Orten von Böhmen und Mähren, nachdem im April 1898 mit einer vom Wiener Kabinett beschlossenen 'Sprachenverordnung' die doppelsprachige Amtsführung eingeführt wurde und alle Amtsträger binnen dreier Jahre beide Sprachen (Deutsch und Tschechisch) zu beherrschen hatten".

[3] Vermutlich sind gemeint Loiseau (1898), Le Balkan slave et la Crise autrichienne und Auerbach (1898), Les Races et les nationalités en Autriche-Hongrie. Beide Werke werden von Schuchardt (1898 [= HSA 325]: 2-3) thematisiert.

[4] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 92, FN): "Schuchardt verfaßte 1898 'Tchéques et Allemands. Lettre à M***', Paris; ferner Beiträge 'Zur Literatur über die Sprachenkämpfe' in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Augsburg/München, Nr. 249 und 250 von 1898" (vgl. Schuchardt 1898a [= HSA 324] und 1898b [= HSA 325]). Allerdings erschienen letztere Beiträge in zwei Teilen in der Ausgabe der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 3.11.1898 und vom 4.11.1898, unterschrieben mit "Gotha, im Oktober" (Schuchardt 1898b [= HSA 325], II: 6). Ob Schuchardt Leskien den Aufsatz vor der Publikation zugeschickt hatte, lässt sich nicht mehr feststellen. Im Tagebuch Leskiens ist für 24.10.1898 in Bezug auf Schuchardt nur notiert: "Brief von [Hugo] Schuchardt; altum silentium betreffs der Grazer Professur" (zur Edition der Tagebücher vgl. Einleitung).

[5] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 93, FN): "Windisch, Ernst (1844-1918), Sanskritist und Keltologe; seit 1877 in Leipzig, Mitdirektor des Indogermanischen Instituts, Leiter der Indischen Abteilung". Windisch korrespondierte auch mit Schuchardt (27 Briefe im Nachlass Schuchardts, Bibl. Nr. 12806-12832).

[6] Nachfolger Gustav Meyers auf dem Lehrstuhl für Indogermanistik der Grazer Universität wurde Rudolf Meringer (1859-1931), der ab 1892 außerordentlicher Professor in Wien und von 1899 bis 1930 ordentlicher Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Graz war (vgl. Eichler & Schröter 1986: 94, FN; Lochner von Hüttenbach 1998: 14).