Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (10-06428)

Friedrichsroda (Thüringen)

3. Juni 1898

Lieber Freund.

Sie sehen aus der Ortsangabe, daß ich Ihren Brief nachgeschickt erhalten habe. Ich antworte daher gleich von hier. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen bekam ich einen Brief von Jagić gleichen Inhalts; er wünscht auch, ich möchte ihm Rathschläge für Wien geben. Da ich annehme, daß Sie entweder schon mit ihm gesprochen haben oder |2| sprechen werden, theile ich Ihnen mit, daß er an erster Stelle Brugmann[1] im Auge hat, dann nannte er Streitberg[2] und Kretschmer.[3] Brugmann würde für Graz nicht in Betracht kommen. Dagegen würde ich von allen andern Streitberg empfehlen. Ich bin jetzt, wo er in Leipzig ist, wieder oft mit ihm zusammen, und habe wieder den Eindruck wie schon früher, daß er nicht bloß in dem ganzen Gebiet sehr gut zu Hause ist, sondern daß er einen freieren Blick hat über die Lautschieberei hinaus auf allgemeinere Fragen und neue Probleme der Sprachwissenschaft, daß er einer von denen sein wird, die uns |3| aus dem Banne der ungeheuren Detailmassen, an denen man nichts neues mehr finden kann, befreien werden.

An zweiter Stelle möchte ich ein Wort für Hirt[4] einlegen. Gustav Meyer hat in der Vorrede der neusten Auflage seiner griech. Grammatik über Hirts Accentbuch nicht gerecht geurtheilt,[5] ebensowenig Jagić. Es gehörte ein nicht unterschätzender wissenschaftlicher Muth dazu, die gemiedenen Betonungsprobleme einmal, zum ersten Mal nach Bopp,[6] wieder im großen anzufassen und ich kann nur sagen, daß bei allen Lücken der Arbeit sie weit mehr gelungen ist, als man nach dem Stande |4| der Dinge zu erwarten berechtigt war. Für Graz ist es vielleicht auch von Werth, daß Hirt sich im Slavischen sehr umgesehen hat.

Mit einem dritten Vorschlage bin ich in Verlegenheit. Von Joh. Schmidts Schülern wäre Kretzschmer[7] mit Ehren zu nennen, allein er ist besoldeter Extraordinarius in Preußen und ihm stehen die dortigen Stellen offen. Ich habe natürlich den Wunsch, daß die Leipziger berücksichtigt werden möchten, da für sie nach den bekannten Verhältnissen in Preußen gar keine Aussichten sind.

Daß ich mich über meine Wahl in Wien[8] außerordentlich gefreut habe, möchte ich Ihnen noch einmal aussprechen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr Leskien



[1] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Brugmann, Karl (1849-1919), Indogermanist; Mitbegründer der junggrammatischen Schule; seit 1887 Prof. für vergleichende Sprachwissenschaft in Leipzig." Brugmann stand sowohl mit Schuchardt als auch mit Leskien in brieflichem Kontakt. Zum Briefwechsel mit Schuchardt vgl. Brief Nr. 04-06422 und Seldeslacht & Swiggers (1995, online 2014). Von den offenbar insgesamt 165 Korrespondenzstücken von Leskien an Brugmann wurden 64 in Schlimpert & Erckert (1981a, 1981b und 1983) publiziert.

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Streitberg, Wilhelm (1864-1925), Indogermanist; 1889-98 Prof. für indogermanische Sprachwissenschaft und Sanskrit in Freiburg (Schweiz), 1898/99 Privatdozent in Leipzig, 1899-1909 Ordinarius in Münster, 1909-20 in München, ab 1920 in Leipzig (als Nachfolger Brugmanns)." Streitberg, Leskiens Schwiegersohn, stand ebenfalls sowohl mit Schuchardt als auch mit Leskien in Kontakt, beide Briefwechsel sind jedoch noch unveröffentlicht. Im Nachlass Schuchardts befinden sich 18 Briefe von Streitberg (Bibl. Nr. 11313-11330).

[3] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Kretschmer, Paul (1866-1956), Indogermanist; seit 1899 in Wien." Von Paul Kretschmer liegen neun bislang unveröffentlichte Briefe im Nachlass Schuchardts vor (Bibl. Nr. 05824-05832).

[4] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Hirt, Hermann (1865-1936), Indogermanist; langjähriger Privatdozent in Leipzig, seit 1912 Prof. für vergleichende Sprachwissenschaft in Gießen."

[5] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Im Vorwort zur 3. Auflage seiner Griechischen Grammatik ([Meyer 1896b]) schreibt G. Meyer auf S. X: '…ich habe nicht die Zeit gefunden, für die griechische Accentlehre die der andern dabei zur Vergleichung kommenden Sprachen wissenschaftlich durchzuarbeiten. Das übereilte Buch, das wir neuestens über die Lehre vom indogermanischen Accent bekommen haben, hat deutlich gezeigt, wie viel umfangreiche und schwierige Vorarbeiten hier noch ausgeführt werden müssen'".

[6] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Bopp, Franz (1791-1867), Begründer der vergleichenden Grammatik der indoeuropäischen Sprachen".

[7] Vermutlich ist wieder Paul Kretschmer gemeint, der Indogermanistik bei Johannes Schmidt in Berlin studierte (vgl. Solta 1982).

[8] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 92, FN): "A. Leskien wurde 1898 zum Korrespondierenden Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften gewählt". Schuchardt war bereits seit 1882 korrespondierendes Mitglied der Akademie (Wolf 1993: 628).