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Brief (04-06422)

Leipzig, 10. Juli 1894

Lieber Freund.

Sie sind der erste gewesen, der mich mit einem Gruße zum 4. Juli überrascht hat und sollen auch der erste sein, dem ich antworte.1 Ich war vollständig überrascht, natürlich wußte ich, daß ich vor 24 Jahren von Göttingen nach Jena berufen war, aber von dem Tage der Bestellung nichts, da ich das betreffende Dokument irgendwann verloren und mich nie wieder darum bekümmert habe.

Gefeiert zu werden ist wohl immer eine schwere Aufgabe, mir ist sie noch dadurch erschwert, daß ich von meiner Würdigkeit sehr gering denke und sehr gut weiß, daß wenn meine Thätigkeit aus Sprachwissenschaft und Slawistik gestrichen würde, die Lücke nicht bemerkbar wäre. Von dieser Meinung haben mich auch die mir gewidmeten Schriften und Begrüßungen nicht abgebracht. Was mir die Schätzung und Anhänglichkeit von Zuhörern und Freunden geschaffen und erhalten hat, wird wesentlich darin zu suchen sein, daß ich mich an all den Streitereien der letzten beiden Jahrzehnte der Sprachwissenschaft nicht beteiligt habe, keinen Groll gegen andre Ansichten hege und den jungen Leuten nicht verdenke, wenn sie andre Wege gehen als die älteren. Ich hatte darin allerdings ein warnendes Beispiel an Curtius2 und habe eins an Joh. Schmidt,3 der immer verbitterter wird, weil ihm der Lauf der sprachwissenschaftlichen Welt nicht paßt.

Es hat mich ganz besonders gefreut, daß Sie meine Art, mich über wissenschaftliche Gegnerschaft nicht aufzuregen, in Ihren Einleitungsworten hervorgehoben [haben]. Ich habe nicht einmal das Gefühl gehabt, daß ich Ihr oder Sie mein Gegner wären. Schon während ich den Satz von ausnahmslosen Lautgesetzen, die ich ja nicht erfunden habe, durchzuführen suchte, kam mir der Gedanke, daß man von einer andern Seite der Betrachtung aus ebensogut sagen könne, es gebe überhaupt keine Lautgesetze, und es würde mir keine besondere Mühe machen, diesen Satz zu vertheidigen. Wenn ich das nächste Mal nach Graz komme, voraussichtlich im nächsten Jahre, hoffe ich mit Ihnen auf unsre "Gegnerschaft" bei einer guten Flasche anzustoßen.

Mit den von Ihnen an не разъ angeknüpften Gedanken4 habe ich mich zufällig im vorigen Semester, wo ich Syntax las,5 auch etwas beschäftigt und kann vielleicht einiges noch dazu beitragen, das ich Ihnen in den Ferien, wenn ich mehr Muße habe, einmal mittheilen will.

Bleiben Sie mir so freundschaftlich gestimmt wie bisher und glauben Sie mir, wenn ich das auch nicht mit vielen Worten aussprechen kann, daß ich Ihnen dafür von Herzen dankbar bin
Ihr
Leskien


[1] Anlässlich Leskiens Professorenjubiläums erschienen 1894 zwei Festschriften. Eine wurde als viertes Heft der von Karl Brugmann und Wilhelm Streitberg herausgegebenen Indogermanischen Forschungen veröffentlicht, die Beiträge ehemaliger Studierender und Kollegen in Form einer Sammelschrift enthält. Die andere wurde von Schuchardt allein publiziert, der sich vom Gemeinschaftsunternehmen ausgeschlossen fühlte (vgl. Schuchardt 1894 [= HSA 278]). Vgl. dazu die Briefe von Brugmann an Schuchardt in Seldeslachts & Swiggers (1995, online 2014), in denen es hauptsächlich um die Irritationen hinsichtlich der beiden Festschriften für Leskien geht.

[2] Der Philologe Georg Curtius (1820-1885) war ab 1862 Professor an der Leipziger Universität. Curtius gehörte wie Schuchardt zu den Kritikern der Junggrammatiker. Als Professor an der Universität Leipzig unterrichtete er auch viele spätere Sprachforscher. Der Briefwechsel zwischen Curtius und Schuchardt wurde von Ziagos (2015, online 2014) publiziert.

[3] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 91, FN): "Schmidt, Johannes (1843-1901), Indogermanist; Schüler und Promovend von A. Schleicher in Jena, 1873 Prof. für vergleichende Sprachwissenschaft in Graz, ab 1876 in Berlin". Auch Schmidt war ein scharfer Kritiker der Junggrammatiker und hatte an der öffentlichen, zum Teil sehr polemisch geführten Diskussion regen Anteil. Schmidt spielte darüber hinaus ein wichtige Rolle bei der Berufung von Schuchardt auf den Grazer Lehrstuhl für Romanische Philologie 1875/76. Die Briefe von Schmidt an Schuchardt wurden von Hurch & Mücke (2015) herausgegeben.

[4] Vgl. Schuchardt (1894 [= HSA 278])

[5] Leskien hielt im Sommersemester 1893 laut der historischen Vorlesungsverzeichnisse eine Lehrveranstaltung über "Vergleichende Syntax der slavischen Sprachen". Vgl. Universitätsbibliothek Leipzig (2008-2012), http://histvv.uni-leipzig.de/dozenten/leskien_a.html (2015-11-10).