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Brief (02-06420)

Lieber Schuchardt.

Verzeihen Sie, daß ich Ihren Brief eine ganze Woche unbeantwortet gelassen habe; ich konnte vor Vorlesungsnöthen und sonst allerlei Trödel nicht zum ordentlichen Besinnen kommen. So weit mir das Material gegenwärtig ist, kann ich mich aus den slawischen Sprachen keines derartigen Falles erinnern: auch das Wendische kennt den adverbialen Gebrauch von Präpositionen beim Verbum nicht, auch im Volksmunde habe ich ihn nicht gefunden. Es kommt eine Ausdrucksweise vor, die daran streift u. offenbar ein Germanismus ist, z.B. steht in der obersorbischen Bibel[1] Matth. XIII, 31 druhe přirunarje kladźeše won jim prjódk "ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor" |2| also offenbar nach dem Deutschen, aber prjódk ist im Sorbischen nie Präposition, nur Adverb; ebenso in der niedersorbischen Matth. IV, 16 tym we kraju a we chłodku teje sḿerśi sejźecym jo swětl̃o gorej šl̃o den am Ort und Schatten des Todes sitzenden ist ein Licht aufgegangen, wo in der obersorbischen Bibel richtig slawisch steht: tym je swětl̃o zešl̃o*; in der niedersorbischen Matth. 8.16 won gońašo tych duchow wen ze slowami "er trieb die Geister aus mit Worten", ebenso in der obersorbischen won honješe tych duchow won, aber wen u. won ist auch nie Präposition, sondern nur adverb. "hinaus, heraus". Dergleichen Beispiele kann man zu Hunderten finden. Liegt Ihnen daran, mehr zu haben, so schreiben Sie mir; ich glaube kaum, daß Sie derartiges zusammengestellt finden, |3| ich kann sie Ihnen aber sehr leicht ausschreiben.

Am vorigen Dienstag habe ich angefangen zu lesen, altbulgarische Grammatik mit 9 Zuhörern. Mit bestem Gruße

Ihr

Leskien

Leipzig, 2. Mai 1875

[FN auf S. 2:] * gorej ist nur Adverb eigentlich "bergauf, zu Berge"



[1] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 86, FN): "Leskien bezieht sich hier wahrscheinlich auf die Bibelübersetzungen ins Obersorbische von 1670 (Matthäus- und Markusevangelium von Michael Frentzel) und ins Niedersorbische von 1548 (Das Neue Testament des Miklaws Jakubica)".