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Brief (14-414)

Göttingen, d. 22. IV. 1924
Obere Masch 17

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Bereits 5 Tage nach Abgang meines letzten Briefes an Sie erhielt ich Ihre Antwort und bald darauf Ihre Druckschriften, für die ich Ihnen vielmals danke. Ich wollte Ihnen nun erst antworten, nachdem ich diese durchgearbeitet hatte, um Ihnen gleich meine Zweifel und Bemerkungen dazu mitzuteilen, doch da sie eine mühelose Fundgrube für meine Etymologien = Zusammenstellungen bilden und das Semester bald beginnt, wollte ich meine letzten Ferientage der Erledigung schwierigerer Aufgaben widmen, besonders dem Durchsuchen der letzten Bände der Revue de ling. der Werke Luchaires u. ä. nach brauchbarem Stoff. Nun erhalte ich gerade zum Feste als schönstes und willkommenstes Ostergeschenk Ihren zweiten Brief. Haben Sie für alles recht herzlichen Dank! Ich werde nun versuchen, Ihnen möglichst chronologisch, auf alles Erwünschte Antwort zu erteilen.
Was die deutsche Verlagswelt angeht, so muss ich sagen, dass ich selbst nicht über die Organisation derselben genau unterrichtet bin, ebensowenig in Spanien über die dortigen Verleger, wenn es solche überhaupt gibt. Ich habe früher wiederholt gehört, —ich glaube in Vorträgen über Spanien—, dass es dort überhaupt keine Verleger in unserem Sinne gibt, obwohl ich selbst die Namen einiger sogen. “casas editoriales” kenne. Nach allem scheint es mir jedoch, als ob diese entweder ganz modern oder anders aufgebaut sind als unsere Verlagsgesellschaften und damit mag es zusammenhängen, dass Azkue immer nur vom Drucker gesprochen hat. Von einem Niedergang der Einkünfte kann man wohl er[st] in diesem Jahre reden, da die “Diputación” von Vizcaya ihre jährliche Unterstützung an die Akademie von 15000 auf 5000 Peseten herabgesetzt hat. Ich glaube nicht, dass der Kongress von Gernika der Akademie viel gekostet hat, da ja die Sociedad de Estudios Vascos, Eusko Ikaskuntza, der eigentliche Veranstalter war. Diese hat allerdings grosse Opfer bringen müssen, da sie in grossherziger Weise so viele (für spanische Begriffe) in- und ausländische Gelehrte kostenfrei eingeladen hatte, und leider ist gerade von deutscher Seite diese Gastfreundschaft wohl etwas missbraucht worden, dadurch, dass ein Professor der eingeladen war, mit seiner Frau und beiden Töchtern (!) dieser Einladung Folge leistete. Ich weiss nicht, ob diese Tatsache in Spanien bekannte geworden ist; jedenfalls hat man in Deutschland, oder besser gesagt hat ein Kollege diesem Herrn den Missbrauch der spanischen Gastfreundschaft sehr übel genommen. Natürlich wäre die Eusko-Ikaskuntza durch solche und ähnliche Fälle nicht in die schlechte Lage gekommen, in der sie sich h[eu]te befindet. Schuld daran ist nur der vor kurzem erfolgte Beschluss der “Diputación” von Vizcaya, das noch kürzlich eine H[och]burg des Nationalismus bildete, der Eusko-Ik. überhaupt keine Unterstützung mehr zu bewilligen. Hierdurch ist die Euskaltz. nur indirekt getroffen, insofern als sie auch von der E.-I. eine allerdings ziemlich geringe jährliche Unterstützung erhielt. Dass die Akademie noch unterstützt wird unter diesen Umständen, scheint sie nur den guten persönlichen Beziehungen Azkues zu Urien, dem Präsidenten der Diputación, zu verdanken. Ich hoffe, dass meine Mutmassungen nicht schon durch einen entsprechenden Beschluss der bizkayischen Landstände über den Haufen geworfen sind. Was eigentlich vorgeht, ist mir ein Rätsel. Die Zeitungen berichten nur zurückhaltend und stehen unter Vorzensur. Nicht einmal mehr die Berichte über die Sitzungen der Akademie erscheinen seit einigen Monaten in den Zeitungen, wahrscheinlich nicht wegen irgend eines Verbotes —dazu ist Arzadun, Guvernör von Guipuzcoa, selbst Baske und sogar “poeta”, zu vernünftig—, sondern wohl, weil man die Euskaltz. für viel zu unbedeutend hält, als dass man ihre eingesandte[n] Berichte abdruckte. Überhaupt wissen die meisten Basken nichts von der E., selbst viele “Gebildete” kennen ihren Namen nicht einmal. Nun scheint in ganz Spanien ein Kesseltreiben begonnen zu haben gegen Nationalismus, Separatismus, gegen alles was sich nicht nach dem Madrider Zentralismus richten will und insbesondere gegen die baskische Sprache. I[n] Bilbao wurden die Buchhandlungen nach baskischen Büchern abgesucht, das Erscheinen jeglicher bask. Zeitungen ist verboten, nur in San Sebastian erscheint —dank Arzadun— allwöchen[t]lich das bescheidene Blättchen Argia. Nun hat kürzlich Primo de Rivera —dem Spanien im Übrigen sicherlich viel verdankt— erklärt, er wolle die “regionalen” Sprachen nicht verbieten, es sollte aber verhindert werden, dass sie das Spanische als Amts- und Staatsbürgersprache verdränge. Dieser Ausspruch ist recht naiv. Er kann natürlich einigen Hunderttausenden oder Millionen Untertanen nicht ihre Sprache von heute auf morgen verbieten.
Die Hauptschuld an diesen Zuständen tragen die Basken selbst oder vielmehr ein Hauptzug in ihrem sonst so sympathischen Charakter: ihre Feigheit. Ich habe viele Basken, hauptsächlich jüngere, die fast alle Nationalisten sind oder waren, kennen gelernt und mit ihnen über ihre Sprache, Politik usw. diskutiert. Was wollten sie nicht alles tun, wenn ihre Sprache, ihre Rechte ihre Freiheit angetastet würden! Und jetzt regt sich nicht einer von diesen “rassebewussten” Jünglingen. Alle sind ins Mauseloch gekrochen. Übrigens gehörten diese nicht zu den Stützen der Akademie, sondern, besonders im Anfang, zu ihren schärfsten Gegnern, unte[r] denen sich der Schriftleiter der baskischen Abteilung des Euzkadi Bustintza’tar Ebarista mit Decknamen Kirikiño hervortat, der das “wissenschaftliche” Erbe Arana-Goiris angetreten hatte und sich verpflichtet fühlte überall und in Allem Azkue und der Akademie Opposition zu leisten. In den letzten Monaten scheint das anders geworden zu sein, die herannahende Gefahr hat zum Zusammenschluss gemahnt, und schliesslich hat wohl auch die Vernunft über die vorgefassten Meinungen die Oberhand davon getragen, jedenfalls hat Kirikiño in erfreulicher, aber später Einsicht geäussert: “La Academia es la suprema autoridad”. Wie viel weiter wären die Arbeiten der Akademie schon gediehen, wenn diese Einsicht bereits bei ihrer Gründung gereift wäre. Von dieser Seite brauch also die Akademie wohl keine Anfeindungen mehr zu befürchten und kann vielleicht auf die Mitarbeit vieler junger Leute rechnen z. B. beim Sammeln der Orts- u. Familiennamen, der seltenen Worte u. von Mundartenproben, aber seit Eleizaldes Hinscheiden scheint in dieser Hinsicht nichts mehr unternommen zu sein.
Über Azkue habe ich ziemlich die gleiche Meinung wie Sie. Ich kenne ihn allerdings noch nicht näher, da ich bisher mit ihm nur zwei Mal eine Woche lang und vielleicht 5-6 Mal ein bis zwei Tage zusammen war. Dass er aber kein Mann der strengen Wissenschaft ist, obwohl er es hätte werden können, ersieht man ja schon aus seinen Werken. Aber er behauptet auch nicht, es zu sein, während z. B. Arana-Goiri —von anderen ganz zu schweigen—, sich dafür hielt und, was das Schlimmste ist, heute noch von vielen dafür gehalten wird. Dass ein Mann der das Dicc. Vasco-esp-franc. sozusagen ohne Vorbildung zusammengestellt hat, sich nicht zu einem Wissenschaftler ersten Ranges entwickelt hat, erscheint [mi]r beinahe unfassbar. Aber er hat kein grosses Interesse daran und gibt es auch selbst zu. Als ich mich einmal mit ihm über Lautgesetze unterhalten wollte, zeigte er kein Interesse dafür. Von Natur aus ist er ja auch eigentlich (Musiker und) Literat und hätte nach seiner eigenen Aussage, gleich seinem Vater, sein ganzes Leben lang nur Verse gemacht, wenn ihn nicht Bonaparte, allerdings mittelbar durch seine Werke, zur wissenschaftlichen Betätigung angeregt hätte. Ich finde sonst eben nicht, dass er sich leicht anregen lässt, und bedaure sehr, dass er sich nicht weiterbildet durch Lesen wissenschaftlicher Bücher und Zeitschriften. Ich habe z. B. seine Morfologia nicht genau verfolgt, da ich sie als Ganzes (nach Abschluss) geniessen wollte, aber auch mir ist es aufgefallen, dass er kein genügendes Quellenstudium getrieben hat. Ich hielte es trotzdem für wünschenswert, wenn Sie Ihre Bemerkungen dazu verfassten, falls Sie Ihren leidenden Augen diese Anstrengung überhaupt zumuten dürfen, selbst auf die Gefahr hin, manches zu[m] zweiten Male sagen zu müssen. In Spanien sind nämlich bloss Ihre Artikel in der Rev. Intern. E. B. bekannt bezw. erreichbar, alles andere, was Sie früher veröffentlicht haben, z. B. in der Z. R. Ph., im Litteraturblatt, Museum, Globus usw. ist dort unbekannt und auch in der Bibliothek der Euskaltzaindia nicht erreichbar. Ob Urkijo etwas davon besitzt, wie ich ver[mu]te, ist mir nicht bekannt. Urkijo ist der Einzige in der ganzen Akademie, der wissenschaftlich auf der Höhe ist und sich vor grösseren wissenschaftlichen Autoritäten beugt. Die anderen Akademiker sind hierzu umso weniger geneigt, je mehr Anlass dazu vorhanden ist, d. h. je mehr ihnen die Kenntniss solcher Dinge abgeht. Eleizalde war im Begriffe seine alten Anschauungen abzustreifen, auch Altube scheint mir viel zu versprechen. Sonst scheinen aber nur einige von den Jüngeren: Iraizoz, Apraiz, u. Ormaetxea Hoffnungen zu erwecken. Der Hauptvertreter der anderen extremen Richtung, die übrigens politisch nationalistisch eingestellt ist, ist Eguzkitza. Er ist Pfarrer in Lekeitio und mag eine gute (seminaristische) Bildung genossen haben und ist ganz tüchtig im Reden und Disputieren, aber nur auf theologische Methoden eingefu[ch]st, die er auch auf die akademischen Diskussionen anwendet. Er ist das Sprachrohr der Aranisten, er trat mit Herz und Seele ein für das lächerliche überhaupt nicht erwägbare euzkera und ähnliche Ungeheuerlichkeiten. Dabei ist er, wenn ich nicht irre, nicht einmal literarisch hervorgetreten, hält aber sicherlich seine Mundart (die bizkayische) für die ursprünglichste, logischste, reinste und für die beste Grundlage der zukünftigen koινή. Dass schon allein aus geographischen Gründen —ohne von der Reinheit, Klarheit u. Verständlichkeit der Dialekte zu sprechen— dem guipuzcoischen der Vorrang gehört, ist so selbstverständlich, dass sogar schon vor mehr als einem halben Jahrhundert Bonaparte es mit dem Toskanischen verglich. Azkue war um bemüht, eine Gemeinsprache zu schaffen, con noble abandono de su propio dialecto, wie ihm die Guipuzcoaner zum Danke schmeichelten; unter Benutzung des Zentraldialektes, wobei er den Wortschatz natürlich stark erweiterte, bereicherte, die Schreibung vereinheitlichte, viele Wendungen aus den östlichen Mundarten (von denen die Guipuzcoer wenig, die Bizcayer garnichts wissen) einführte und zahlreiche z. T. künstliche aber dringend nötige Scheideformen schuf z. B. ontzi Gefäss —untzi Schiff ogen Schuld, —oben Sünde, biurtu wenden, —bigurtu übersetzen, galdetu erkundigen — itandu fragen u. viele andere. Er ist natürlich bestrebt, die Sprache rein zu halten, aber in vernünftigen Grenzen und weit entfernt von de[m] lächerlichen einseitigen, durch keine Sachkenntnis “getrübten” Purismus der Aranisten, die glaubten eliza durch txadon, apaiz durch jaupari, olio durch gaimel ersetzen zu können (so auch donoki Himmel, obwohl done heilig verpönt war; erlaubt war wieder *deun *heilig aus donga, freudig gebildet und in dieser Weise überall, so dass man den Eindruck haben musste als sei nur die Willkür und die Unkenntnis die einzige Richtschnur bei dieser “Erneuerung” der Sprache). Die Folge ist natürlich, dass diese neuere meist bizcayische “Literatur”, wenn sie diesen Namen überhaupt verdient, ungeniessbar ist, nicht nur für den Ungebildeten, sondern auch für den der sich mit der Sprache etwas beschäftigt hat. Dagen zählt Azkues Ardi galdua und Prontuario de la lengua vasca dem Stil und der Form nach zu dem Besten was überhaupt je auf baskisch geschrieben ist, ja ich möchte sogar behaupten, es ist zusammen mit Agirres Garoa das Edelste was die bask. Literatur besitzt. Aber was taten nun seine Gegner, schon seit 20 Jahren, seitdem die Basken etwas aus ihrem Schlummer erwacht schienen? Sie schwiegen alles tot, was von ihm stammte, seine Neologismen, seine Novellen u. Gedichte seine Vorschläge zur Bereicherung der Sprache und es gelang ihnen, da sie die Jugend beherrschten durch ihre Zeitungen und durch die Politik. Azkue hat dieses immer oder meist mit Gleichmut hingenommen, nur jetzt in der Akade kommt es oft zu Zusammenstössen zwischen ihm und dieser Richtung. Er kann wohl von sich behaupten, dass er das Ansehen der Akademie gesteigert hat, wenn er alle lächerlichen Verunstaltungen und Verunbildungen, wie euzkera, gozari (von *goiz???), gazte (von azi!!) aizkide (von aitz Fels Waffe???) schonungslos zurückgewiesen hat. Das Unglaublichste ist in dieser Hinsicht begangen worden, auch im Zeitwort. “Doch das Höchst und Beste” leistete sich ein augenblicklich in Südamerika ansässiger Geistlicher, natürlich auch Bizcayer, indem er leider seine “Überzeugung, dass auch die mit Konsonant beginnenden Zeitwörter synthetisch beugbar seien” den vascófilos nicht vorenthalten wollte und Anweisungen gibt über die “conjugación reformada”: ich werde es senden dabidalket oder so ähnlich. Difficile est satiram non scribere. Doch ich merke, dass ich ganz abgeschweift bin und will nur noch einmal hervorheben, dass Azkue, obwohl er nicht zu den strengen Wissenschaftlern zählen kann, doch das Verdienst besitzt, die Sprache vor willkürlichen Verunstaltungen bewahrt und so wie sie ist von verschiedenen Seiten dargestellt zu haben. In der Frage der Neubildungen ist er sehr skeptisch und schiebt die blosse Erörterung immer wieder hinaus. Ja meinte er, als ich im verflossenen Sommer erklärte, die Frage sei schon lange akut, sie solle erst angeschnitten werden, sobald ich Mitarbeiter wäre, also in 2 Jahren vielleicht. Er vermeidet das Eingehen darauf auch wohl deshalb, weil darin der allermeiste Zündstoff aufgehäuft liegt und gerade in diesem Punkte die Meinungen an weitesten voneinander abweichen. Denn Urkijo, Lacombe sind noch viel liberaler als Azkue. Eines will ich noch erwähnen, das Eguzkitzas Geistesverfassung gut charakterisiert. Als Urkijo und ich von einem baskischen Wort —ich weiss nicht, um welches es sich handelte, es tut ja auch nichts zur Sache— erklärten, dass es romanischen Ursprungs sei, verlangte Eguskitza, wir sollten ihm das an Hand der Bücher beweisen, d. h. nachweisen, wann und wie es in’s Baskische gedrungen sei; wenn sich diese Entlehnung in der Literatur nicht zeigen liesse, sei sie unbewiesen. Über Lacombes und Urkijos Richtung sind Sie ja viel besser orientiert als ich, der ich diese Herren nur ziemlich flüchtig kenne.
Azkue klagte darüber dass der Arbeitseifer der Akademiker nachgelassen habe, und ich selbst muss sagen, dass bei den Erörterungen, die ich mit erlebt habe, nicht viel herausgekommen ist und ich auch nicht den Eindruck hatte, als ob viel Arbeit geleistet würde. Und wie dringend nötig erscheint der Sprachatlas, dessen Fehlen Sie ja am meisten schmerzt. Ich glaube, dass bei Azkue nur die Kostenfrage eine Rolle spielt, nicht etwa die Eitelkeit (er ist auf sein Wörterbuch —mit Recht— sehr stolz); er erklärte uns dass ein einziges Exemplar das katalanischen Sprachatlasses 700 peseten koste. Aber die Hauptsache ist ja, dass das immer spärlicher werdende Material gesammelt wird, ehe es zu spät ist, die Veröffentlichung [ist] doch cura posterior. Ich glaube nicht, dass er noch lange widerstreben wird. Es erhebt sich dann gleich die wichtige Frage, wer damit beauftragt wird. Soll der Atlas gründlich und ausführlich werden, so müssen, meiner Ansicht nach, recht viel Personen damit beauftragt werden, so dass jede ein nur beschränktes Gebiet bearbeitete, andererseits liegt darin eine gewisse Gefahr, infolge der individuellen Verschiedenheit der Aufnahme. Auch müsste eine phonetische Rechtschreibung zu Grunde gelegt werden. Die offizielle Ortographie entspricht ja dieser Forderung, aber es gibt mehr Laute als sie Zeichen besitzt und vielfache Abstufungen, z. B. im s, z. Ich habe so ziemliche alle Übergänge gehört vom span. z (ausschliesslich) bis zum deutschen breiten sch, etwa folgendermassen.

Spanisches zihm sehr nahe das z in navarrascher Aussprache, das ich bei mehreren Rednern beobachtete. z in der gewöhnlichen guipuzcoaschen Aussprache, noch schärfer als deutsches ss Der Laut, unter dem in fast ganz Bizkaya und in Teilen von Guipúzcoa [,] häufig auch nur bei der jüngeren Generation [,] bask z und s zusammengefallen sind. Die Basken behaupten, dass in den betreffenden Gegenden s gesprochen würde. Ob damit span. s (nach deutsch ss neigend) oder bask. s (nach š hinüberneigend) gemeint ist, sagen die Meisten nicht. Mir schien der entstandene Kompromiss-laut eher dem span. s zu entsprechen. s in guipuzcoascher Aussprache, steht zwischen deutschem ss und sch, aber ersterem näher, während s in labortanischer Aussprache dem sch, š näher steht. x ziemlich so wie deutsch sch. Diese sechs verschiedenen Laute (mit Ausschluss des spanischen z) werden nun mit nur drei Buchstaben s, z, x bezeichnet und das Vorhandensein des stimmhaften s von den Meisten garnicht wahrgenommen, bis auf Azkue, der es im sulischen findet und mit ds bezeichnet. Aber selbst in Guipúzcoa ist es garnicht selten vor stimmhaften Konsonanten. Man spricht z. B. in langsamer Aussprache ezgera, Aizgorri mit etwas stimmhaften z und kürzlich stellte ich als guipuzcoasche Entsprechung von lab. ortzi “Donner”, “Wolke”, statt des erwarteten *ozti, das nur in Zusammensetzungen bekannt ist, ozdi mit stimmhaften z fest (in Urrestiĺa bei Azpeitia).
Auch ist die Schreibung des in manchen (durchaus nicht allen) Gegenden Guipúzcoas zwischen i und a eingeschobenen Gleitlautes als y sehr ungenau. Dieser Laut würde im baskischen Alphabet eher durch dd ausgedrückt werden. Am genauesten ist die Beschreibung Bonapartes, der ihn als Mittelding zwischen di in diable u. gi in ghianda bezeichnet. Er ist natürlich auch nicht ganz einheitlich und zeigt Übergänge besonders nach dx (nach Azkue = ital. ge, phon. ). So spricht man an der Küste westwärts Donostia mehr oder weniger dd, gg, in Zumaya dagegen klar dx = dž, in Deba schon einfach x = š. Was die Schreibung von r als rr vor Konsonannten betrifft, so halte ich sie für vollkommen willkürlich, da ich beim besten Willen ur bat “eine Haselnuss” nicht unterscheide von ur pixka bat “ein bis[s]chen Wasser”. Ich halte diese Schreibung, wie so vieles andere, für eine Exzentrizität der Aranisten, die viele ohne Weiteres nachahmen (wie bei euzkera, zinetsi usw.) ohne dass sich bisher meines Wissens eine Diskussion ergeben hätte. Dagegen scheint mir Azkue Recht zu haben wenn er behauptet, dass *Parisn nicht möglich wäre. Ich habe immer nur Parisen, Madrillen, Burdeosen, usw. gehört mit deutlichem e, ein silbenbildendes n, wie so häufig ist im Deutschen, scheint nicht zu existieren. Natürlich muss ich hier wie auch im Vorhergehenden den Vorbehalt machen, dass ich auch lange nicht alle Gegenden des Baskenlandes durchforscht habe und nur so weit urteilen kann, wie meine Erfahrung und die Schärfe meines Gehöres reichen; ich werde später sicher noch viel ergänzen können zu dem Vorhergesagten, vielleicht auch manches verbessern müssen. Im Anfang vermochte ich in fliessender Rede s von z nicht zu unterscheiden. Erst nach und nach schärfte sich mein Gehör und stellte sich auf diese in unserer Sprache nicht vorhandenen Lautschattierungen ein.
Wie sich die Diskussion betr. euskaara ~ euskera gestaltet hat, ist mir nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass ohne auf die Frage der ursprünglicheren Form einzugehen, jeder für die ihm geläufigste gestimmt hat, also die Ostbasken u. Navarrer für euskara, die Westbasken für euskera, wobei natürlich die Letzteren überwogen. Vor Labialen spricht man meiner Ansicht nach, wie ja auch in anderen Sprachen, m und nicht n, obwohl das m natürlich nicht so genau u. deutlich artikuliert wird wie z. B. zwischen Vokalen. Wer das in der Literatur der westlichen Basken heute allein herrschende n aufgebracht hat, ist mir im Augenblick auch nicht gegenwärtig. Ich bin aber nicht abgeneigt, es Arana-Goiri oder einem seiner Schüler in die Schuhe zu schieben. Arana-Goiri suchte ja bewusst immer das Trennende von anderen Sprachen, er hob die Gegensätze hervor, um seinem Volke und dessen Sprache eine möglichst gut charakterisierte Persönlichkeit zu schaffen. Man spricht also zweifellos zembat, aimbat, egumbat. Der vollständige Übergang von (*nb?) > mb > m findet sich ja in zemat, amildu neben anbildu (sicher mit *bil rund, rollen zusammenhängend). Dass Azkue der sehr kühnen Bildung Aranas gaimel stattgegeben hat, wundert mich, da er sonst sehr skeptisch ist. Bei oiñ oñ handelt es sich wirklich, wie [S]ie vermuten, um mundartliche Verschiedenheit. Man hört in Guipuzcoa gewöhnlich oña, olloa und nur zweilen hörte ich deutlich i oiña. In Südguipúzcoa ist da[s] i offenbar ganz aufgesogen und hat nur Spuren seines Vorhandengewesenseins im Umlaut hinterlassen: oiñe der Fuss, Azkue sieht diesen Umlaut als Beweis dafür an, dass das i noch vorhanden ist und will es bei gesteigerter Aufmerksamkeit auch noch immer deutlich vernehmen. Ormaechea teilt mir nun mit, dass dieses i in Navarra noch überall deutlich gesprochen wird. Es kommt wohl noch etwas hinzu, das Azkue trotz vielfacher Anfeindungen gerade in diesem Punkte bestimmt hat, immer oillo, oiña, kankaillu zu schreiben. Er möchte in der späteren κοινή ganz auf die Mouillierung verzichten und schlägt deshalb jetzt schon einen Mittelweg ein. Seinem Wunsche entsprechend habe ich in seiner neuesten Novelle Latsibi, die ich gerade in diesen Tagen für ihn aus dem bizkayaschen in das Zentralbaskische (oder besser gesagt in eine darauf beruhende Mundart, in deren Aufbau aber ausserdem alle anderen von Bilbao bis zum Roncal beteiligt sind) übertragen habe, den gleichen Weg eingeschlagen und aus demselben Grunde auch j durch y ersetzt, obwohl ich nur nicht verhehle, dass dadurch die (Schrift-) Sprache um einen Laut ärmer wird, dass also diese Reform auch ihre Schattenseite hat.
Nun zu den ~ danik ( dandik)
Ich glaubte die Erklärung von dan *da en mehrfach gelesen zu haben, habe mich aber wohl getäuscht, denn ich finde sie nur in (1918) Rev. IX, S. 185, Anm. 2, in Saroïhandys Artikel: “Remarques sur le verbe labourdin”. Den als Verbalform ist, glaube ich, in Guip. ganz unbekannt, als adjektiv all(e, s) im Nordosten ziemlich häufig, wird aber nach Südwesten, also dort wo die Bindevokale fehlen oder assimiliert werden, immer seltener: in Legazpia sagt man für alles, alle dana, emphatisch diana, ďana (obwohl bei “sie sind” Umlaut eintritt: die, dire) und nur selten emphatisch den-dena. Zu den ~ danik stimmt ja auffallend duen(a) als Verbalform ~ dun als Suffix, womit natürlich diese Erscheinung noch nicht geklärt ist. Auch da wo man dem Bindevokal abhold ist, unterscheidet man z. B. (Legazpia) dôn(a)~ dun (txerridun, esnedun). Erwähnen möchte ich noch die Zielform dikiat “ich es dir” bei Lardizabal (und nach ihm?), Bonaparte, Campión im Gegensatz zur Bezugsform diat “ich es dir”. Ich habe ganz Guipúzcoa vergeblich nach dikiat ausgehorcht und bin fast zu der Überzeugung gekommen, dass nicht Arana-Goiri und seine Anhänger die ersten “Verbesserer” ode[r] “Verböserer” des Zeitwortes waren sonder vielleicht schon Lardizabal, der die verschiedenen Dialekte des Bask. mit behandelte und feststellte, dass in seinem Heimatdialekt Bezug[s]-. u. Zielform in diesem Fall zusammenfielen (nur im Plur unterscheidet man zituat, zetiat, datuat “ich sie dir” = Bezugsform von dizkiat, dixkiat “ich sie dir” = Zielform). Er fand dass das Bizk. mit seinem juat — deuba[t], dostat , (letztere Form in Oñate, Mondragón für *doskat und das Labort. mit seinem diat (B.) — dauat (Z.) einen Vorsprung vor dem guip. hatten, das für beides diat verwendet und ergänzte vielleicht die fehlende Form. Auch zu zatorkit, zabilkit, letzteres ebenfalls bei Lardizabal, erregen bei mir grösstes Misstrauen. Vielleicht mache ich diese ganzen Fragen demnächst einmal zum Gegenstand einer Erörterung in der Rev. besonders, weil man allen Ernstes die Rückkehr zu *zator usw. gepredigt hat; denn la lógica es la suprema ley del verbo vasco sagt Arana Goiri.
In Punkto Zeitwort hege ich für Larramendi —der ja ein gutes Teil seines Wörterbuches “de su propia cosecha” geknetet hat— die grösste Hochachtung und habe bei ihm kaum eine verdächtige Form entdecken können. Ja gerade die unregelmässigen Formen wie zizekagun und ähnliche bestärken in mir seine Glaubwürdigkeit, da man ihr Entstehen vielerorts geradezu mit Händen greifen kann. Man kann überall verfolgen, dass die häufiger gebrauchten Formen auf die weniger gebrauchten einwirken und sie oft ganz umgestalten. Besonders das Praesens hat die seltsamsten Mischformen mit dem Imperfekt erzeugt (z. B. zendiozun für zenion, zendakizun für zenekien, gendiogun, gendiun für genion). Es wäre sehr interessant alles das aufzuzeichnen, wa[s] täglich an solchen und ähnlichen Neubildungen gehört wird. Das Volk kennt eben seine Grammatik nicht und, da es nicht mehr so tief in seiner Sprache wurzelt und der spanische Einfluss in jener Hinsicht —auch in syntaktischer— immer grösser wird, nimmt auch die Verwirrung dauernd zu. Aber es findet sich niemand, auch kein Akademiker der sich zum Ziel gesetzt hätte in diesem Punkte zu forschen. Er würde sicher für “chiflado” gelten.
Ich bin nun sehr gespannt auf Azkues Darstellung des Zeitwortes in seiner Morfología. Er hat mir gerade Lardizabals Grammatik gesandt, mit der Bitte, alle mir verdächtig erscheinenden Formen anzugeben. Lacombe äusserte einmal —aber natürlich nicht während einer akademischen Sitzung— seiner Meinung nach sei die Mehrzahl der Verbalformen von den Grammatikern erfunden worden. Diese Behauptung halte ich für sehr übertrieben, obwohl etwas Wahres daran ist. Es ist mir wirklich zweifelhaft, ob man im letzten Jahrhundert noch irgendwo gesagt hat zitzazkidaketenan. Die tratadistas mit dem Hauptziel der perfección nach Astarloa wollen immer möglichst vollständige Konjugationsklassen darstellen und kommen dadurch wohl einmal in die Lage fehlende Formen, oder solche, die sie nicht gehört zu haben, nach eigenem Gutdünken zu ergänzen, wobei sie dann sehr wohl “logischer” und korrekter sein können als das Volk gewesen wäre. Andererseits vermisse ich die Erwähnung von Zielformen mit der 1. u. 2. Person als Subjekt (z. B. narauka, arauka bei Leiz.), die meiner Ansicht nach sicher noch hin u. wieder bes. von sprachgewandte[n] alten Frauen gebraucht werden, obwohl mir noch keine aufgefallen ist. Wie mir Olabide mitteilt, hat Eleizalde einige derartige Formen gesammelt und selbst in Garoa (von D. Agirre) S. 76, Vers 2:

Maite kutuna ezaidazala
Jaun zerukoak berriz ken!

finde ich eine solche, die offenbar noch nicht aufgefallen ist und deren leichte Verständlichkeit das Vorhandensein mehrerer solcher Formen wahrscheinlich macht: e/zaidazala, “er möge dich nur / nicht” gewissermassen zusammengesetzt aus zaidala (westguipuzc. u. bizc. für zaitzala) + dizadala.
Nachdem ich diesen hastig und bruchstückweise niedergeschriebenen Brief noch einmal durchgelesen habe, finde ich, dass er noch viel wirrer und unübersichtlicher ist, als ich befürchtet hatte. Hoffentlich strengt Sie das Lesen dieser Zeilen nicht zu sehr an und finden Sie unter diesen regellosen Gedanken das Eine oder Andere, was Sie interessiert.
Nun noch eine persönliche Bemerkung. Eben erhielt ich einen Brief von einem guten Freunde meines Vaters, den auch ich in meiner Jugend in Spanien flüchtig kennen gelernt hatte und dessen Namen ich auch in der Euskara verzeichnet gefunden hatte: Herrn Rudolf Sprenger, der auch den (deutschen) Titel Hofrat führt und in gleichem Alter steht, wie Sie. Er teilte mir vielerlei [I]nteressantes aus seinem Leben unter den Basken mit und kennt auch Sie von Ihrem damaligen Ausfluge nach Donostia, wo er damals deutscher Konsul war. Von ihm erfahre ich auch, dass Sie die Bekanntschaft jenes schrullenhaften alten Geistlichen (Don Gaspar, Orregui?) gemacht haben, der ja auch Lehrer der Königin Mutter Maria Cristina gewesen ist. Sie hielt aber nicht lange aus, da er wie sich ihre Majestät ausdrückte, “zu langstielig” war.
Dass die hohe Dame das Baskische noch nicht ganz verlernt hat, konnte ich im vorigen Sommer in Fuenterrabia feststellen, wo ich sie zusammen mit ihrem jüngsten Bruder —sie nannte ihn Egi— traf und Stadt und Schloss besichtigte. Wir unterhielten uns längere Zeit und kamen bald auf das euskera zu sprechen, wobei sie ziemliche Kenntnisse und Interesse zeigte, während der Erzherzog Beziehungen fand zwischen den “baskischen” und schwäbischen Pferdegeschirren und die Beachtung solcher Beziehungen bei ethnologischen Studien empfahl. Als wir die Plattform des alten Schlosses betraten und Frankreich daliegen sahen, machte die hohe Dame ihrem Unmut u. Groll jedoch in reinstem österreichischen Deutsch Luft und es war ein Glück, dass niemand aus dem Gefolge das Deutsche versteht.

Mögen Sie diese Zeilen bei bestem Wohlbefinden antreffen.

In Dankbarkeit
Ihr
G. Bähr
Cand chem et phil.