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Brief (19-19r-20v)

Graz, 21 Okt. 1887

 

Verehrter Kollege!

 

Wenn ich mit schwachen Kräften Ihnen irgendwie nützlich sein kann, werde ich es sehr gern thun.[1] Die Chronologie der Lauterscheinungen gehört wohl zu den allerschwierigsten Punkten. Beiläufig gesagt, verstehen Sie W. Meyer Grundr. S. 363,[2] er sagt, der Ausfall des antevok. d gehe überall vor sich bevor die tonlosen Konsonanten tönend geworden sind. Also |2| vedir wird zu veeir, bevor aus amata amada, amede wird?

Mit der von Ihnen acceptirten Erklärung der Diphthonge ie und uo (S. 573)[3] kann ich mich noch nicht befreunden. Hatte übrigens nicht Havet vor Canello[4] (vgl. auch meinen Vokal. II, 328)[5] dieselbe gegeben? Ie und uo finden wir doch in allen möglichen Sprachen, und so viel ich sehe, immer für geschlossenes e und o, sofern sie sich spontan entwickeln. Daher kann ich mir i und u nur von aussen |3| gekommen denken: vieni = veni, und dann verallgemeinert. Die Geschichte des Französischen mag für íe < und úo < sprechen, die der andern rom. Sprachen nicht. Auch ist mir íe aus ęę noch befremdlicher, als .

Ich treibe jetzt Dinge, welche von der romanischen Philologie etwas abseits liegen. Das Baskische aber hängt wenigstens noch an einem hinlänglich breiten Band damit zusammen. |4| Ich werde mich immer freuen, von Ihnen Gedrucktes und Geschriebenes zu lesen.

 

Mit besten Grüssen

Ihr ganz ergebener

Hugo Schuchardt

   

[1] Hier scheint ein Brief Suchiers an Schuchardt nicht erhalten zu sein.

[2] Meyer (1888).

[3] Ebenfalls in Gröbers Grundriß der romanische Philologie, also Suchier (1888).

[4] Es ist nicht feststellbar, auf welche Schrift von Ugo Angelo Canello Schuchardt sich hier bezieht. Vgl. aber Brief Nr. 24 unten.

[5] Schuchardt (1867).