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Brief (06-06r-07v)

[H.S.]

Graz, 8. 3. 77

Verehrter Kollege!

In aller Eile schreibe ich Ihnen einige Zeilen, die Sie vielleicht noch vor Ihrer Reise nach Berlin treffen. Allerdings wäre es mir sehr lieb, wenn Sie einerseits meiner Meinung, die Gefahr läuft falsch verstanden zu werden, Ausdruck gewährten, andererseits mich von dem, was das Comité zu thun gedenkt, insoweit unterrichteten, als nicht geheime Abmachungen – was ich bei jetziger Lage der Dinge allerdings nicht billigen würde – getroffen werden sollten. Jedenfalls hoffe, Sie werden mir unumwunden sagen, wie Tobler und die Uebrigen über mein Vorgehen urtheilen. In allen Dingen bin ich sehr für Oeffentlichkeit; es bleibt doch das Beste.

Also vor Allem: bei mir ist keine Spur von persönlicher Empfindlichkeit, keine Spur von Feindseligkeit gegen Tobler. Das Politische bliebe allerdings am Besten ganz aus dem Spiel; aber es geht nicht. Mein Vorschlag ging auf’s Internazionale hinaus, da konnte man davon absehen. Bei der Beschränkung auf Berlin steht die Sache anders. Ich gestehe Ihnen ganz unumwunden, dass ich bezüglich der Unparteilichkeit der künftigen akademischen Urtheile manche Befürchtung hege. Politische Rücksichten können sich gar zu leicht einmischen. Würde eine preussische Akademie eine Schrift krönen, in der nebenbei Dinge gesagt würden, welche für Preussen nicht schmeichelhaft wären? Ferner ruht das Urtheil doch fast ganz in Tobler’s Hand und Einer, er mag der Beste sein, kann sich leicht täuschen. Desshalb bin ich fortwährend für die Verbindung mehrerer Akademieen. Warum hat Tobler nicht wenigstens an Wien gedacht? Verdient denn Berlin in diesem Falle wirklich so entschieden den Vorzug vor Wien? Man denke an Ferd. Wolf3, an Mussafia’s ausgebreitete und bedeutende Wirksamkeit, an seine zahlreichen romanistischen Abhandlungen in den Akademieschriften. Mussafia steht dem Meister näher, als Tobler, obwohl ich Tobler’s Verdiensten meine vollste Hochachtung schenke. Nun schreibt Tobler mir, Berlin sei Reichshauptstadt, die Hauptstadt des Landes, in dem Diez so lange gewirkt, spricht von Deutsch-östreich als Ausland u.s.w. Diese politische Auffassung hat mich etwas gereizt und zu einigen unvorsichtigen und leidenschaftlichen (aber nicht persönlichen) Äusserungen hingerissen. Diez war Deutscher; was deutsche Kultur anbelangt, so wird sie ebenso in Wien als in >Berlin vertreten. Übrigens ist man im deutschen Reich selbst keineswegs für die übertriebene Centralisation in Berlin, am wenigsten was Kunst und Wissenschaft anbelangt. Die zahlreichen geistigen Mittelpunkte Deutschlands haben ebenso segensreich gewirkt, wie die politische Zersplitterung ein Unglück gewesen ist. Man darf Beides nicht miteinander vermengen. Ueber diesen Punkt werde ich mich wahrscheinlich noch einmal aussprechen.

In grösster Eile
Ihr ergebener
HS.


[1] [13. 3.]

[2] Suchier vermerkt auf den Briefen offenbar handschriftlich das Datum seiner Antwort.

[3] Ferdinand Wolf (1796-1866), Romanist in >Wien, ab 1853 Direktor der Handschriftenabteilung der Wiener Hofbibliothek.