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Brief (05-11406)

Halle 6. 3. 77

Geehrter College,

Ihren Brief bekam ich vorgestern und wurde verhindert gleich zu antworten. Ich hole heute dies nach.

Ihren Artikel in der AAZ1 las ich mit Interesse und fand durchaus nichts darin, was im Stande wäre Tobler oder sonst jemanden persönlich zu verletzen. Ich würde es sogar bedauern, wenn Sie Ihre Auffassung nicht kund gegeben hätten. Sie ist eine hohe und ideale, nur vielleicht etwas zu ideal. Ob von Rom oder Berlin die Sache ausgeht qu’importe? Höchstens kann es unklug genannt werden Berlin zu wählen, weil die Franzosen wahrscheinlich nach jedem andern Orte lieber Geld senden als nach der ‘Stadt der Milliarden’. Aber glauben Sie nicht auch dass das Ausland wenig Beiträge spenden wird? Die Hauptsache muss doch aus Deutschland kommen (Deutschland natürlich im weitesten Sinne).

Übrigens habe ich von der Diez-Stiftung nicht früher Kenntnis gehabt und nicht bessre als Sie. Tobler schickte mir den gedruckten Aufruf unter Kreuzband mit der gedruckten Aufforderung zu unterzeichnen. Ich that das, liess das Kreuzband sogleich zurückgehen und bekam dann 30. Ex. des Aufrufs mit gedruckten Namensunterschriften. Voilà tout!

Beziehungen zu Tobler habe ich bis jetzt nicht. Das erste was ich wieder von der Sache vernehme ist eine Postkarte von heute, die mich auf nächsten Sonntag nach Berlin zu einer Sitzung des Comités einlädt. Wahrscheinlich nehme ich Theil.

Übrigens ist mir in Ihrer Auffassung vieles dunkel geblieben. So die Zusammenkunft der Romanisten in Rom. In welcher Beziehung steht diese zu (Ihrer) Diez-Stiftung? Liesse sich dieser Plan nicht von der Diez-Stiftung unabhängig verfolgen? Auch weiss ich nicht, wie Sie für möglich halten, Tobler könne die Sache noch ändern. Er kann doch Herrn v. Sybel2 und die andern nicht wieder hinauswerfen, nachdem er sie einmal ins Comité gezogen.

Ob die Einrichtung national oder international sein soll? Am liebsten beides, denke ich. Man mache einen Preis für die beste Arbeit überhaupt, einen zweiten für die beste eines Deutschen (immer im weitern Sinne).

Ihre politische Gesinnung werden nur die verdächtigen, die das patriotische Gefühl eines Deutschen nur an seinem Franzosenhasse messen; und solcher Leute gibt es ja allerdings. Ich halte es mit dem Patriotismus wie mit der Religion: Dinge, die jeder für sich betreiben soll, lieber daheim als auf der Gasse und mehr mit dem Herzen als mit dem Mund. Eine noble Gesinnung ist mir immer als der beste Patriotismus erschienen, zumal wenn es sich um den Verkehr mit Ausländern handelt. Nobel ist Ihre Auffassung ohne Frage, und ich kann auch in Ihrer Handlungsweise nichts incorrectes [sic] sehen.

Was weiteres geschehen wird theile ich Ihnen gern mit. Bei Tobler werde ich entweder Ihren Brief nicht erwähnen oder nur sagen: Sie wünschen Auskunft über die weitern Schritte des Comités (mit dem gl. Versprechen Ihrerseits)

Mit den besten Grüssen
Ihr
H Suchier


[1] Schuchardt (1877a).

[2] Heinrich von Sybel (1817-1895) war Historiker und u.a. Leiter der Preussischen Staatsarchive.