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Brief (04-03r-05v)

Graz 1. 3. 77.

Geehrter Kollege!

Heute schreibe ich einmal an den ehemaligen Korpsstudenten. Das heisst, ich hoffe dass Sie wenigstens meine formelle Auffassung einer Angelegenheit theilen werden, in deren sachlichen Auffassung wir wahrscheinlich sehr auseinander gehen.

Tobler hat mir einen einigermassen gereizten Brief geschrieben in dem er nicht nur bedauert, dass ich bezüglich der Diezstiftung anderer Ansicht, als er, bin, sondern in dem er es auch – allerdings in höflichen Worten – rügt, dass ich dieser Ansicht öffentlichen Ausdruck gegeben habe und mich ziemlich kategorisch auffordert, auf der betretenen Bahn nicht fortzuwandeln. Nun kann ich Sie feierlich versichern, dass bei mir nicht die geringste persönliche Empfindlichkeit im Spiel ist; ich würde z.B., wäre mir auch Gelegenheit geboten, mich nie an die Spitze eines solchen Unternehmens stellen. So habe ich denn auch Tobler's Entschuldigung, dass er mich wegen der weitern Entfernung nicht gleich anfangs davon in Kenntnis gesetzt habe, als voll angenommen – obwohl ich im Allgemeinen ein solches “geographisches” Prinzip nicht billige. Aber man kann mir doch nicht verdenken, dass ich der ich gerade für ein Unternehmen, wie das in Frage stehende, mich besonders interessire, der ich in verschiedenen meiner Artikel die Annäherung von Deutschen und Romanen auf wissenschaftlichem Gebiete als wünschenswerth bezeichnet habe, man kann mir, sage ich, doch nicht verdenken, dass ich meine eigene Meinung habe und dass ich dieselbe äussere. Vor dem Erscheinen des Circulars konnte ich das nicht; denn ich hatte keine Ahnung von der Sache. Also habe ich es hinterher thun müssen. Auf das gedruckte Circular habe ich mit einem gedruckten Artikel geantwortet; auf den Brief Toblers, der jenes begleitete, mit einem Brief. Die beabsichtigte Gleichzeitigkeit meines Artikel und meines Briefes habe ich deswegen nicht bewerkstelligen können, weil mir jener selbst erst spät zu Gesicht gekommen ist. Tobler scheint erwartet zu haben, daß ich ihn erst brieflich von meiner Meinungsabweichung in Kenntnis gesetzt hätte. Allein ich habe es vorgezogen, das, was einmal öffentlich geworden war, öffentlich zu besprechen; von meinem Standpunkt aus gesehen, erheischte das Interesse der Sache dies. Wie kann man mir das zum Vorwurf machen! Man hat mir das Circular zugesandt mit der höflichen Umschreibung der Worte: Friss Vogel oder stirb! Betheilige dich an dieser Diezstiftung oder thue es nicht (dann liebst du allerdings weder den Meister noch die Wissenschaft), träume aber von keiner andern!

Im besten Falle: theile uns deine Ansicht mit, erwarte aber dass sie eben so ad acta gelegt wird, wie die übereinstimmende Besserer, die vor dem Erscheinen des Circulars geäussert worden war. Der Verzicht auf meine Meinungsäusserung würde mir gar keinen Dank eingebracht haben, er würde als ganz selbstverständlich betrachtet worden sein. Dennoch würde ich ihn geleistet haben, wenn es sich nur um Äußerliches und Unwesentliches gehandelt hätte; für mich liegt aber der Hauptwerth der Diezstiftung darin, dass sie vollkommen internazional sei; dass überhaupt irgendeine Diezstiftung errichtet werde, dafür kann ich mich nicht sehr erwärmen. Also ich sage meine Meinung; da heisst es von der andern Seite gleich: Concurrenz-agitation, was soll das Ausland denken! u. s. w. Man betrachtet mich als muthwilligen Spielverderber, als Reichsfeind, als Gott weiss was; – mit einem Wort, man gibt mir Schuld, dass ich gegen das Berliner Comité ulke. Und das allerdings verletzt mich. Ich habe in allen solchen Dingen stets frank und offen gehandelt und mich von allem Persönlichen fern gehalten; ich darf wohl verlangen, dass man meinem Verfahren gerecht werde und dass man meine Motive nicht verdächtige. Letzteres hat man allerdings noch nicht mit direkten Worten gethan; aber aus gewissen Worten lässt sich doch entnehmen, was man im Grunde denkt.

Meine Bitte geht dahin, dass Sie mir entweder bestätigen, dass ich vom Standpuntk des Comments aus durchaus korrekt gehandelt habe, oder mir angeben, in welchen Punkten das nicht geschehen ist.

Wenn Tobler mir es übelgenommen hat, dass ich in meinem Artikel Worte aus seinem Brief (ohne ihn jedoch zu nennen), angeführt habe, so vergisst er dass er diesen Worten beigefügt hatte: ich sage es Jedem gern. Das heisst doch, ich mache kein Geheimnis daraus, aber Sie sollten eines daraus machen. Noch dazu handelt es sich dabei um Etwas, was auf Tobler ein günstiges und nicht ein ungünstiges Licht wirft.

Damit der Kampf ganz loyal sei, habe ich Ihnen einen Vorschlag zu machen. Wollen Sie mich immer wissen lassen, wann ein Artikel im Sinne des Berliner Comité’s erscheint? ich werde Sie wissen lassen, wann ich irgend Etwas in dieser Sache schreibe oder ein Anderer in meinem Sinne schreibt (natürlich so weit ich davon Kenntnis bekomme). Ich werde gewiss nicht hartnäckig auf meiner Meinung bestehen, wenn ich mich isoliert sehe. Vor der Hand will ich nur, dass eine Sache zwischen Vielen öffentlich besprochen werde, die eine öffentliche ist und an der sich viele betheiligen sollen.

Mit besten Grüssen
Ihr

H. S.