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Brief (02-01r-02v)

Graz, 14. XI. 76.

 

Verehrter Kollege!

 

Anbei folgen die verschiedenen das Seminar betreffenden Wische; lassen Sie sich sie gut schmecken. Ich muss Sie sehr um Entschuldigung bitten, dass ich die Bibliothek Ihnen in so kläglichen Anfängen überantwortet habe (Sie sprechen daher auch ironisch von den “litterarischen Schätzen”); meine Krankheit hat mich in Allem |2| gehindert. Daher ist auch der Katalog, den ich machen musste, damit die Leute ihr Geld bekämen, ein wahres Meisterstück. Welches mein Antheil an beiliegendem Statut ist, vermag ich nicht mehr zu ermessen; mein Entwurf zeichnete sich durch klassische Kürze aus, das Statut aber geht sogar bis § 11, nicht weiter, wohl mehr mit Hinblick auf die Studenten als auf den Leiter des Seminars.

Es würde mich sehr interessieren, Weiteres von Ihnen zu hören. Hoffentlich gefällt Ihnen Halle besser als mir – was allerdings, wenn Sie unverheirathet sind, schwer halten wird. Graz sagt mir ausserordentlich zu; es weht hier eine frischere, behaglichere |3| Luft, als droben, wo Sie weilen. Auch passt es mir, dass ich mich dem Italienischen hier besonders zuwenden muss. Indessen hoffe ich mit der Zeit auch zur Belebung der französischen Studien beitragen zu können.

Ich bin Ihnen noch zu Dank verpflichtet für eine Kreuzbandsendung, auf welche Sie einen Corpscirkel gezeichnet hatten. Ich war in Dessen Entzifferung nicht ganz sicher; welchem Corps gehörten Sie denn an?

Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie die Ankunft der kostbaren Dokumente mir bescheinigten.

 

Mit besten Grüssen

Ihr ergebenster

H. Schuchardt

[gezeichnetes Corpszeichen!] Grl.! (35tes Sem.)

 

[18/12][1]



[1] Von Suchier vermerktes Datum seines Antwortschreibens.