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Brief (09-04942)

Rovigno, 18 April 900

Hochgeehrter Herr Professor,

Besten Dank für Ihren freundlichen Brief, auf den ich mich beeile vor meiner Abreise von hier zu antworten. Beiliegend sende ich einstweilen Ihnen die Muster der bei unseren Bauern gebräuchlichen Ackerbaugeräthen.[1] Den 'pennato', dessen oberer Theil (hackenförmig) 'cresta' heisst, bringe ich selbst mit.[2] Hoffentlich gelingt es mir auch das vollkomme[ne] Miniaturexemplar eines rovignesischen 'focolare' sammt 'alari', molle' catena, ferro, palletta etc. etc. mitzunehmen, oder lasse ich mir nachschicken.[3] |2| Ich gedenke nächsten Donnerstag in Graz einzutreffen. Mein erster Besuch wird Ihnen gelten.

Sonst geht es mir und meiner Mutter vorläufig ziemlich gut. Das Wetter ist momentan schön, wenn auch für die Jahreszeit empfindlich kühl. Man muss noch mit den Winterkleidern herumgehen. Nächsten Sonntag treffen hier die Zoologen von Graz ein. Es soll ein Diner für 45 Personen (4[…][4] fl.pro Kopf) im Theater stattfinden. Zur Ergänzung und Einrahmung des Bildes tagt in unmittelbarer Nähe des Theaters eine Menagerie von wilden Thieren![5]

|3| Die eine der anderen eine würdige Gesellschaft! Meine Mama lässt Ihre freundliche Empfehlung auf's herzlichste erwidern. Dasselbe thut mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ganz ergebener

  1. Ive

Von Rovigno reise ich Montag früh weg. In Triest werde ich nicht unterlassen, mich über 'Carena's ausführliches Wörterbuch[6] zu erkundigen, obwohl mir ein solches nicht bekannt ist. Nach Calabrien habe ich noch nicht geschrieben- werde ich es in bälde thun.[7] Wissen Sie vielleicht Etwas über unsere Angelegenheit von Wien?[8]



[1] In der Sektion Werkmanuskripte des Schuchardt-Nachlasses 17.8.5.1 finden sich mehrere aller Wahrscheinlichkeit nach von Ive stammende Skizzen von "Attrezzi rurali usati dai contadini dell'Istria".

[2] Ein solches Gerät (eine Hippe) ist in der Schuchardt-Sammlung im Österreichischen Museum für Volkskunde leider nicht (mehr?) vorhanden. Eine Skizze desselben befindet sich in der Sektion Werkmanuskripte 17.8.5.1 des Schuchardt-Nachlasses.

[3] Auch in diesem Fall konnten in der Schuchardt-Sammlung keine entsprechenden Stücke gefunden werden. Dies schließt nicht aus, dass Ive das Modell einer Feuerstelle mitbrachte und dieses eventuell Schuchardt zumindest zu Anschauungszwecken zur Verfügung stellte. Der Feuerbock wird von Schuchardt in seiner Festschrift für Adolf Mussafia (Schuchardt 1905 [= HSA 480]: 4-6) thematisiert.

[4] Nicht lesbar.

[5] Vom 18. bis 20. April 1900 fand in Graz die zehnte Jahresversammlung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft statt. Den Abschluss dieser Versammlung bildete ein gemeinsamer Ausflug zu den zoologischen Stationen in Triest und Rovigno (Fritsch 1901: 84).

[6] Möglicherweise ist hier Giacinto Carenas dreiteiliges Wörterbuch, Prontuario di vocaboli attenenti a parecchie arti, ad alcuni mestieri, a cose domestiche e altre di uso comune, per saggio di un Vocabolario metodico della lingua italiana (Carena 1846-1860) gemeint. Alle drei Bände waren laut Bestandsnachweis der Universitätsbibliothek Graz in Schuchardts Besitz, zum Zeitpunkt der Erstellung der vorliegenden Edition sind allerdings die ersten beiden Bände nicht auffindbar gewesen. Neben diesem Werk besaß Schuchardt auch Fornari (1888), Il nuovo Carena. La Casa o Vocabolario Domestico compilato sui più recenti lavori di lingua parlata con raffronti dei principali dialetti (Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz, Signatur I 220 524). Ob die beiden Werke durch Ives Vermittlung in Schuchardts Besitz gekommen sind kann nicht mehr nachvollzogen werden.

[7] Unter Umständen ist hier eine Kommunikation mit dem gemeinsamen Bekannten Ives und Schuchardts Giovanni De Giacomo, kalabresischer Ethnograph (vgl. Schwägerl-Melchior 2015a), gemeint. Schuchardt brach kurz darauf nach Sizilien auf und traf auf der Reise in Kalabrien De Giacomo.

[8] Kurz zuvor (16.03.1900) war vom Professorenkollegium der philosophischen Fakultät der Antrag gestellt worden, "das k.k. Ministerium für Cultus und Unterricht wolle die Ernennung des ao. Professors der italienischen Sprache und Litteratur Anton Ive zum o. Prof. desselben Faches an der Univ. Graz erwirken." Ein Detail des Antrags kann unter Umständen dazu beigetragen haben, dass die Ernennung Ives zum Ordinarius erst 1902 erfolgte: Diese sollte zum vorliegenden Zeitpunkt auf Wunsch des Professorenkollegiums nur unter der Voraussetzung erfolgen, "daß durch diese Ernennung die Wiederbesetzung der ord. Lehrkanzel für romanische Philologie nach Prof. Schuchardt durch eine geeignete Person als Ordinarius nicht berührt oder in frage gestellt werde. Das Professoren-Collegium hebt dies ausdrücklich hervor, weil es die Besetzung der Lehrkanzel für romanische Philologie, für deren Vertretung Prof. Ive die erforderliche Eignung nicht besitzt, für das dringendere Bedürfnis hält" (Universitätsarchiv Graz, Philosophische Fakultät, Zl. 609 ex 1899/00, datiert auf 16.03.1900). Schuchardt wurde 1900 pensioniert, sein Lehrstuhl ging 1901 an Jules Cornu, mit dessen Ernennung zum Wintersemester 1901/1902 das Romanische Seminar der Universität Graz gegründet wurde (vgl. Lehner 1980: 40).