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Brief (09-00116)

Karlsbad Villa Teresa 5. VIII. 05

Hochverehrter Herr Hofrath!  

Ihre herrliche Mussafia-Festschrift[1] ist einige Tage vor meiner Abreise aus Bagnoles de l’Orne in meine Hände gelangt. Sie hat mir einen tiefen Eindruck gemacht – Schon gleich die Einleitung, in welcher Sie mit Lapidarsätzen in klassisch schönen Worten die unlösliche Verbindung von Wort und Bild darstellen. Wie sehr habe ich bedauert, Ihr Werk nicht im vorigen Jahr bei der Hand gehabt zu haben, als ich im vorigen Jahre in meiner Eröffnungsrede des Greifswalder Anthropologencongresses[2] auf den bedeutungsvollen Umschwung hinwies, welcher die Sprachforschung und die Beobachtungswissenschaften einander nähert und soweit das Ideal des Schöpfers der „Anthro- |2| pologie der Naturvölker“[3] Theodor Waitz[4] zu verwirklichen strebt, welcher diesem Ideal eigentlich sein Leben geopfert hat, ohne sein Ziel zu erreichen![5]

Es bedarf allerdings einer Meisterhand um die Wortgeschichte im stetem Zusammenhange mit der Entwickelung der Gegenstände so zu erfassen, wie Sie es bezüglich der Haspel und Garnwinde geleistet haben. Der beobachtende Ethnograph muß sich hier mit der Rolle des Handlangers begnügen, wozu aber erst die von Ihnen aufgestellten Gesichtspunkte als Leitmaximen der Induktion zu dienen haben. Jetzt erst verstehe ich die mir bei mehreren Umfragen vorgekommene Unsicherheit der Leute über die Benennungen dévidoir, travouil, |3| selbst bei Sebillot.[6]

In der Normandie war offenbar bis in die 80er Jahre der Ausdruck trouiller gebräuchlich.

Lecoeur Esquisse [sic] du Bocage Normand (1883)[7] erklärt ihn durch devider le fil. Sebillot betrachtet  travoué, travouil, dévidoir als synonym![8]

Ihre Arbeit habe ich noch benützen können, um einem neuerworbenen Freunde, dem Archäologen und Dichter Hon. von Challemel[9] in Ferté-Massé[10] die Nothwendigkeit eines volksthümlichen Musée Normand klar zu legen.

Auf meine Anregung hin |4| wird im September bei der Jahresversammlung der Archäologischen Gesellschaft des Departement Orne[11] ein diesbezüglicher Antrag gestellt werden. Sebillot hat sich über meine Bitte bereit erklärt, die nöthigen Instructionen hiezu zu verfassen. Ich werde noch weiter an den Herrn des Departements bohren, um ihre Indolenz zu überwinden. Die Durchwanderung der herrlichen Normandie erweckt den Eindruck, daß da noch Manches zu retten ist. Dazu gehören aber Zeit und Verbindungen mit der Bevölkerung.

Ich kann einen Wunsch nicht unterdrücken: Sollen Ihre Studien wahrhaft befruchtend wirken, so müßte für eine Zusammenfassung derselben in einer handlichen |5| Ausgabe (sammt Abbildungen) gesorgt werden, welche den Lehrern und Geistlichen u.s.w. zugänglich ist – Es ist ja keine Frage, daß alle volkskundlichen Organe Deutschlands von der Festschrift gebührende Kenntniß nehmen werden – Ich erlaube mir besonders auf Fräulein Professor Mestorf[12] aufmerksam zu machen. Sie ist Direktor des Museums vaterländischer Alterthümer bei der Universität Kiel. Sie ist zwar Prähistorikerin, interessiert sich sehr für volksthümliche Gegenstände, und kennt auch ihr Norddeutschland in dieser Richtung vortrefflich – Auch Direktor Voss[13] vom Berliner Völkermuseum (Prähistoriker) wäre in der Lage, über |6| diese Dinge zu sprechen – Weitere Andeutungen für Deutschland behalte ich mir vor, später nach dem Salzburger Congresse[14] zu liefern. Dr. Richard Andrée München Friedrichstrasse 9/II (nebst seiner Frau geb. Eysn)[15] wäre jedenfalls zu nennen.[16]

Für Österreich möchte ich an Frau Hein[17] erinnern. Zur Besprechung ist Meringer am geeignetsten – Er sollte Ihre Arbeit in unsere Mittheilungen[18] übernehmen.

Dr. Bugiel hat über Wunsch von Sebillot, welcher nur schlecht Deutsch liest, eine Besprechung – ich glaube für die Revue des Traditions populaires – |7| geliefert –[19]

Daß Sie sich des Creisels annehmen wollen, ist hocherfreulich – Es gibt kaum ein Instrument, welches grössere ethnographische Bedeutung wegen seiner allgemeinen Verbreitung besässe[20] – Aber es ist ein grosses schwieriges Thema – Für die romanischen Länder dürften Sie Sebillot’s Hilfe kaum entbehren können – Er hat die größte Materialkenntniß –[21] Wie wäre es wenn Sie sich entschlössen, einen Sprung nach Paris zu machen. Für nächstes Jahr möchte ich mit meiner Frau eine Reise nach der Bretagne |8| und Normandie machen, wozu wir im Winter Vorstudien und Verbindungen im Adel sammeln werden – dies sollten Sie mitmachen – Es wäre allerliebst. Im Juni und Juli ist das Klima daselbst wundervoll stärkend und anregend – Dazu sind Sie ganz frei in ihren Plänen und Bewegungen! Wir werden uns gegenseitig nur unterstützen niemals stören!! Es wäre allerliebst –

So wie ich etwas Sie interessirendes höre, theile ich es Ihnen mit –

In warmer Verehrung und Dankbarkeit Ihr ergebenster

F Andrian



[1] Schuchardt (1905 [= HSA 480]).

[2] Vom 4. bis 6. August 1904 fand in Greifswald die 35. allgemeine Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft statt (vgl. Ranke 1905; Sitzungsberichte 1905: [6]-[10]). Andrian-Werburg war 1893 zum dritten Vorstandsmitglied der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft gewählt worden. Der Vorsitz im Dreiervorstand wechselte jährlich, 1904 war Andrian-Werburg erster Vorsitzender und eröffnete den Kongress in Greifswald (vgl. Fatouretchi 2009: 63; zur Intensivierung der Beziehungen zwischen Berliner, Deutscher und Wiener Anthropologischer Gesellschaft und Andrian-Werburgs Einfluss siehe ebd.: 61-64).

[3] Waitz, Theodor (1859-1872). Anthropologie der Naturvölker. Bd. 1-6. Leipzig: Fleischer. Die beiden letzten Bände wurden posthum von Georg Gerland herausgegeben.

[4] Theodor Waitz (1821-1864), Psychologe, Pädagoge und Anthropologe, lehrte an der Universität Marburg/Lahn.

[5] Andrian-Werburg wies in seiner Rede darauf hin, "dass die Geisteswissenschaften in steigendem Maasse die naturwissenschaftlichen Methoden und Gesichtspunkte berücksichtigten. [...] Die Bewegung hat aber in jüngster Zeit selbst die engsten Kreise der Sprachwissenschaft ergriffen. Tieferblickende Sprachforscher bekennen sich zur Ueberzeugung, dass die philologischen Methoden für sich allein die Ziele ihrer Wissenschaft nicht erreichen können. Schuchardt, Meringer, Schrader, Usener, Dieterich u.A. fordern direct das Zusammengehen von Wort- und Sachforschung. Schuchardt wünscht Landschaftsmuseen zur Vertiefung der romanischen Sprachforschung von der Beschreibung zur Erklärung der sprachlichen Erscheinungen. Eine wachsende Schaar von anerkannten Meistern der verschiedenen Philologien treibt volkskundliche Detailforschung mit entschiedenstem Erfolge, um Bausteine zu gewinnen für eine neue Disciplin, welche Meringer die vergleichende Sachwissenschaft benannt hat." (Ranke 1905: 68).

[6] Paul Sébillot (1846-1918), französischer Ethnologe und seit 1886 Herausgeber der Revue des Traditions Populaires. Sébillot verfasste unter anderem 1894 eine Arbeit unter dem Titel Légendes et curiosités des métiers (Sébillot 1894), aus welcher Schuchardt u.a. Abbildungen für die Festschrift für Adolf Mussafia verwendete (vgl. Schuchardt 1905 [= HSA 480]: 6, Abb. 4). Die hier angesprochene im Französischen bestehende semantische Unschärfe der Begriffe dévidoir und travouil wird in Schuchardts Arbeit thematisiert (Schuchardt 1905: 7, 25f.). Die Edition der Briefe Sébillots an Schuchardt (B 10458-10467 im Nachlass Schuchardts), die allerdings vorwiegend aus den 1880er Jahren stammen und insbesondere mit Schuchardts kreolistischen Interessen in Verbindung stehen, ist in Vorbereitung.

[7] Gemeint ist Tirard, Louis-Jules (pseud. Jules Lecoeur) (1883-1887). Esquisses du Bocage Normand. 2 Bände. Condé-sur-Noireau: L. Morel.

[8] Es konnte nicht eruiert werden, auf welche Stelle in Sébillots verschiedenen ethnographischen Werken Andrian-Werburg sich hier bezieht.

[9] Vermutlich handelt es sich um Léonce Wilfrid Marie Challemel (1846-1916), Jurist und Dichter sowie Vizepräsident der Société historique et archéologique de L’Orne (vgl. Bougy 2001: 148).

[10] Heute die Gemeinde La Ferté-Macé im Département Orne, Geburtsort von Challemel.

[11] Die Sitzungsprotokolle im Quatrième Bulletin der Société historique et archéologique de L’Orne 1905 (Tome 24, Oktober 1905) reichen nur bis zur Sitzung vom 27. Juli 1905. Dem Premier Bulletin der Société historique et archéologique de L’Orne des Jahres 1906 (Tome XXV) ist allerdings nur ein Protokoll einer Sitzung derselben vom 19. Oktober 1905 zu entnehmen, in dem unter anderem der anvisierte Umzug des Sitzes der Société unter Bereitstellung eines Raumes für die Einrichtung eines Museums erwähnt wird: "L’ordre du jour appelle l’attention de l’Assemblée sur le transfert du siège de la Société à la maison d’Ozé. On se rappelle que, lors de la visite du 20 Juillet, les Commissions municipale et de la Société sont demeurées d’accord pour nous concéder deux pièces dans le pavillon de droite, voisin de l’Eglise Notre-Dame, l’une au premier étage, pour installer notre biliothèque et tenir nos réunions, l’autre au deuxième étage, à destination de Musée." (S. 2). Allerdings erscheint es aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich, dass dies in Zusammenhang mit der von Andrian-Werburg angesprochenen Anregung eines großen Museums in der Normandie steht. Das Datum der Versammlung liegt nicht wie angekündigt im September, Challemel ist weder unter den „Présents“, noch unter den „Excusés“ verzeichnet, ebensowenig wird ein Vorschlag von Sébillot erwähnt und der Plan, den Sitz der Gesellschaft zu verlegen, bestand offensichtlich schon länger. Ein großes, die Normandie umfassendes ethnographisches Museum wurde erst 1946 in Caen gegründet (vgl. de Boüard 1951).

[12] Johanna Mestorf (1828-1909), Prähistorikerin, Archäologin, wirkte ab 1873 als Kustodin am Schleswig-Holsteinischen Museum vaterländischer Alterthümer, das kurz zuvor als Universitätsinstitut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel angegliedert worden war. 1891 wurde sie Direktorin des Museums. Mestorf war ab 1877 korrespondierendes Mitglied und ab 1905 Ehrenmitglied der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (vgl. Protokoll der Jahresversammlung 1878: 50; Sitzungsberichte 1905: [20]). Im Nachlass Schuchardts befindet sich ein Korrespondenzstück von Johanna Mestorf vom 28. April 1899 (B 07120), Schuchardt kannte sie also bereits vor Andrian-Werburgs Empfehlung.

[13] Albert Franz Ludwig Voß (1837-1906), Arzt und Prähistoriker, war ab 1886 Abteilungsdirektor der Sammlung vaterländischer und anderer vorgeschichtlicher Altertümer des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin. Bereits 1869 war er Mitbegründer und Schriftführer der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Voss war seit 1887 korrespondierendes Mitglied der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (vgl. Sitzungsberichte 1887: [12]).

[14] Vom 28. bis 31. August 1905 fand in Salzburg die vierte gemeinsame Versammlung der Deutschen und Wiener Anthropologischen Gesellschaft (zugleich 36. allgemeine Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft) statt (vgl. Ranke 1906; Sitzungsberichte 1906: [3]-[83]). Andrian-Werburg führte den Vorsitz der Vormittagssitzung am 29. August (Ranke 1906: 90). In der ersten Geschäftssitzung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft wurde er zum Ehrenpräsidenten ernannt (Ranke 1906: 148).

[15] Richard Andree (1835-1912), Geograph und Ethnograph, war Mitbegründer und von 1873 bis 1890 Leiter der kartographischen Anstalt von Velhagen und Klasing in Leipzig. Ab 1890 wirkte er in Heidelberg, wo er von 1891 bis 1903 die Zeitschrift Globus herausgab. Marie Andree-Eysn (1847-1929) war Volkskundlerin und Sammlerin mit den Schwerpunkten Votiv-, Amulett- und Wallfahrtsforschung in Salzburg. Sie heiratete 1903 Richard Andree und übersiedelte mit ihrem Mann nach München. Sowohl Richard Andree (B 00088-00098 im Nachlass Schuchardts) als auch Marie Andree-Eysn (vgl. Nikitsch in Vorbereitung) korrespondierten mit Schuchardt.

[16] In der Kladde mit der Signatur 17.1.2.7 der Sektion 'Werkmanuskripte' des Schuchardt-Nachlasses befindet sich eine umfangreiche Liste von Personen, an die die Mussafia-Festschrift (Schuchardt 1905) versandt wurde. Hier finden sich "Frau Andree" (S. 3) und "Frau Hein" (S. 1) vermerkt. Die Namen Voss und Mestorf fehlen ebenso wie Richard Andree und Rudolf Meringer. Letzteres mag dadurch erklärbar sein, dass der Abschnitt Graz der nach Orten und Ländern sortierten Liste leer geblieben ist. Andrian-Werburg hat die Mussafia-Festschrift im Vergleich zu anderen Korrespondenten Schuchardts wohl erst recht spät erhalten, worauf einerseits die wohl nachträglich angebrachte Anmerkung auf S. 4 der erwähnten Adressatenliste: "Es sind noch zu bedenken: Baron Andrian, Zwiedineck, Ive", andererseits aber auch das im Verhältnis zu anderen Reaktionen auf die Zusendung des Werks späte Briefdatum hindeuten.

[17] Marie Hein (1853-1943), war Mitarbeiterin der anthropologisch-ethnographischen Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums und ab 1904 Mitglied und Korrespondentin der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Zu Andrian-Werburg (1905) trug sie das Sachregister bei. Hein korrespondierte mit Schuchardt (vgl. Egger/Oberpeilsteiner in Vorbereitung: Kapitel 2.2).

[18] In Band 35 der Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien erschien eine kurze Anzeige zu Schuchardt (1905), allerdings ohne Autorennennung (o.A. 1905).

[19] Gemeint ist Bugiel, Włodzimierz (1905). 'Hugo Schuchardt an Adolf Mussafia (Hugo Schuchardt à Adolphe Mussafia)'. In Revue des traditions populaires, XX, 271. Ein Exemplar dieser Rezension befindet sich im Nachlass Schuchardts (Signatur D. Sammlungen, 2.1.29.9.).

[20] Hugo Schuchardt erwähnte in Der Kreisel im Baskischen, dass sich seine Beschäftigung mit dem Kreisel um das Jahr 1905 gesteigert hatte, "[...] so sehr dass ich wegen Sache und Wort–soweit die Romania in Betracht kam–eine Menge von Federn und Bleistiften in Bewegung setzte [...]." (Schuchardt 1924 [= HSA 762]: 360).

[21] In der Tat wandte sich Schuchardt bezüglich des Kreisels an Sébillot, wie dessen Schreiben vom 23.08.1905 durchscheinen lässt, in dem er unter anderem folgendes in Aussicht stellt: "Pour vos toupies, sabots, etc, envoyez-moi un questionnaire et un ou deux formes schématiques de chacun des objets qui vous intéressent. Je m’informerai ici de celles qui subsistent encore, et si je ne puis en obtenir des enfants de mon voisinage, je vous en ferai fabriquer" (Paul Sébillot an Hugo Schuchardt am 23.08.1905, B 10467). Nach diesem Brief ist keine weitere Korrespondenz von Sébillot an Schuchardt erhalten und es kann nicht eruiert werden, ob Sébillot Schuchardt noch einen Kreisel oder Holzschuhe aus der Bretagne (der Brief wurde in Ercé-près-Liffré verfasst) zukommen ließ.