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Brief (01-00108)

Hochverehrter Herr Professor!

Durch meine späte Abreise aus Nizza[1] (8t Juni) und mehrwöchentliches Herumschweifen in Oberitalien ist Ihr freundlicher Brief vom 9t Juli sehr spät in meine Hände gelangt – Erst heute komme ich, durch viele Geschäfte gehetzt, an dessen Beantwortung. Vor Allem meinen herzlichsten Dank für Ihre werthvollen Notizen über Höhencultus[2] – die Verehrung des Larkune [sic],[3] die wetterabwendende Thätigkeit des Eremiten stammen gewiß aus prähistorischen Zeiten; es gibt gute Analogien hiefür in den Alpen – Auch das „Feenloch“ ist sehr interessant – Haben Sie nichts |2| über bergbewohnende Drachen, Riesen, alte Gottheiten […][4] vernommen?

Über die alte Mythologie der Basken wird es leider nichts geben – Vielleicht könnte man von Rev. W. Webster[5] etwas darüber erfahren –

Ich habe soeben die erste Nummer der „Ethnologischen Mittheilungen aus Ungarn“[6] von Dr. Hermann[7] bekommen, bei denen Hr. Dr. L. Katona ein hervorragender Mitarbeiter ist[8] – So erfreulich es ist, daß sich drüben auch das Interesse für Ethnologie und Folkloristik regt, so bedaure ich doch, daß uns dadurch gewissermassen der Rang abgelaufen wird.[9] Vielleicht wird |3| es Hrn. Katona durch dieses Unternehmen gelingen, festen Fuß in Ungarn zu fassen – Jedenfalls wäre es mir recht lieb, wenn er auch bald eine Arbeit (oder Besprechungen folkloristischer Erscheinungen) in den Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (Redaction: F. Heger, k.k. Custos im Naturhistorischem [sic] Hofmuseum) senden könnte[10] – diese würde ich dann als Ausgangspunct meiner Action zu seinen Gunsten nehmen, wenn er eine solche noch wünscht – Vielleicht komme ich im Spätherbst für ein paar Tage nach |4| Gratz und werde trachten durch Ihre freundliche Vermittelung seine Bekanntschaft zu machen.

Ich bleibe bis gegen 25t hier, wenn nicht zufällig mich eine Sitzung für das Werk des Kronprinzen[11] abruft – Meine Adresse für Briefe ist immer hier, da mir Alles nachgeschickt wird –

Mit besten Empfehlungen von meiner Frau[12] bin ich ausgezeichnetster Hochachtung Ihr ergebenster

Altaussee Steiermark[13]

5/10 89

F Andrian



[1] Andrian-Werburg besaß in Nizza die Villa Mendiguren, Carabacel, Boulevard des Arènes (vgl. Henze-Döhring 2006: 771), wo er sich bevorzugt im Winter aufhielt. Diese Villa ging wie die Villa in Altaussee (siehe Anm. 12) an seinen Sohn Leopold über, der sie nach dem Ersten Weltkrieg aufgab und sich jährlich für mehrere Monate einmietete (vgl. Prutsch/Zeyringer 2003:486). Andrian-Werburgs lange Abwesenheiten von Wien und die dadurch bedingte Vernachlässigung seiner Amtsgeschäfte bzw. Inanspruchnahme der Organe der Anthropologischen Gesellschaft wurden durchaus kritisch gesehen. Beispielsweise sprach Moriz Hoernes als Betroffener diesen Umstand in seinem Nachruf auf Andrian-Werburg an (vgl. Hoernes 1914: 143).

[2] Andrian-Werburg veröffentlichte 1891 Der Höhencultus asiatischer und europäischer Völker (Andrian-Werburg 1891). Offenbar verarbeitete er Schuchardts Informationen nicht in seinem Werk, weder im Vorwort noch in den Fußnoten finden sich eine Danksagung an Schuchardt bzw. eine Erwähnung einer schriftlichen Mitteilung.

[3] Eventuell Lakune im Sinn von lat. lacuna: Vertiefung, Loch, Lücke, Höhlung.

[4] Unklares Zeichen.

[5] Wentworth Webster (1828-1907), anglikanischer Priester, wirkte ab den 1860er Jahren im französischen Baskenland. Er widmete sich baskologischen Forschungen und sammelte baskische Sagen und Märchen (Webster 1877). Hugo Schuchardt hatte Webster während seines Aufenthalts in Sare 1887 kennen gelernt, Webster korrespondierte bis 1904 mit ihm (B 12641-12695 im Nachlass Schuchardts).

[6] Der erste Jahrgang der Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn, begründet, redigiert und herausgegeben von Anton Herrmann, erschien im Umfang von zwei Heften (Juni 1887, Februar 1888) als erste ethnologische Fachzeitschrift der österreichisch-ungarischen Monarchie (vgl., insbesonders zur Programmatik der Zeitschrift, Herrmann 1887). Andrian-Werburg musste die Zeitschrift bereits gekannt haben, da er sie am 14. Februar 1888 in der Generalversammlung der Anthropologischen Gesellschaft in Wien mit enthusiastischen Worten begrüßt hatte (vgl. Sitzungsberichte 1888: [26]).

[7] Antal (Anton) Herrmann (1851-1926), ungarischer Ethnologe, lehrte ab 1897 an der Universität Klausenburg (Cluj). Herrmann wirkte an der Institutionalisierung der sich herausbildenden Ethnographie in Ungarn entscheidend mit. Er war 1889 Mitbegründer der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns (auch Ungarische Ethnographische Gesellschaft) in Budapest, als deren Sekretär er wirkte. Die Zeitschrift der Gesellschaft Ethnographia (erster Jahrgang 1890) erschien ab 1891 unter der Redaktion von Anton Herrmann und Ludwig Katona (vgl. Hofer 2008: 167-168). Herrmann korrespondierte mit Hugo Schuchardt (B 04667-4669 im Nachlass Schuchardts).

[8] Lajos (Ludwig) Katona (1862-1910), Literaturhistoriker, Folklorist, Ethnologe, veröffentlichte als Mitarbeiter der ersten beiden Hefte der Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn einen Beitrag zur ungarischen Folklore (Katona 1887-1888). Bereits ab dem zweiten Jahrgang (nach längerer Pause 1890 erschienen) redigierte er die Zeitschrift gemeinsam mit Anton Herrmann, die ab nun zugleich als Anzeiger der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns erschien. Er veröffentlichte hier zeitversetzt seinen ursprünglich in der Zeitschrift Ethnographia erschienenen Beitrag Ethnographia. Ethnologia. Folklore (Katona 1890 sowie 1891-1892), in dem er eine umfassende Wissenschaftssystematik und Forschungsprogrammatik entwarf (vgl. Hofer 2008: 166). Der äußerst umfangreiche Briefwechsel zwischen Katona und Schuchardt (B 05327-05487A im Nachlass Schuchardts sowie 287 Briefe Schuchardts an Katona in der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest) wurde bisher noch nicht bearbeitet.

[9] Andrian-Werburg war ein kritischer Beobachter institutioneller Neugründungen auf dem Gebiet der Ethnologie und Volkskunde, die den Führungsanspruch der Anthropologischen Gesellschaft in Wien und deren Zeitschrift in Frage stellen hätten können. Auch in der Tätigkeit des 1894 gegründeten Vereins für österreichische Volkskunde, u.a. in der ab 1895 erfolgten Herausgabe der Zeitschrift für österreichische Volkskunde, sah Andrian-Werburg anfangs eine Konkurrenz zur Anthropologischen Gesellschaft, wie Michael Haberlandt, Direktor des Museums, in seinem Nachruf für Andrian-Werburg ausführte (vgl. Haberlandt 1914: 178).

[10] Ein derartiger Beitrag findet sich nicht in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Katona veröffentlichte lediglich einen Nachruf für Gustav Meyer (Katona 1900).

[11] Gemeint ist Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild (Kronprinz Erzherzog Rudolf 1885-1902), nach dem Initiator und bis zu dessen Tod 1889 Herausgeber Kronprinz Rudolf von Österreich Kronprinzenwerk genannt. Andrian-Werburg war Fachreferent für Ethnographie und Anthropologie im sog. Redactions-Comité für die deutsche Ausgabe (o.A. 1902). Dieses Komitee hielt zwischen Juni 1884 und Mai 1896 insgesamt 28 Sitzungen ab, seine Aufgabe bestand in der "Anordnung der Materien, Raumvertheilung für dieselben, Wahl und Bestimmung der Mitarbeiter" (vgl. Bendix 2008: 48-49). Andrian-Werburg verfasste außerdem gemeinsam mit Paul Hunfalvy die Ethnographische Einleitung in der zweiten Abteilung des Übersichtsbands (Andrian-Werburg/Hunfalvy 1887). Zu Entstehungsgeschichte, Intentionen bzw. Rezeption des Kronprinzenwerks siehe Wagner (1989), Fikfak/Johler (2008).

[12] Cäcilie, geb. Meyerbeer (1836-1931), Tochter des Komponisten Giacomo Meyerbeer, heiratete Ferdinand von Andrian-Werburg 1869 in Berlin, wo 1875 auch der gemeinsame Sohn Leopold geboren wurde. Während ihr Mann das zurückgezogene Leben im Kreise von Freunden in Altaussee und die Winteraufenthalte in Nizza bevorzugte, führte Cäcilie in Fortsetzung der Meyerbeer’schen Familientradition repräsentativ Salon und hielt sich vorwiegend in den Kurorten Karlsbad, Meran und Montreux, außerdem in Nizza, Venedig und Paris auf. 1891 kam es zur Trennung von Cäcilie und Ferdinand (vgl. Prutsch/Zeyringer 2003: 19-20), die Scheidung unterblieb. Die Partner lebten größtenteils getrennt, unternahmen aber fallweise gemeinsame Reisen bzw. Kuraufenthalte (vgl. Renner 1981: 19-20; siehe Brief Nr. 08-00115 und 09-00116).

[13] Ferdinand von Andrian-Werburg verbrachte Sommer und Herbst meist in Altaussee in der Steiermark, das er durch seine Frau 1870 kennengelernt hatte. Bereits 1871 erwarb er in Fischerndorf 48 ein Anwesen, das er zur „Andrian-Villa“ umbaute, die 1913 in den Besitz seines Sohnes überging (vgl. Palme 1999:126-128). Kurz nach Erscheinen seiner Veröffentlichung Die Altausseer. Ein Beitrag zur Volkskunde des Salzkammergutes verlieh ihm die Gemeinde Altaussee anlässlich seines siebzigsten Geburtstags am 20. September 1905 die Ehrenbürgerschaft. Andrian-Werburg ist in der Familiengruft in Altaussee begraben (vgl. Schroeder 1915a: 10-11).