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Brief (17-HS_KV_s.n.)

Graz, 24. Oktober 1917.[1]

H. Schuchardt schickt ohne Begleitschreiben Ende Sept. an Prof. Dr. Karl v. Ettmayer[2] seinen Aufsatz "Sprachverwandtschaft" (S.B der kön. preuss. Akad. d. W. 1917 S. 518-529). In diesem findet sich S. 520 Anm. 1 die Stelle: "So konnte kürzlich das von ASCOLI schon zusammengefügte Ladinisch (Rätoromanisch) von ASCOLI's Schüler und Nachfolger C. SALVIONI als eigene Mundartengruppe aus dem Grundbuch der Romania getilgt werden (Ladinia e Italia, Pavia 1917). Natürlich mit wissenschaftlichen Mitteln; aber auch ohne ausserwissenschaftlichen Antrieb?"

K.v. E. schickt an H.Sch. am 9. Okt. von Wien aus folgende Karte: S.g. H.H. Zu meiner grossen Enttäuschung, ja Erbitterung habe ich p- 520 Ihre "Sprachverwandtschaft" gelesen. Dass Sie S. gegenüber Ascoli Recht geben, obwohl S. im Verlaufe seiner Arbeit immer wieder zeigte, dass er von der ladinischen Sprachgeschichte nichts versteht und seine Tätigkeit gegenüber A. einen gewaltigen Rückschritt bedeutet. Wenn Sie mir die "Ladinia e Italia" zusenden würden, wäre ich Ihnen dankbar. Zum mindesten hätten Sie meines Protestes R. J. B. III Tirolische O. N. # Ethnologie p. 9 gedenken sollen. Mit besten Empfehlungen Ettmayer.

An der eben zitierten Stelle (Krit. Jahresb. über die Fortschr. der Rom. Phil. XIII, III, 9) heisst es: "Vergebens legte hier C. Salvioni in sachlicher Weise – wenn auch für Battisti und Jud voreingenommen und deren (nach Ref. Ansicht unhaltbaren) Argumenten gegenüber unentschlossen und nachgiebig – die selbständige Stellung des ladinischen Sprachzweiges dar."

H. Sch. antwortet K.v.E. mit einer Karte deren genauer Wortlaut ihm nicht mehr gegenwärtig ist. Es kommen darin die Worte vor: "ich bin wie aus den Wolken gefallen". Er stellt richtig, dass er nicht für Salvioni gegen Ascoli, sondern umgekehrt eingetreten ist und dass es so auch die anderen verstanden haben. Die Schrift Salvionis besitzt er nicht [darf aber wohl auf Grund dreier ausführlicher Besprechungen sich ein allgemeines Urteil über sie bilden].[3]

K. v. E. schreibt an H. Sch. am 20. Okt. von Razenberg aus: S.g.H.H. [sic]. Indem ich vom himmlischen Kampfplatz der Wissenschaft auf unsere nüchterne Erde herabsteige, kann ich nur feststellen, dass Ihre aufklärende Karte den Eindruck, den Ihre Arbeit über Sprachverwandtschaft bei mir erweckt hatte, nur verstärkt hat. Aus der Art, wie Sie Salvioni – und dann mir gegenüber die Worte setzen, spricht so viel neurasthenisches Unbehagen mit allen seinen bekannten Begleiterscheinungen, dass ich es für meine Pflicht halte Sie zu fragen, ob Sie Ihre Arbeit, die, wie Sie selbst zugeben, z.T. auf unvollständiger Literaturkenntnis beruht, im Interesse der deutschen Wissenschaft wie im eigenen nicht besser zurückzögen. Gewiss hoffe ich als Ihr ehemaliger Schüler, dass, wenn Friede und Ordnung wiederkehrt, noch viele Belehrung und Aufklärung grosser wissenschaftlicher Probleme von Ihrem genialen Geiste zu erwarten ist. Im jetzigen Augenblick halte ich aber Ihre Ausführungen über Sprachgrenzen [+] für unheilvoll und ich konnte, falls Sie Ihre Arbeit aufrecht halten wollten, nur die Worte Dantes wiederholen: Issa vegg'io lo nodo che mi distolse….. Verzeihen Sie mir diese ernsten Worte in ernster Stunde, ich kann nicht anders. Ettmayer

[handschriftlich] Dieser Brief bleibt unbeantwortet. Um Kenntnisnahme ersuchend H. Schuchardt

[Maschinschrift] [+] In meiner Schrift ist nicht von "Sprachgrenzen" die Rede, sondern von Grenzen der Mundarten. Meine Ansichten über diese habe ich schon 1870 in meiner Leipziger Probevorlesung[4] dargelegt und sie haben damals so wenig wie jetzt die deutsche Wissenschaft gefährdet. H. Sch.

   

[1] Die in Maschinschrift nicht sichtbaren Diakritika auf den deutschen Umlauten werden in der Transkription eingefügt.

[2] Karl Ettmayer von Adelsburg (1874-1938), Romanist Südtiroler Herkunft, Schüler Schuchardts und seit 1915 Professor in Wien, vgl. zu einer ausführlichen und materialreichen Biographie, die auch das Verhältnis zu Schuchardt beleuchtet, Goebl (1995: 199-237). Die Edition des Briefwechsels zwischen Ettmayer und Schuchardt durch Hans Goebl ist in Vorbereitung.

[3] Eckige Klammern im Original. Interessant ist an dieser Stelle der Hinweis darauf, dass Schuchardt sich nur anhand dreier Rezensionen und nicht auf Grundlage des Originaltextes Salvionis ein Bild von dessen Arbeit gemacht zu haben scheint. An dieser Stelle wird ersichtlich, welch wichtige Funktion in der zeitgenössischen Wissenschaftskommunikation Rezensionen und Anzeigen zukam.

[4] Publiziert als Schuchardt, Hugo (1900). Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (Leipziger Probevorlesung von 1870) [HSA 352].