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Brief (10-12532)


Hochverehrter Herr Professor,

Mit großer Freude habe ich die reizende Festschrift für Gartner gelesen.[1] Das Dichterische, das Wissenschaftliche u. das Praktische klingen hier so schön zusammen, daß es einen reinen, lieblichen Menschlichen Ton giebt. Ich kann daher nichts dafür, wenn die Form dieses Festbriefes noch viel lebhafter zu mir spricht als sein Inhalt. Den andern Sprachforschern unserer Zeit ist ihre Wissenschaft eine Sache des Gedächtnißes, des abstrahierenden Verstandes u. in den besten Fällen des Scharfsinns; wozu dann als Begleit|2|erscheinungen noch diejenigen Leidenschaften u. Launen kommen mögen, die sich mit allem was nur in Abstracto erlebt wird, zu verbinden pflegen: Fanatismus und Pedanterie. Sie sind der Einzige unter den Lebenden mir bekannten, denen die Sprachwissenschaft im Gemüt u. im Geblüt sitzt. Darum werden Ihnen Ihre Probleme zu Schmerzen, Ihre Forschungen zu Erlebnissen u. Ihre Aufsätze zu Kunstwerken. Wohl giebt es unter den Jüngeren einige, die so tun als widerfahre ihnen dasselbe; aber bei diesen ist es Koketterie.

Auch für Ihr "Baskisch u. Hamitisch",[2] das mich methodologisch |3| sehr interessiert hat, muß ich Ihnen noch danken: Ich hätte a priori nicht geglaubt, daß man das pure Vergleichen, ohne ins Spielerische u. Ergebnislose zu geraten, so weit treiben könne. Man darf es auch nur, wenn man wie Sie Linguist bis in die Knochen ist.

An mir ist nur das flatternde Philosophenmäntelchen linguistisch, weshalb ich reumütig u. wohl für immer zur Literaturgeschichte zurückkehre. Mein Verhältnis zur Sprachwissenschaft ist das des unglücklichen Liebhabers, vielleicht ein komisches, im Grunde aber doch ein ehrliches u. anständiges Verhältniß. |4| Wenn dabei auch die Umworbene nichts gewinnt, so bin ich um manche wertvolle Erfahrung reicher geworden. Zum Wenigsten kann ich, da ich mich damit abgefunden habe, der unglückliche Liebhaber zu sein, mit reinerer Freude u. hellerem Verständnis als Ihre Rivalen, die Tragweite Ihrer Erfolge ermeßen. Der Unglückliche tröstet sich in der philosoph. Betrachtung der Methode. Für diese Betrachtung aber haben mir Ihre Arbeiten noch immer die reichste u. unerwartetste Nahrung gegeben. Darum nochmals herzlichen Dank von Ihrem in aufrichtiger Verehrung ergebenen

K.Vossler.

München, i. Nov. 13.

Leopoldstr. 87 II.

   

[1] Auf der 'Adressatenliste' der Festschrift für Theodor Gartner (Schuchardt 1913) ist Vossler nicht vermerkt, er scheint aber dennoch ein Exemplar erhalten zu haben. Ein Begleitbrief zur Zusendung ist nicht bekannt.

[2] Schuchardt (1913, HSA 648).