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Brief (07-HS_KV_s.n.)

Graz, III, Villa Malwine

24.10.'11

Hochgeehrter Herr Kollege,

Besten Dank für Brief, Logos und GRM![1] Ich freue mich Ihre Arbeit Zur Entst. d. fr. Schr.[2] nun als Ganzes vor mir zu haben – ich bin ja auf die GRM abonniert –[3] und werde demnächst an die Lektüre gehen. Ich muß mir die Dinge immer für die Zeit aufheben da mich meine Wege an ihnen vorüber|2|führen, ganz abgesehen davon daß meine Nervenabspannung (die jetzt ein klein wenig nachgelassen hat) mir eigentlich nur ausnahmsweise erlaubt irgend welche Wege zu wandeln. Und jetzt mache ich ganz kleine Schritte auf sehr steinigem Boden; ich habe es mit den Subtilitäten der baskischen Syntax zu tun.[4]

Ihren Logos-aufsatz habe ich sofort gelesen und bewundere von Neuem mit welch ursprünglicher Kraft Sie die Dinge anpacken. Wenn ich Ihnen gestehe daß ich nicht in allem Ihrer Meinung bin, so meine ich Ihnen damit eher eine Schmeichelei zu sagen; |3| nur in den Niederungen kommt man leicht überein; jede Eigenartigkeit kann ja nicht unmittelbar einem Andern in Saft und Blut übergehen. Die Einteilung der Wissenschaft und die Kennzeichnung der einzelnen Disziplinen hat mir schon so viele Schmerzen bereitet daß ich mir fast vorgenommen habe daran wie an ganz unlösbaren Problemen vorüberzugehen.[5]

Mit meiner Flugschrift bin ich selbst nicht sehr zufrieden, ich habe sie, gegen meine Gewohnheit, sehr rasch geschrieben. Meringer wird darin den "schönen Stil" vermissen, den er mir andichtet (eines der verschiedenen Zuckerkörnchen |4| das er unter seinen Pfeffer gestreut hat).[6] Der dolce stile ist ganz wo anders zu suchen.

Ich wünsche Ihnen daß es Ihnen und den Ihrigen in München gut gefalle.[7] Wenn Sie etwa meinen alten Jugendfreund Georg Hirth[8] kennen sollten, so grüßen Sie ihn von mir.

 

Ihr sehr ergebener

HSchuchardt

 

[1] Vermutlich handelt es sich um Vossler, Karl (1911b). Zur Entstehungsgeschichte der französischen Schriftsprache. Germanisch-Romanische Monatsschrift 3 (1911), 45-60, 157-171, 230-246, 348-363, 476-494.

[2] Es handelt sich um die Arbeit Zur Entstehungsgeschichte der französischen Schriftsprache (Vossler 1911b).

[3] Vermutlich bezieht sich Schuchardt hier auf die in Anm. 9 zu Lfd. Nr. 06-12530 erwähnte Zusammenstellung der einzelnen Teile der Publikation, die Schuchardt als Abonnent der Zeitschrift ohnehin schon – aber eben nicht als "Ganzes" – besaß.

[4] Schuchardt publizierte in den Jahren 1911-1913 zahlreiche baskologische Arbeiten, u.a. Schuchardt 1911 [HSA 609], 1912 [HSA 634] 1913 [HSA 648]. Vgl. auch http://schuchardt.uni-graz.at/werk.

[5] Vossler diskutiert im betreffenden Logos-Aufsatz die Stellung der Sprachgeschichte im Verhältnis zu den verschiedenen sie behandelnden Wissenschaftsdisziplinen bzw. hermeneutischen Interessen, wie sie der Kulturgeschichte, der Literaturgeschichte und der Sprachwissenschaft zu eigen seien und weist auf die Komplementarität der verschiedenen Ansätze hin: "Sind denn aber die historischen Probleme der Syntax, der Etymologie, der Lautgeschichte keine spezifisch sprachwissenschaftlichen und zwar autonome, sprachgeschichtliche Fragestellungen? Ja und nein! Insofern sie nämlich sprachwissenschaftlich sind, sind sie nicht geschichtlicher, sondern grammatikalischer Natur; und insofern sie geschichtlich sind, sind sie nicht mehr rein sprachwissenschaftlicher, sondern allgemein kulturwissenschaftlicher Natur" (Vossler 1911: 172-173, Sperrung im Original).

[6] Vgl. Meringer (1911: 32): "Schuchardt ist kein Mann des Schlagworts. Man betrachte seinen Stil, wie schön fließt er dahin! Die Leute, denen Schlagwörter einfallen, pflegen anders zu schreiben".

[7] Vossler wurde 1911 als ordentlicher Professor an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen.

[8] Der wie Schuchardt aus Gotha stammende Georg Hirth (1841-1916), mit dem Schuchardt lange Zeit sporadisch korrespondierte (Bibl. Nr. 04755-04762), war ein deutscher Verleger und Schriftsteller. Hirth war u.a. als Buchdrucker und später als Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten sehr einflussreich (vgl. Lenk 1972).