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Brief (02-12528)

Hochverehrter Herr Professor,

Als ich bei meiner Rückkehr von Rom[1] Ihre wunderbare Festschrift,[2] die man mir in Anbetracht Ihrer Moles nicht nachgeschickt hatte,[3] auf meinem Tische vorfand, nahm ich mir vor, Ihnen meinen Dank etwas später, dafür aber auch umständlicher auszusprechen nach vollendeter Lektüre. Nun erhalte ich soeben von Prof. Zarncke[4] die Aufforderung, Ihre Festgabe im literar. Centralblatt[5] anzuzeigen, wodurch sich mir die Gelegen|2|heit bietet, Ihnen öffentlich zu zeigen, wie sehr mir Ihre Schrift gefallen hat. Ich werde freilich nur berichten können, denn es fehlen mir die Kenntnisse um irgendwelche kritische Ergänzung beizutragen. – Der Methode Ihrer Wortforschung wird man aufs lebhafteste beipflichten müssen, u. es ist nur zu wünschen, daß sie eifrigere Nachahmung finden möge als bisher geschehen ist, u. daß alle sprachliche Genealogie sich nach u. nach in Kulturgeschichte umsetze.[6] Ich bin in letzter Zeit durch methodologische Reflexionen immer mehr u. mehr in den Bannkreis Ihrer |3| sprachwissenschaftlichen Schriften gezogen worden. Da habe ich dann zum ersten Male erfahren, wie die verwickelteren Einzelprobleme nur durch Klarheit u. Sicherheit in den allgemeinen Grundprinzipien unserer Wissenschaft gefördert u. gelöst werden können. Der rein intuitiv arbeitende Empiriker wird an bestimmten Punkten (z.B. beim Problem andare)[7] schließlich doch in die Irre geführt, u. hier beginnt die Superiorität des systematisch Denkenden. Und hier, d.h. in der Vereinigung von Intuition u. philosophischer Reflexion liegt, glaube ich, auch der Schlüssel zu dem Geheimnis, warum Sie in sprachhistorischen Fragen eine so glückliche Hand haben.

|4| Zu Anfang des nächsten Jahres hoffe ich, Ihnen ein Schriftchen über Sprache als Schöpfung und Entwicklung,[8] eine Art Fortsetzung u. praktischer Ausarbeitung meines Büchleins über Positivismus u. Idealismus[9] übersenden zu können.

Indem ich Ihnen für Ihre schöne Gabe meinen herzlichsten Dank ausspreche, verbleibe ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr ergebenster

Karl Vossler.

Heidelberg[10], 12. Mai 1905

Zähringerstr.10.



[1] Vossler hielt sich ab 1895/96 häufiger in Rom auf, wo er dem Kreis um den Grafen Domenico Gnoli (1838-1915), italienischer Literaturkritiker und Direktor der Bibliothek Vittorio Emanuele di Roma (vgl. Bosco 1933), dessen Tochter Ester ('Esterina') er 1900 heiratete, nahetrat (vgl. Ostermann 1951: 5).

[2] Gemeint ist Schuchardts Festschrift für Adolf Mussafia (Schuchardt 1905, HSA 480).

[3] In der Tat hat die Festschrift mit 50,8 cm * 36 cm ein eindrückliches Großfolio-Format, das wohl für die Nachsendung per Post nicht gut geeignet war bzw. zu hohe Portokosten verursacht hätte.

[4] Eduard Zarncke (1857-1936), deutscher Philologe und Professor für klassische Philologie in Leipzig, Sohn von Friedrich Zarncke, des Gründers des Literarischen Centralblatts (1825-1891), der es nach dessen Tod als Herausgeber weiterführte (vgl. Lick 1993: 130-131).

[5] Vosslers Rezension zur Mussafia-Festschrift erschien noch im selben Jahr (Vossler 1905a).

[6] Vossler zitiert hier Schuchardt, der die von ihm als unabdingbar angesehene Verknüpfung von Sach- und Wortgeschichte folgendermaßen auf den Punkt bringt: "Alle Genealogie muss sich in Kulturgeschichte umsetzen" (Schuchardt 1905: 3, HSA 480). Die Rezension Vosslers hebt eben diese Rückführung der Sprachwissenschaft an die Denotate sprachlicher Zeichen hervor: "Wir haben hier einen methodologisch höchst beachtenswerten und nachahmungswerten Versuch, die Sprachwissenschaft aus ihrer lautgesetzlichen Verknöcherung zu befreien und mit der lebendigen Anschauung der Dinge selbst wieder in Verbindung zu bringen. Nicht eine allgemeine Lautformel, sondern die Einsicht in das Besondere und Individuelle des sprachlichen Lebens wird hier als bewußtes Forschungsziel erstrebt; und hier vereinigen sich wieder die Bemühungen beider Gelehrten, denn hier ist das Ziel der Sprachwissenschaft überhaupt" (Vossler 1905a: 864).

[7] Schuchardt veröffentlichte bereits 1888 eine Replik auf Cornus Ausführungen zu möglichen Etymologien von it. andare (Cornu 1887; Schuchardt 1888, HSA 213).

[8] Es handelt sich um Vossler, Karl (1905b). Sprache als Schöpfung und Entwicklung: Eine theoretische Untersuchung mit praktischen Beispielen. Heidelberg: Winter. Vossler schickte das Buch – anders als angekündigt – offensichtlich schon im Herbst 1905, wie der Dank Schuchardts im darauffolgenden Brief (Lfd. Nr. 03-HS_KV_s.n., September 1905) nahelegt.

[9] Es handelt sich um die zuvor angesprochene Arbeit Vossler (1904).

[10] Vossler war seit 1902 außerordentlicher Professor in Heidelberg.