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Brief (10-10103)

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Graz d. 6 / 8 76.

Verertester Herr College!

Wollen Sie mich entschuldigen, daß ich Iren brief vom 23 v. m. erst heute beantworte. Ich bin mit arbeiten, die noch zu einem leidlichen abschluße kommen sollen, geschäften u correspondenzen arg überhäuft.

Einen schriftlichen leitfaden für Ir hiesiges auftreten werde ich kaum so fertig bringen, daß er Inen etwas nützt. Vielleicht wäre aber eine begegnung zwischen uns beiden möglich.1 Ungefär den 21 sept. denke ich in weimar zu sein u etwa 8 tage dort zu bleiben. Ich werde Inen nach Gotha melden, wenn ich angekommen bin, dann können Sie villeicht einen tag nach W. kommen. Mündlich läßt sich vieles sagen, was man nicht schreiben kann. Besondere rücksichten haben Sie hier nicht zu nemen als die, dass Sie niemand trauen, dessen vertrauenswürdigkeit Sie nicht erprobt haben. Ich empfehle Inen Karajan als zuverläßigen berater in allen dingen, der ser praktisch und in allen universitäts- wie anderen dingen ser erfaren ist. Er wird Inen die beste stütze sein. Von Deutschen empfehle ich Inen Hildebrandt,2 von dem Sie nach ein par begegnungen genau wißen werden, wie Sie mit im daran sind. Vorurteile gegen Sie persönlich bestehen nirgend. Aber jeder hereinberufene Deutsche muß vorsichtig sein, die gegen in ser leicht erregbare abneigung der Altösterreicher nicht zu erregen. In politicis natürlich vorsicht!

Sie brauchen nicht bei allen mitglidern der universität besuche zu machen. Ich habe es seiner zeit getan. Ein italienischer prof. existiert hier nicht mer, Lubin3 ist ja pensioniert, und Sie sind sein nachfolger.

Über die bedürfnisse der studenten und ire fähigkeiten werden Sie Sich wol nur durch die erfarung orientieren können. Nemen Sie die kenntnisse eines untersecundaners als das allgemeine niveau, dann greifen Sie wenig fel. Ein lectionskatalog für das nächste semester ist noch nicht gedruckt. Ist das glück gut, so wird er am 1. oct fertig sein, das ist hier zu lande 'berechtigte eigentümlichkeit'.

Wonungen findet man hier zu jeder zeit. Ein hauptziehtermin ist nicht der 1. oct sondern 1 november. In Hildebrandts hause ist, glaube ich eine wonung, wie Sie sie brauchen werden frei. Sollten Sie auftrag geben wollen eine wonung zu suchen, oder bei Irer ankunft sonstige dienste nötig haben, so empfehle ich Inen den universitätsdiener Taubert, eine grunderliche haut. Ser gute Auskunft erteilt auch der jetzige pedell Lienhart, der aber zum 1. oct. official wird, sich dann also wol mit untergeordneten diensten nicht mer befaßen wird.

Versäumen Sie ja nicht auf Irer herreise in Wien Sich dem minister*), sectionschef v. Heider u Sectionsrat Schulz v. Straznicki4 vor zu stellen und dabei eine außerordentliche liebenswürdigkeit zu entwickeln, aus welcher hervor leuchtet, dass Sie trotzdem nicht in sclavischer abhängigkeit leben wollen.

Von diser persönlichen vorstellung u deren eindruck hängt ser vil ab. Möglichst vornemes auftreten ist hier überall erforderlich, dabei mit äußerster liebenswürdigkeit verbunden.

Die vorlesungen beginnen wirklich am 15 oct.

Mit den besten grüßen Ir Johannes Schmidt.

[Fn: Randnotiz S. 3 unten] *) erteilt mitter. u sonnabend audienz.


[1] Dazu ist es aber anscheinend nicht mehr gekommen. Schuchardt schreibt über 40 Jahre später 29. 5. 1917 an Jakob Jud, Schmidt und er hätten „sich aber wohl nie gesehen“ (Heinimann 1972: 4).

[2] Richard Hildebrand (1840-1918) war ab 1869 außerordentlicher, ab 1873 ordentlicher Professor für Nationalökonomie in Graz, 1893/94 Rektor der Universität (vgl. Braeuer 1972). Von Richard Hildebrand liegen vier Schreiben im Nachlass Schuchardts vor (Bibl. Nr. 04724-04727).

[3] Anton Lubin (1809-1900) war ab 1857 außerordentlicher und von 1862 bis 1875 ordentlicher Professor der italienischen Sprache und Literatur an der Grazer Universität und damit der erste langjährige „Vertreter der romanischen Philologie in Graz“ (Lehner 1980: 31, vgl. 114-115). Schuchardts Berufung erfolgte im Anschluss an Lubins Versetzung in den Ruhestand.

[4] Leopold Franz Schulz von Straßnitzki (1835-?) war Sektionsrat im Ministerium für Kultus und Unterricht (Wurzbach 1876: 201).